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Urteil in Indonesien : Kreuze sollen böse Geister beherbergen

  • -Aktualisiert am

Muslimische Männer tragen in Jakarta Banner mit der arabischen Aufschrift „Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet“. Bild: dpa

Öl ins Feuer: Der nationale Rat indonesischer Islamgelehrter hat einen muslimischen Prediger vom Vorwurf der Blasphemie entlastet. Das Urteil ist nur ein Mosaikstein einer erschreckenden Entwicklung.

          3 Min.

          In Indonesien kursiert derzeit ein Video des wohl populärsten islamischen Predigers des Landes, Ustadz Abdul Somad. In der Aufnahme wird er von einer Zuhörerin gefragt, warum ihr beim Anblick von christlichen Kreuzen immer ein Schauer über den Rücken laufe. Er antwortet, das liege daran, dass christliche Kreuze von bösen Geistern bewohnt seien. Mit anderen Worten: Kreuze seien des Teufels. Somad ist ein prominentes Mitglied von Nahdlatul Ulama, der „moderateren“ der beiden „moderaten“ muslimischen Massenorganisationen Indonesiens.

          Er war fünf Jahre lang Mitglied ihrer Regionalführung in Riau. Sein Instagram-Account hatte bis zu dessen zeitweiliger Sperrung in diesem Jahr mehr Anhänger als der Social-Media-Auftritt irgendeines anderen religiösen Anführers im Land. Zur Verteidigung des nun aufgetauchten Videos wusste Somad vorzubringen, er habe in einer islamischen Einrichtung geredet, sein Publikum habe nur aus Muslimen bestanden. Da keine Christen anwesend gewesen seien, könne er auch keine Christen beleidigt haben. Im Übrigen habe er nur eine Frage beantwortet.

          Indonesische Christen zeigten Somad wegen Blasphemie an – offiziell schützt der hiesige Gotteslästerungsparagraph alle staatlich anerkannten Religionen. Islamisten zogen sofort mit Gegenklagen nach: Allein die Unterstellung, der verehrte Prediger könne Blasphemie begangen haben, sei eine Beleidigung. Vor wenigen Tagen beschäftigte sich der nationale Rat indonesischer Islamgelehrter, der MUI, mit dem Fall. Der Rat schloss sich nicht nur der Verteidigung Somads selbst fast wörtlich an. Er forderte darüber hinaus dessen Kritiker nachdrücklich dazu auf, Ruhe zu geben.

          Besorgniserregende Entwicklung

          Diese Entscheidung der faktisch obersten religiösen Instanz Indonesiens zeigt nicht nur überdeutlich, wie weit die Fundamentalisierung des Landes bereits vorangeschritten ist, sondern sie dürfte auch fatale Konsequenzen für das interreligiöse Zusammenleben im Staat mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt haben. Dass Hassreden gegen Christen und andere Minderheiten in Indonesien kursieren, online ebenso wie in Moscheen, darauf haben wirklich moderate Muslime ebenso wie Angehörige von Minderheiten wieder hingewiesen.

          Vieles ist in etwas weniger drastischen Worten weiterhin im Netz zu sehen. Und anders wäre der rapide Anstieg der Intoleranz der letzten Jahre auch gar nicht zu erklären. Mit der Absolution eines islamischen Predigers, der das Christentum buchstäblich dämonisiert, scheint nun gleichwohl eine neue Stufe erreicht. Denn damit ist die Verbreitung von Hassreden gegen Christen, jedenfalls wenn sie innerhalb von Moscheen und muslimischen Einrichtungen erfolgt, durch den MUI quasi offiziell abgesegnet.

          Bereits zuvor war die steigende Intoleranz im Land unübersehbar. Sie hat sich immer wieder in Umfragen gezeigt – und auf fürchterliche Weise bei dem Anschlag auf drei Kirchen in Surabaya im Mai 2018, bei dem zwei muslimische Selbstmordattentäter mindestens fünfzehn Personen töteten. Sie zeigt sich auch als Intoleranz im Alltag. Erst im Juli wurde einem katholischen Maler und seiner Familie nach ihrem Umzug in das zentraljavanische Karet erklärt, sie müssten wieder ausziehen: In diesem Dorf könnten nur Muslime Häuser kaufen oder mieten.

          Im Dezember sägten Bewohner eines anderen Dorfes auf Java das Kreuz auf dem Grab eines Christen ab und erklärten seiner Witwe, der Friedhof sei exklusiv für Muslime bestimmt. In diesem August wurden Kreuze auf einem weiteren Friedhof in Zentral-Java teils aus den Gräbern gezogen, teils beschädigt und verbrannt – nur ein Fall einer ganzen Reihe von Vandalisierungen christlicher Grabstätten in diesem Jahr. Langfristig wohl noch gefährlicher für den Zusammenhalt des multireligiösen Landes: Quer durch Indonesien sprießen Hauskomplexe, die sich an der Scharia orientieren und die Nichtmuslime nicht bewohnen dürfen – religiöse Apartheid.

          Mit zweierlei Maß

          Und nun kann man im größten muslimischen Land der Erde, bis vor kurzem noch als Modell für einen moderaten Islam gepriesen, ungestraft über Christen sagen, dass sie des Teufels seien. Zum Vergleich: Erst in diesem Mai verweigerte der Oberste Gerichtshof des Landes die Revision der Verurteilung einer buddhistischen Indonesierin zu eineinhalb Jahren Gefängnis. Sie hatte in einem privaten Vieraugengespräch mit einem Nachbarn beklagt, dass die Lautsprecherübertragung des Gebetsrufs aus der lokalen Moschee etwas laut geworden sei.

          Der ehemals bekannteste christliche Politiker des Landes, der Ex-Gouverneur von Jakarta, wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt, weil er in einer Wahlkampfrede gesagt hatte, seine Zuhörer sollten sich nicht von einem Koranvers irre machen lassen, der Muslimen angeblich verbiete, Nichtmuslime zu wählen. In beiden Fällen – und etlichen weiteren – zeigten der regionale respektive der nationale Rat der Islamgelehrten genau jene Härte, die der MUI gegenüber der verheerend christenfeindlichen Rede des muslimischen Predigers nun demonstrativ vermissen ließ.

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