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Pressezensur in Weißrussland : Schreibt nicht von der tödlichen Gefahr!

In Weißrussland, 370 Kilometer südöstlich von Minsk, beginnt die nuklear verseuchte Zone. Hier halten Bauern Vieh. Ihre Produkte sind hochradioaktiv belastet. Bild: AP

Ein Reporter von Associated Press berichtet aus Weißrussland über verstrahlte Milch. Sie stammt aus einem durch das Reaktorunglück von Tschernobyl verseuchten Gebiet. Ein Gericht zwingt ihn, den Artikel zurückzuziehen. Der Inhalt ist zu brisant.

          Weißrussland bekleidet in der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen Platz 157 von 180. „Kritische Berichterstattung über den Präsidenten und die Regierung kann mit harten Strafen geahndet werden. Journalisten und Blogger werden immer wieder verfolgt“, heißt es dazu. Gemessen daran, ist Juras Karmanau, Korrespondent der Associated Press in Minsk, bisher glimpflich davongekommen. Ein Gericht in der weißrussischen Hauptstadt hat ihn im Dezember dazu verurteilt, einen Artikel zurückzuziehen, der Journalist hat gegen die Entscheidung Rechtsmittel eingelegt. Es geht um ein Thema, welches das Regime von Präsident Lukaschenka „am liebsten schließen“ wolle, wie Karmanau sagt: die Folgen des Atomunglücks von Tschernobyl.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Explosion des vierten Reaktorblocks im Kernkraftwerk direkt hinter der Grenze zur damaligen Ukrainischen Sowjetrepublik im April 1986 kontaminierte 200.000 Quadratkilometer Land, einen Großteil davon in Weißrussland. Dort wurden 470 Dörfer und Städte geräumt, 138.000 Menschen umgesiedelt; 200.000 weitere flohen auf eigene Initiative vor Cäsium 137, Strontium 90 und Plutonium 239, die als radioaktiver Niederschlag (Fallout) über fast einem Viertel der Fläche der damaligen Weißrussischen Sowjetrepublik niedergegangen waren. Über die Zahl der Toten wird bis heute gestritten, auch über erhöhte Risiken, an Krebs zu erkranken. Karmanau, Anfang vierzig, hat binnen eines Jahres vier Freunde seines Alters an die Krankheit verloren. Ob ein Zusammenhang mit dem Unglück besteht, ist eine Frage, die in Weißrussland, das Lukaschenka in sowjetischer Tradition beherrscht, nicht erwünscht ist.

          Die Sperrzone wird von Bauern genutzt

          Auch auf weißrussischem Boden gibt es eine Sperrzone, die „Radioökologisches Schutzgebiet“ heißt. Das Regime will aber vermeintlich verlorene Flächen landwirtschaftlich nutzen. „Man habe radioaktiv verseuchte Erde abgetragen und könne durch Änderungen bei der Düngung, der Fruchtfolge und der Fütterung von Mastvieh zumindest in der Theorie ausschließen, dass Menschen über ihre Lebensmittel Radionukleide aufnähmen“, zitierte diese Zeitung vor bald sechs Jahren den Leiter des Radiologischen Instituts in dem besonders betroffenen Gomeler Gebiet (F.A.Z. vom 20. April 2011). Weiter hieß es: „Aber hin und wieder ergeben Messungen, die Greenpeace durchführt, dass die weißrussischen Grenzwerte, etwa in der Milch, doch überschritten werden.“ Karmanaus Bericht, der am 25. April 2016 erschien („AP Exklusiv: Test findet Tschernobyl-Rückstand in Weißrussland-Milch“), durfte die Behörden also nicht überraschen.

          Wir haben keine Angst vor der Strahlung, sagen Bauern, auf die das AP-Team traf.

          Zwei Kilometer von der Sperrzone und 45 Kilometer nördlich des havarierten Kernkraftwerks hatte ein Bauer dem Korrespondenten und dessen Fotografen frische Milch angeboten. „Die Reporter der Associated Press lehnen höflich ab, geben aber eine Probe in einer Flasche einem Laboratorium weiter“, schrieb Karmanau. Der Test im staatlichen Minsker Zentrum für Hygiene und Epidemiologie ergab, dass der Wert für Strontium 90, ein radioaktives Isotop, das mit Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden wird, zehnmal so hoch war wie in Weißrussland maximal zulässig. Das hat Karmanau schriftlich.

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