https://www.faz.net/-gqz-8xic3

Moskau bringt Jugend zur Räson : Achtung, Sie sind im Fadenkreuz!

  • -Aktualisiert am

Extremismusbezichtigungen am Telefon

Zu den Verfolgten gehören auch Kritiker des grandiosen Bau- und Umsiedlungsprojekts „Renovazia“, mit dem der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin nicht nur die fünfstöckigen Appartementblocks aus der Chruschtschow-Zeit abreißen und ihre Bewohner in Wohntürme mit dreißig und mehr Etagen, ohne Höfe und Infrastruktur, umtopfen will. Betroffen sind mehr als anderthalb Millionen Hauptstädter, die de facto enteignet werden sollen, weshalb schon von einer neuen „Entkulakisierung“ die Rede ist. Sobjanin, der im vergangenen Jahr die Moskauer Verkaufskioske demolieren ließ, auch wenn deren Eigentümer Besitzdokumente vorweisen konnten, bekam für das Vorhaben von Präsident Putin persönlich grünes Licht. Bauherr ist korruptionsträchtigerweise die Stadtverwaltung selbst. Umso gefährlicher leben die Gegner von „Renovazia“. Einem von ihnen, dem kommunistischen Duma-Abgeordneten Sergej Schargunow, wurde seine Wohnung angezündet, eine zweite, die Aktivistin Cary Guggenberger, wurde verprügelt, eine dritte, Natalja Fjodorowa von der Oppositionspartei Jabloko, wurde mit Säure begossen und erlitt Augenschäden.

Solche Einschüchterung trägt Früchte. Die verdiente historische und Menschenrechtsgesellschaft „Memorial“, die zum „ausländischen Agenten“ erklärt wurde, musste die Preisverleihung des landesweiten Schüleraufsatzwettbewerbs „Der Mensch in der Geschichte“ diesmal in einem Theater abhalten, weil die Leitung des ursprünglich für die Veranstaltung gebuchten Saales im Telegraphengebäude kurzfristig absagte. Im Vorfeld sendete Ren-TV einen Bericht, der insinuierte, der Wettbewerb erzöge die Schüler zum Extremismus. Bei Schulbehörden in den Provinzen meldeten sich Anrufer, die sich als Bildungsbeamte ausgaben und das Gleiche behaupteten.

Sturmübungen am Reichstag

Der Wettbewerb zeichnet Aufsätze aus, deren jugendliche Verfasser eigenständig ein Stück Geschichte erforscht haben, indem sie Verwandte, Bekannte oder Archive befragten. Im Laufe der Jahre mehrten sich leider schematische, phrasenhafte Texte, wenn es um den Zweiten Weltkrieg ging, sagt die Leiterin der Bildungsprogramme bei „Memorial“, Irina Schtscherbakowa. Statt sich um eine lebendige Vorstellung von den oft schrecklichen Kriegsereignissen zu bemühen, werde in der Schule oft ein hohler heroischer Mythos beschworen. Die Großmütter und Großväter, die dem lebendige Erfahrungen entgegensetzen konnten, gebe es in vielen Familien nicht mehr. Eine Schülerin habe in ihrem Wettbewerbsbeitrag sogar ehrlich geschildert, wie sie ihren Opa, der Frontsoldat war, bat, ihr doch eine „schöne“ Geschichte für den Unterricht zu erzählen; seine Kriegserinnerungen an zerrissene Stiefel und eine Ziege, die ihm das Leben rettete, taugten nichts.

Russland will seiner Jugend den Krieg auch als Berufsperspektive schmackhaft machen. Seit Beginn des Ukraine-Konflikts werden überall im Land militärisch-patriotische Schülerklubs aufgebaut, in Rostow und Tscherepowez veranstalten sogar Kindergärten Paraden kleiner Vaterlandsverteidiger. Dachorganisation ist die inzwischen 42.000 Kinder starke „Junarmia“ oder Jugendarmee, die Schüler im Alter von zehn bis achtzehn Jahren aufnimmt, damit sie mit der Kalaschnikow umgehen und sie auf Vaterlandsfeinde richten lernen. Als passende Zielscheibe empfahl ein anonymes, offenbar vom Kreml lanciertes Youtube-Video jüngst Nawalnyj, den es wegen früherer nationalistischer Äußerungen mit Hitler verglich. Studenten der Universität von Wladimir, denen der Film gezeigt wurde, protestierten freilich gegen die „Indoktrinierung“, ebenso wie Nawalnyj-Anhänger an der Universität von Tomsk, denen ein Dozent beibringen wollte, Korruption wäre ganz normal.

Umso bezeichnender, dass im moskaunahen militärischen Trainingspark „Patriot“ jetzt eine verkleinerte Nachbildung des Berliner Reichstags eingeweiht wurde, damit die Jugendarmee ein passendes Objekt erstürmen könne, wie sich Verteidigungsminister Sergej Schoigu ausdrückte. Merkwürdig nur, dass das symbolische Übungsgerät nicht das Kuppelskelett von 1945 trägt, sondern das heutige Dach des deutschen Bundestages.

Weitere Themen

2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie Video-Seite öffnen

Bei Auktion : 2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie

Auf einer Versteigerung wurden 2,9 Millionen Euro für eine Kopie des Meisterwerks von Leonardo da Vinci gezahlt. Nach Angaben des Auktionshauses Christie's handelt es sich dabei um einen Rekordpreis für eine derartige Replik.

Topmeldungen

Auge in Auge mit den „Gelbwesten“: eine französische Polizistin im April 2019 in Paris

Sorge in Frankreich : Das zerrüttete Verhältnis von Polizei und Presse

Polizisten und Journalisten stehen sich in Frankreich fremd gegenüber, die Pressefreiheit ist in Gefahr. Deshalb suchte die Regierung den Rat einer unabhängigen Kommission. Unsere Korrespondentin war Teil davon.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.