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Deutsche Identitäten : Was ist da los in Almanya?

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Die Familie Boateng - ein Migrationshintergrund in Berlin-Wedding Bild: dpa

Das Jahrhundert der Migration hat für Deutschland erst begonnen. Die Frage ist, wie trotz aller Differenzen ein pluralistisch-solidarisches Leben möglich ist. Identitäten können dabei zur Falle werden. Es geht nicht nur um Zugehörigkeit.

          5 Min.

          Im Moment des bis dahin größten politischen Erfolgs, dem Einzug der AfD in den Bundestag, hatte Alexander Gauland in der Wahlnacht am 24. September 2017 eine kämpferische Botschaft an seine Anhänger: „Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.“ Seine reaktionäre Kampfansage rief in mir Wut, Angst und gleichzeitig Belustigung hervor. Letzteres, weil selbst im Moment des politischen Triumphs Gaulands Statement das Eingeständnis einer nihilistischen Niederlage innewohnte.

          Denn das Deutschland seiner Imagination ist unwiederbringlich weg, wofür alleine schon die Demographie spricht. Der Anteil von Bürgern mit Einwanderungsgeschichte wird in den nächsten Jahrzehnten signifikant wachsen – selbst dann, wenn noch Billionen in die europäische Grenzagentur Frontex und die europäische Grenzkontrolle fließen sollten.

          Das Jahrhundert der Migration hat für Almanya erst begonnen. Das Deutschland von morgen wird um ein Vielfaches mehr von Einwanderung geprägt sein als heute schon. Die Globalisierung fordert von den einen Mobilität ein und zwingt andere, ihr Zuhause zu verlassen – und schon bald werden Menschen in Afrika und Asien dies wegen der Klimakatastrophe tun.

          Es gehört wohl zu den bedeutungsvollsten Phänomenen des Deutschlands im Jahre 2019, dass die tektonische Verschiebung nach rechts sich nicht nur darin zeigt, dass die AfD sich im politischen System verankert. Sie begegnet uns auch im Überbietungswettbewerb, Rechtsextreme als Rechtspopulisten zu verharmlosen, sich in Toleranz gegenüber Rechten zu üben und sich am Gegeneinander-Ausspielen von gesellschaftlichen Gruppen zu beteiligen oder in Geflüchteten eine individuelle wie gesellschaftliche Bedrohung zu sehen.

          Die Folgen dieser neuen politischen Kartographie zeigen sich auch darin, dass in Medien und im Alltag vermehrt wieder von „Ausländern“ oder „Ausländerfeindlichkeit“ die Rede ist und sich die Twitter-Timelines von selbsternannten Liberalen regelmäßig mit menschenverachtendem Hass füllen.

          Es ist keine exklusive Domäne der Rechtsextremen und rassistischen AfD, einen starken Nationalstaat herbeizubeschwören, der Grenzen und Wohlstand sichert, der Globalisierung trotzt und gleichzeitig davon profitieren soll. Die Anziehungskraft autoritären Denkens erfasst immer weitere gesellschaftliche Milieus. Darin verbirgt sich oftmals nicht nur die absurde Phantasie eines ethnisch-homogenen Landes, sondern auch die Konstruktion eines „Wir“ und „Ihr“ und eine Identitätspolitik, die die überholte Gegenüberstellung zwischen „Deutschen“ und „Migranten“, „Autochthonen“ und „Einwanderern“ in die Charts gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung katapultiert. Die Frage, was deutsch ist, wer dazugehört und wer nicht, erfährt eine Renaissance – verschwunden war sie ohnehin nie.

          Stopp. Bis hierhin und nicht weiter, müsste es eigentlich heißen. Denn es stellt sich doch eigentlich die Frage, wie in Zeiten gesellschaftlicher Fragmentierung trotz aller Differenzen ein gemeinsames, pluralistisch-solidarisches Leben möglich ist. Darin ist die Notwendigkeit begründet, endlich der Einwanderung in Deutschland adäquat zu begegnen und das politische System, gesellschaftliche Institutionen und Organisationen entsprechend weiterzuentwickeln. Dabei spielt die Repräsentation von Migranten als gesellschaftliche Gruppe eine wichtige Rolle, um migrantischen Narrativen einen größeren Raum zu geben. Doch wie könnten solche Erzählungen ein Teil davon sein, die erwähnte Gegenüberstellung zu überwinden?

          Was hat mehr Kraft - hybride kulturelle Praktiken oder Anbiederung per Fahnenschwenken?
          Was hat mehr Kraft - hybride kulturelle Praktiken oder Anbiederung per Fahnenschwenken? : Bild: Bergmann, Wonge

          Identitäten sind Gehhilfen und manchmal Sprungbretter. Sie helfen, Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen zu erkämpfen, neue Themen zu setzen und Perspektiven einzubringen. Das Spiel mit den Identitäten ist für Menschen mit internationaler Geschichte eine wichtige Technik der politischen und kulturellen Artikulation. Es gibt so schöne Beispiele dafür. Aus dem türkischen „Aygün“ den Nachnamen „Mondtag“ zu kreieren, wie es der Theaterregisseur Ersan Mondtag getan hat, gehört genauso dazu wie Perlen im Gangsta-Rap, die Texte von Max Czollek oder die Narrative in den Romanen von Saša Stanišić und Dilek Güngör.

          Sich erst gar nicht zu erklären, sondern hybride kulturelle Praktiken und das fluide Selbst als Selbstverständlichkeit zu setzen hat mehr Kraft als die Anbiederung, dem eigenen Roman ein Zitat von Novalis voranzustellen, bei Fußballgroßturnieren für eine Fotostrecke das Trikot der deutschen Nationalmannschaft überzustreifen oder öffentlich von der eigenen Gartenzwergsammlung zu schwärmen.

          Identitäten sind aber auch Fallen. Manchmal merkt man nicht, wie man in sie tappt. Als Cem Özdemir jüngst mit seiner Kandidatur für den Vorsitz der Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen scheiterte, löste dies eine Welle von Solidarität und Enttäuschung aus. In den sozialen Medien überboten sich Journalisten, Akademiker und Kulturschaffende mit Migrationshintergrund darin, zu erklären, wie schade sie es finden, dass einer von ihnen gescheitert war.

          Die Bedeutung des Cem Özdemir

          Was denn politisch für die Wahl Cem Özdemirs gesprochen hätte, ging bei ihren Opferlamenti unter. Dabei hätte man beispielsweise Özdemirs entschlossene und mutige Unterstützung für die Opposition in der Türkei oder seinen Einsatz für den kurdischen Politiker Selahattin Demirtaş erwähnen können.

          Schon im Vorfeld war argumentiert worden, dass Cem Özdemirs Bewerbung als grüner Fraktionschef eine Bedeutung habe, die weit über ihn hinausgehe. Sie sei ein Versprechen an Deutsche mit Migrationshintergrund: Wenn er es schafft, dann schaffen wir es auch, lautete die Verallgemeinerung in einem Namensbeitrag in der „Zeit“ programmatisch.

          Warum eigentlich? Was hätte denn ein kanakscher Hartz-IV-Empfänger aus Recklinghausen davon gehabt, wenn Özdemir gewählt worden wäre? Ist es nicht eher so, dass es vermutlich den allermeisten Migranten heute egal ist, wie die Wahl zum Fraktionsvorsitz der Grünen ausgeht, und sie sich auch ohne ein „role model“ Özdemir in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen und in der Wirtschaft einiges erkämpft haben?

          In der Online-Plattform der postmigrantischen Identitätscommunity „MiGAZIN“ ging man noch einen Schritt weiter und packte die Rassismuskeule aus. Ob es denn sein könne, dass sich hinter der „generellen Absage an den Türken Özdemir“ etwas verberge, nämlich, Achtung!, „schnöder Rassismus“. Die Demütigung Özdemirs habe bei den Grünen Methode. Nur solange der Migrant keine Ansprüche stelle, sei er geduldet. Dass Özdemir seit Jahrzehnten grüne Politik mitgestaltet und sogar Co-Vorsitzender der Grünen gewesen war, hatte man irgendwie verdrängt.

          „Ihr“, „Wir“, die „Heimat“ und der „Albtraum“ 

          Dass ihre Partei „mehrheitlich eine weiße und arrivierte Partei“ sei, hatte wiederum Katrin Göring-Eckardt in einem Interview eingestanden. Sie wollte aber keine Missverständnisse aufkommen lassen, ihr Mitbewerber Özdemir sei Deutscher, in Bad Urach geboren. Göring-Eckardt habe aus dem Migrantenkind kurzerhand einen Bio-Deutschen gemacht, orakelte das „MiGAZIN“.

          Nun könnte man dies als Einzelfall abtun, gäbe es nicht eine Vielzahl von solchen Beispielen, in denen sich die Grenzziehung zwischen „Ihr“ und „Wir“ oder „Eure Heimat“ – „unser Albtraum“ vollzieht. Wie kurz solche Muster greifen, kann man an der sich herausbildenden neuen türkischen Diaspora in Berlin beobachten. Die vor Erdogans Regime geflüchteten Intellektuellen und Künstler scheinen so gar kein Interesse daran zu haben, mit der zweiten oder dritten Generation der Einwandererkinder aus der Türkei in Verbindung gebracht zu werden.

          Imran Ayata
          Imran Ayata : Bild: OSTKREUZ - Agentur der Fotografe

          Man stellt die eigene Klasse selbstbewusst zur Schau, erzählt pausenlos von den eigenen bahnbrechenden akademischen und künstlerischen Arbeiten und belustigt sich über das Türkisch der Gastarbeiterkids. Die Markierung des Selbst gipfelt darin, im Stadtteil Neukölln einen Ableger einer Istanbuler Bar zu eröffnen. Nur ein Beispiel von vielen, wie sich migrantische Communitys in Deutschland immer weiter ausdifferenzieren, was die Anrufung eines migrantischen Wirs nicht gerade erleichtert.

          Der Hass der Rechten und ihre Gewalt richten sich vor allem gegen Geflüchtete, Migranten, Muslime und jüdische Bürger. Doch der Kampf gegen die Rechte erfordert ein solidarisches Miteinander und politische Bewegungen jenseits zugeschriebener Identitäten. Ansätze dazu finden sich bei der Initiative #unteilbar, der Bewegung „Fridays for Future“ oder den lokalen Initiativen für bezahlbaren Wohnraum. Sie machen deutlich, dass es nicht um Herkunft und Zugehörigkeit, sondern ein gutes Leben geht.

          Dass die Gaulands dieses Landes ein Zurück in alte Zeiten versprechen, hat damit zu tun, dass ihnen die Lüge als Prinzip näher ist als gesellschaftliche Realitäten. Sie meiden Komplexität und vereinfachen ohne Reue. Doch genau diese widersprüchlichen sozialen Wirklichkeiten machen es unabdingbar, sich, ob mit oder ohne deutsche Vorfahren, gemeinsam gegen die Ethnisierung sozialer Fragen und gegen jedwede Form sexistischer und rassistischer Diskriminierung zu stellen. Denn nur so kann man als Gesellschaft dem Hass und der Gewalt der Rechten begegnen.

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