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Moskau bringt Jugend zur Räson : Achtung, Sie sind im Fadenkreuz!

  • -Aktualisiert am

Damit, wie Verteidigungsminister Schoigu es ausdrückt, die Jugendarmee ein passendes Objekt erstürmen könne, wurde im militärischen Trainingspark „Patriot“ eine verkleinerte Nachbildung des Berliner Reichstags eingeweiht. Bild: AFP

Ob mit Straßenbau oder Säureattentaten: In Russland wird die Jugend auf tückische Weise zur Räson gebracht. Im moskaunahen militärischen Trainingspark „Patriot“ kann sie dafür eine Nachbildung des Reichstags erstürmen.

          Pünktlich zu Beginn der warmen Jahreszeit werden die Verkehrswege in Moskau unpassierbar. Schon einige Jahre in Folge lassen die Stadtväter, kaum dass die Straßencafés öffnen, die Innenstadt aufgraben, um Fahrbahnen enger, Fußwege breiter zu machen und Kachelbeläge, die gerade zwei Jahre alt sind, durch teurere zu ersetzen. Mit dieser Klappe schlagen sie gleich mehrere Fliegen, erklärt der Kompositionsstudent Juri mit feinem Lächeln. Sie zweigen staatliche Finanzmittel ab, vergrößern Staus und Parkplatznöte und verhindern nicht zuletzt – jetzt etwa durch eine „Renovierung“ des Puschkin-Platzes, wo am 26. März Tausende Jugendliche gegen Korruption demonstrierten – Protestmärsche. Juri war bei der Veranstaltung dabei.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          In diesen Tagen wird der Verkehrsinfarkt zusätzlich noch verschärft durch die Proben für die Militärparade am 9. Mai, dem Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg, der umso bombastischer begangen wird, je weiter das Ereignis zurückliegt. Jeden zweiten Tag werden derzeit wichtige Ausfallstraßen gesperrt, damit Panzer, Geschützwagen, riesige Langstreckenraketen durch die Stadt rollen und nicht zuletzt gegenüber den Einheimischen eine Drohkulisse aufbauen können.

          Dann eben mit einem stilvollen weißen Auge

          Gegen die russische Zivilgesellschaft kommt immer schärfere Munition zum Einsatz. Der Korruptionsjäger und Präsidentschaftsanwärter Alexej Nawalnyj, der die Studentenproteste organisiert und zu neuen aufgerufen hat, wurde jetzt Opfer eines Säureanschlags, der ihn möglicherweise die Sehkraft eines Auges kostet. Zum wiederholten Mal hatte ein aggressiv dem Regime ergebener Ultranationalist Nawalnyj vor dem Büro von dessen Antikorruptionsstiftung aufgelauert und ihn mit dem grünen, schwer zu entfernenden Desinfektionsmittel Seljonka begossen, mit dem sich Nawalnyjs Anhänger mittlerweile stolz fotografieren lassen, als wäre es eine Antikorruptionskriegsbemalung. Doch dem Mittel war diesmal eine Substanz beigemischt, die eine chemische Verätzung von Nawalnyjs rechtem Auge verursachte.

          Kriegsversehrt, aber unverzagt: Der Korruptionsbekämpfer Alexej Nawalnyj lässt sich von seiner Frau behandeln.

          Der tapfere Mann bewahrt den Kampfgeist und den Humor, die ihn zur Kultfigur der jungen Generation gemacht haben. Sollte die Verletzung irreversibel sein, bekäme Russland einen Präsidenten mit einem stilvollen weißen Auge, verkündete Nawalnyj im Netz und postete ein Fotoshop-Porträt von sich als einäugiger Arnold Schwarzenegger aus „Terminator 2“, den er zu seinem Lieblingsfilm erklärte. Der Oppositionspolitiker gibt sich überzeugt, dass Staatssicherheit und Regierung hinter dem Anschlag stünden. Dafür spricht, dass, wie schon in früheren Fällen, der Attentäter nicht belangt wurde, während zugleich der kremltreue Fernsehsender Ren-TV ein Video des Überfalls sendete, auf dem das Gesicht des Täters unkenntlich gemacht worden war. Die Warnung an die Öffentlichkeit ist klar: Regimegegner müssen um ihre physische Unversehrtheit fürchten, ihre Peiniger genießen Schutz – wobei diese gezielt friedliebende, gesetzestreue Bürger angreifen, die „nicht zurückschießen“, wie die Journalistin Julia Latynina hervorhebt.

          Extremismusbezichtigungen am Telefon

          Zu den Verfolgten gehören auch Kritiker des grandiosen Bau- und Umsiedlungsprojekts „Renovazia“, mit dem der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin nicht nur die fünfstöckigen Appartementblocks aus der Chruschtschow-Zeit abreißen und ihre Bewohner in Wohntürme mit dreißig und mehr Etagen, ohne Höfe und Infrastruktur, umtopfen will. Betroffen sind mehr als anderthalb Millionen Hauptstädter, die de facto enteignet werden sollen, weshalb schon von einer neuen „Entkulakisierung“ die Rede ist. Sobjanin, der im vergangenen Jahr die Moskauer Verkaufskioske demolieren ließ, auch wenn deren Eigentümer Besitzdokumente vorweisen konnten, bekam für das Vorhaben von Präsident Putin persönlich grünes Licht. Bauherr ist korruptionsträchtigerweise die Stadtverwaltung selbst. Umso gefährlicher leben die Gegner von „Renovazia“. Einem von ihnen, dem kommunistischen Duma-Abgeordneten Sergej Schargunow, wurde seine Wohnung angezündet, eine zweite, die Aktivistin Cary Guggenberger, wurde verprügelt, eine dritte, Natalja Fjodorowa von der Oppositionspartei Jabloko, wurde mit Säure begossen und erlitt Augenschäden.

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          Solche Einschüchterung trägt Früchte. Die verdiente historische und Menschenrechtsgesellschaft „Memorial“, die zum „ausländischen Agenten“ erklärt wurde, musste die Preisverleihung des landesweiten Schüleraufsatzwettbewerbs „Der Mensch in der Geschichte“ diesmal in einem Theater abhalten, weil die Leitung des ursprünglich für die Veranstaltung gebuchten Saales im Telegraphengebäude kurzfristig absagte. Im Vorfeld sendete Ren-TV einen Bericht, der insinuierte, der Wettbewerb erzöge die Schüler zum Extremismus. Bei Schulbehörden in den Provinzen meldeten sich Anrufer, die sich als Bildungsbeamte ausgaben und das Gleiche behaupteten.

          Sturmübungen am Reichstag

          Der Wettbewerb zeichnet Aufsätze aus, deren jugendliche Verfasser eigenständig ein Stück Geschichte erforscht haben, indem sie Verwandte, Bekannte oder Archive befragten. Im Laufe der Jahre mehrten sich leider schematische, phrasenhafte Texte, wenn es um den Zweiten Weltkrieg ging, sagt die Leiterin der Bildungsprogramme bei „Memorial“, Irina Schtscherbakowa. Statt sich um eine lebendige Vorstellung von den oft schrecklichen Kriegsereignissen zu bemühen, werde in der Schule oft ein hohler heroischer Mythos beschworen. Die Großmütter und Großväter, die dem lebendige Erfahrungen entgegensetzen konnten, gebe es in vielen Familien nicht mehr. Eine Schülerin habe in ihrem Wettbewerbsbeitrag sogar ehrlich geschildert, wie sie ihren Opa, der Frontsoldat war, bat, ihr doch eine „schöne“ Geschichte für den Unterricht zu erzählen; seine Kriegserinnerungen an zerrissene Stiefel und eine Ziege, die ihm das Leben rettete, taugten nichts.

          Russland will seiner Jugend den Krieg auch als Berufsperspektive schmackhaft machen. Seit Beginn des Ukraine-Konflikts werden überall im Land militärisch-patriotische Schülerklubs aufgebaut, in Rostow und Tscherepowez veranstalten sogar Kindergärten Paraden kleiner Vaterlandsverteidiger. Dachorganisation ist die inzwischen 42.000 Kinder starke „Junarmia“ oder Jugendarmee, die Schüler im Alter von zehn bis achtzehn Jahren aufnimmt, damit sie mit der Kalaschnikow umgehen und sie auf Vaterlandsfeinde richten lernen. Als passende Zielscheibe empfahl ein anonymes, offenbar vom Kreml lanciertes Youtube-Video jüngst Nawalnyj, den es wegen früherer nationalistischer Äußerungen mit Hitler verglich. Studenten der Universität von Wladimir, denen der Film gezeigt wurde, protestierten freilich gegen die „Indoktrinierung“, ebenso wie Nawalnyj-Anhänger an der Universität von Tomsk, denen ein Dozent beibringen wollte, Korruption wäre ganz normal.

          Umso bezeichnender, dass im moskaunahen militärischen Trainingspark „Patriot“ jetzt eine verkleinerte Nachbildung des Berliner Reichstags eingeweiht wurde, damit die Jugendarmee ein passendes Objekt erstürmen könne, wie sich Verteidigungsminister Sergej Schoigu ausdrückte. Merkwürdig nur, dass das symbolische Übungsgerät nicht das Kuppelskelett von 1945 trägt, sondern das heutige Dach des deutschen Bundestages.

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