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Glaubenskampf : In der Slowakei streiten vor der Wahl die Christen

Für Gott und Vaterland: Funktionäre der rechtsextremen Partei ĽSNS auf einer Kundgebung vor der slowakischen Parlamentwahl Bild: Reuters

Im Wahlkampf sind Rechtsextreme und christliche Fundamentalisten in der Slowakei eine unheilige Allianz eingegangen. Jetzt wächst der Widerstand gegen den politischen Missbrauch der Religion.

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          Das Böse kommt für sie aus Istanbul. Doch die Demonstranten, die jüngst in Pressburg (Bratislava) vor dem Präsidentenpalast protestierten, warnen nicht etwa vor einer möglichen muslimischen Masseneinwanderung. Vielmehr bringt „Istanbul“ das Blut konservativer und fundamentalistischer Christen in der Slowakei in Wallung. Hinter dem Reizwort steht ein von den meisten europäischen Staaten längst ratifiziertes Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, die sogenannte Istanbul-Konvention.

          „Sie ist gegen Gott, gegen den gesunden Menschenverstand, gegen die Natur“, ließ der katholische Priester Marián Kuffa im Demonstrationsaufruf verlauten. Das Abkommen, das „gesellschaftlich geprägte Rollen“ erwähnt, sei Ausdruck der „schädlichen Gender-Ideologie“.

          Landesweit bekannter Dorfpfarrer

          Die Predigten Kuffas, des Dorfpfarrers aus dem ostslowakischen Žakovce, werden über die sozialen Medien im ganzen Land gehört. Mittlerweile ist der charismatische Priester auch ein politischer Faktor. Um seine Sichtweisen zu verbreiten, gründete dessen Bruder Štefan Kuffa die christlich-nationale Partei KDŽP. Ihre Kandidaten treten bei der Parlamentswahl, die am Samstag stattfinden wird, auf der Liste der rechtsextremen Partei ĽSNS an. Ihr trauen Umfragen ein zweistelliges Ergebnis zu.

          Kuffas Standpunkte werden jedoch nicht nur rechts außen geteilt. Das Parlament sprach sich im November mit den Stimmen der sozialdemokratischen Regierungspartei Smer-SD gegen die vom Europarat geforderte Ratifizierung der Istanbul-Konvention aus. Zuvor, im September, marschierten in Pressburg 50.000 Menschen „für das Leben“. Neben Pro-Life-Aktivisten ließen sich auf den Straßen auch ĽSNS-Funktionäre und sämtliche katholischen Bischöfe blicken.

          Der jüngste Protest sollte die slowakische Präsidentin Zuzana Čaputová dazu bewegen, die Istanbul-Konvention nicht nur nicht in Kraft zu setzen, sondern die Unterschrift der Slowakei rückgängig zu machen. 2011 hat das Land das Abkommen unterzeichnet, was die fünfeinhalb Millionen Slowaken damals nicht weiter interessierte. Gegenwärtig, und erst recht so kurz vor der Wahl, haben jedoch die Feindbilder des liberalen „Bösen“ Hochkonjunktur. Pfarrer Kuffa und seine Anhänger wollen verhindern, dass ein künftiges Kabinett vielleicht doch noch den vermeintlichen Pakt mit dem Teufel umsetzt. Am Dienstag, vier Tage vor der Wahl, wurde ihr Wunsch erhört. 95 von 150 Abgeordneten sprachen sich die nachträgliche Ablehnung der Konvention aus. 

          Gegen Schwarz-Weiß-Bilder

          Jozef Žuffa gefällt diese neue Art des christlichen Aktivismus nicht. Der katholische Pastoraltheologe lehrt an der Universität von Trnava, das mit seinen vielen Kirchen als „slowakisches Rom“ gilt. Zugleich kandidiert er für das liberale Parteienbündnis PS-Spolu bei der Wahl. „Es gibt keine einfachen Antworten“, sagt er. Žuffa lehnt die Fundamentalopposition gegen „Istanbul“, Abtreibungen und registrierte Partnerschaften von Homosexuellen ab. Der unter anderem in Wien promovierte Theologe hat aber eine Erklärung, weshalb viele Gläubige in Schwarzweißbildern denken. Žuffa nennt es das Erbe des Kommunismus. „Die Kirche war gegen das Regime und für die Wahrheit.“ Das habe vor 1989 Sinn gehabt. Doch auch danach sei die Strömung, gegen etwas zu kämpfen, sehr stark gewesen.

          Mit seinem alternativen Glaubensverständnis steht Žuffa nicht allein. Der politische Neuling gehört der Plattform „Progressive Gläubige“ in der Partei „Progressive Slowakei“ (PS) an. Religiöser Glaube bringe den Menschen oft voran und gebe ihm Hoffnung, heißt es in ihrem Manifest. Aber ebenso, dass Vielfalt keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung sei. Unterzeichnet hat im Juli 2018 auch die heutige Präsidentin Čaputová.

          Ihr Werdegang macht deutlich: Liberale Positionen sind in der Slowakei nicht immer ein Karrierehemmnis. Es gibt jedoch auch das Schicksal des evangelischen Theologen Ondrej Prostredník, der ebenfalls für PS-Spolu zur Wahl antritt. Ihm hat 2017 die Evangelische Kirche der Slowakei die universitäre Lehrerlaubnis entzogen, nachdem er an der Regenbogenparade in Pressburg teilgenommen hat.

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