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In Sachen Jesus-Buch : Lehmann haut den Papst raus

Papst-nah: Kardinal Lehmann Bild: AP

In seinem Mainzer Bistumsblatt „Glaube und Leben“ tadelt Kardinal Lehmann die Frankfurter Allgemeine Zeitung dafür, dass sie eine kritische Rezension zum päpstlichen Jesus-Buch veröffentlicht hatte. Welches Teufelchen mag den Kardinal dabei geritten haben?

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          Kennt Karl Kardinal Lehmann den Unterschied zwischen einer Kirche und einer Zeitung? Man kann sich da Zweifel erlauben. Alles begann ganz harmlos mit einer bischöflichen Solidaritätsadresse aus Mainz an den Bundesinnenminister in Berlin. Kritik an Schäubles Sicherheitsmaßnahmen vor dem G-8-Gipfel widerspreche dem selbstverständlichen Fairnessgebot, gab Lehmann in einem pfingstlichen Interview zu verstehen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Er selbst, so Lehmanns theologisches Argument ad hominem, habe Schäuble „seit Jahrzehnten als erfahrenen, besonnenen Politiker erlebt“ und könne sich nicht vorstellen, „dass dieser Mann leichtsinnig handelt“. Doch kaum hatte der Kardinal den Minister für Inneres dergestalt rausgehauen, siehe, da reute ihn solch fahrlässige Überschreitung seiner Amtsbefugnis, und er dachte bei sich: Ei, ich wäre wohl ein schlechter Kardinal, wollte ich immerdar nur alle möglichen Minister in Berlin raushauen und nicht wenigstens ein einziges Mal auch meinen Chef in Rom.

          Den Papst wird's amüsieren

          Und so schrieb der Bischof flugs einen Essay für sein Mainzer Bistumsblatt „Glaube und Leben“, in welchem er die Frankfurter Allgemeine Zeitung dafür tadelt, dass sie nebst manchen wohlwollenden Berichten und Stellungnahmen zum päpstlichen Jesus-Buch auch eine entschieden kritische Rezension aus der Feder des Saarbrücker Theologen Karl-Heinz Ohlig veröffentlicht hatte. Bei dem Rezensenten handele es sich um einen Autor, der in der Vergangenheit mit seinen theologischen Thesen in Konflikt mit dem kirchlichen Lehramt geraten sei, schreibt Lehmann. „Na und?“, fragt sich die säkulare Zeitung aus Frankfurt keck.

          Er, Lehmann, aber frage sich, warum ausgerechnet ein Dissident wie Karl-Heinz Ohlig für die Rezension in einem derart einflussreichen Medium ausgewählt worden sei. „War es die Lust an Konfrontation und Sensation? Oder was sonst? Wo blieb da die sonst selbstverständliche Fairness?“ Was den Kardinal wohl geritten haben mag, die Kritik unseres Rezensenten als unfair zu bezeichnen? War’s der Teufel? War’s Lehmanns Lust, bei der römischen Kurie den Geruch des unsicheren Kantonisten loszuwerden? Oder was sonst? Wollte Lehmann mit seiner Schelte vielleicht nur vergessen machen, was die Theologen von den Kirchtürmen pfeifen: dass er selbst es gewesen sei, der den nun flugs verteufelten Rezensenten vor Jahr und Tag mit einem Gutachten aus dem römischen Disziplinarverfahren rausgehauen habe, in das Ohlig – Rahner-Schüler wie Lehmann – wegen seiner unbotmäßigen Thesen verwickelt war?

          Joseph Ratzinger dürfte, was den ritterlichen Vorstoß seines langjährigen Kritikers Lehmann in Sachen Jesus-Buch angeht, im Stillen amüsiert sein. Man hört ein mildes: „Ach Karl, lass die Debatte doch laufen, wie sie läuft.“ Schließlich kommt jedem Autor nichts so gelegen wie Widerspruch, zu welchem Ratzinger im Vorwort seines Buches denn auch ausdrücklich einlädt, ja aufruft. Nur Widerspruch hält eine Debatte in Gang, ein Buch im Gespräch. Ist Lehmanns Versuch, die Debatte zu unterbinden und aus der Zeitung eine Kirche zu machen, also nur eine besonders raffinierte Art, das Papst-Buch zu sabotieren? Ein Teufelchen, wer solches denkt.

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