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Hindu-Nationalisten in Indien : Plötzlich haben sie Kreide gefressen

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Die dem Hindu-Traditionalismus nahestehende Bharatiya-Janata-Partei unter Narendra Modi hat einen großen Wahlsieg errungen. In der liberalen Presse wird seitdem ängstlich jeder Schritt der Regierung untersucht. Bild: dpa

Hoffnungszeichen für Indien: Ein halbes Jahr nach dem Wahlsieg der Hindu-Nationalisten ist der befürchtete Kulturkampf ausgeblieben. Aber bleibt das so? Vieles ist noch im Umbruch begriffen.

          Indien hat ein angespanntes Verhältnis zu seiner Geschichte. Einerseits bescheinigen Indologen den Hindus eine ahistorische Mentalität. Nach deren Vorstellung verläuft die Zeit in Kreisläufen statt linear und progressiv. Also ist Geschichte unwichtig, weil ja alles schon gewesen ist und in Zukunft wiederkommt. Anderseits hat das indische Volk ein langes historisches Gedächtnis entwickelt, um seine Identität festzulegen und zu stärken. Aus den Taten der Vergangenheit, gerade auch aus historischen Abgrenzungen zu und Reibungen mit anderen Gruppen sowie durch die Errichtung von Hierarchien kristallisierte sich seine Identität hinaus.

          Man sollte meinen, dass die Hindus, die ja mehr als achtzig Prozent der Bevölkerung ausmachen, Identitätsfindung gar nicht nötig haben. Um aber auch vor sich selbst den Anspruch zu rechtfertigen, Verwalter des Landes und verantwortlich für Gesetz und Moral zu sein, sind sie meist streng traditionell und sehen sich vor allem gern im Gegensatz zu dem viel kleineren muslimischen Bevölkerungsteil (etwa elf Prozent). Obwohl Hindus allgemein philosophisch tolerant sind, halten sie an ihren meist eng definierten religiösen und ethnischen Klassen- und Kasteneinteilungen fest. Solche multiplen Identitäten mit oft widerstreitenden Loyalitäten machen den Indern ihren Alltag nicht leicht. Die Folge ist ein überaus empfindliches soziales Gleichgewicht, das ständig an irgendeiner Stelle zerbricht und in Streit, Kampf und Animositäten umschlägt.

          Es deutet sich ein Paradigmenwechsel an

          In Indien vollzieht sich der Wandel von einem Geschichtsbild zum anderen in beängstigender Geschwindigkeit und stets der Ideologie der jeweiligen Regierungspartei folgend. Die rechtsgerichtete, dem Hindu-Traditionalismus nahestehende Bharatiya-Janata-Partei (BJP) unter Narendra Modi hat vor einem halben Jahr einen großen Wahlsieg errungen. In der liberalen Presse sowie unter Christen und Muslimen wird seitdem ängstlich jeder Schritt der Regierung daraufhin untersucht, ob sich wieder ein Wandel des offiziellen Geschichtsbildes vollzieht, ob Schulbücher umgeschrieben und mit welchen Personen die Posten akademischer Gremien neu besetzt werden.

          Modi erhielt das Regierungsmandat vor allem aufgrund seines Versprechens, eine korruptionsfreie, transparente Regierung anzuführen, deren Priorität „Entwicklung“ und wirtschaftlicher Fortschritt sein würden. Zur Überraschung vieler hat er seitdem die nationale Einheit beschworen, verhält sich großzügig gegenüber Minderheiten und bemüht sich tatsächlich um eine saubere Staatsführung. Er wirkt im Ausland wie in Indien staatsmännisch. Manche Medien wollen dennoch im politisch-sozialen Untergrund die Wühlarbeit der Hindu-Nationalisten entdecken. Die Frage, die man nach einem halben Jahr noch nicht beantworten kann, lautet, ob sich allmählich ein Paradigmenwechsel hin zur konservativen Vorstellung von Indien als einem „Hindu-Reich“ vollzieht.

          Ein Hinweis darauf ist die Ernennung von Yellapragada Sudershan Rao zum neuen Vorsitzenden des Indian Council of Historical Research, einer Forschungseinrichtung, die historische Studien fördert. Rao äußerte in einem Interview die Ansicht, dass die Epen Mahabharata und Ramayana keine Mythen seien, sondern die Geschichte ihrer Entstehungszeit widerspiegelten. Mit diesem Verständnis von Wissenschaft stellt sich Rao in die fundamentalistische Ecke. Anderseits wurde mit Lokesh Chandra ein erfahrener Geisteswissenschaftler mit weltweiten Beziehungen als Leiter des Indian Council for Cultural Relations eingesetzt. Ihm sagt man keine Antipathien gegenüber dem akademischen Westen nach. Er ist verantwortlich für kulturelle Beziehungen mit dem Ausland.

          Lateinunterricht als Werk christlicher Fundamentalisten

          Die Medien rechnen derweil der Öffentlichkeit vor, wie viele Zusammenstöße zwischen Hindus und Muslimen, wie viele Krawalle unter den Kasten und Klassen es in den letzten Monaten gegeben habe. Gewiss, aber waren es vorher weniger? Die bis Mitte 2014 regierende Congress-Partei hat Bücher und Filme verbieten lassen, bekannten Autoren die freie Meinungsäußerung streitig gemacht und geduldet, dass der 2011 gestorbene Maler Maqbul Fida Husain, Indiens bedeutendster Künstler, nicht ohne Gefährdung in sein Heimatland einreisen konnte – alles im Namen des „sozialen Friedens“ und entgegen dem Recht auf Redefreiheit.

          Diesen Kulturkampf gibt es in Indien seit je. Zurzeit wird in den Medien die Absetzung des Schulfaches Deutsche Sprache diskutiert. Sogar Angela Merkel hat sich bei einer Begegnung mit Modi für den Deutschunterricht in Indien eingesetzt. Deutsch bleibt fakultativ, soll aber von der klassischen indischen Sprache, dem Sanskrit, als Pflichtfach abgelöst werden. Indischer Deutschunterricht dient einzig der Vorbereitung auf eine Karriere in deutschen Firmen. Das Studium von Sanskrit oder einer indischen Sprache gibt dagegen Jugendlichen die Möglichkeit, ein bedeutendes Segment der eigenen Geschichte und Kultur zu verstehen. Darf man diese Entscheidung als ein Werk von Hindu-Fundamentalisten schelten?

          Indische Christen beschweren sich verstärkt über Repressalien der Visva Hindu Parisad, einer Kader-Organisation, die die BJP ideologisch unterstützt und anleitet. Die Frage ist, ob die Kader nach dem Wahlsieg ermutigt sind, gegen christliche Missionare und christliche Schulen vorzugehen, oder ob die Regierung die Stärke und den Willen zeigen kann, solchen Übergriffen Einhalt zu gebieten. Denn die BJP kann es sich weder innenpolitisch noch international leisten, als bloße Partei der Hindus zu erscheinen. Gerade dieser Gefahr setzt sie sich allerdings mit ihrer jüngsten Kampagne aus, die eine der heiligen Schriften der Hindus, die Bhagavad-Gita, als „nationales Buch“ deklarieren will. Das Argument, deren Ethik könne von Mitgliedern aller Religionen angenommen werden, ist einseitig. Ähnliches können Muslime vom Koran und Christen vom Neuen Testament behaupten.

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