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Deutsche Identitäten : Was ist da los in Almanya?

  • -Aktualisiert am

Die Familie Boateng - ein Migrationshintergrund in Berlin-Wedding Bild: dpa

Das Jahrhundert der Migration hat für Deutschland erst begonnen. Die Frage ist, wie trotz aller Differenzen ein pluralistisch-solidarisches Leben möglich ist. Identitäten können dabei zur Falle werden. Es geht nicht nur um Zugehörigkeit.

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          Im Moment des bis dahin größten politischen Erfolgs, dem Einzug der AfD in den Bundestag, hatte Alexander Gauland in der Wahlnacht am 24. September 2017 eine kämpferische Botschaft an seine Anhänger: „Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.“ Seine reaktionäre Kampfansage rief in mir Wut, Angst und gleichzeitig Belustigung hervor. Letzteres, weil selbst im Moment des politischen Triumphs Gaulands Statement das Eingeständnis einer nihilistischen Niederlage innewohnte.

          Denn das Deutschland seiner Imagination ist unwiederbringlich weg, wofür alleine schon die Demographie spricht. Der Anteil von Bürgern mit Einwanderungsgeschichte wird in den nächsten Jahrzehnten signifikant wachsen – selbst dann, wenn noch Billionen in die europäische Grenzagentur Frontex und die europäische Grenzkontrolle fließen sollten.

          Das Jahrhundert der Migration hat für Almanya erst begonnen. Das Deutschland von morgen wird um ein Vielfaches mehr von Einwanderung geprägt sein als heute schon. Die Globalisierung fordert von den einen Mobilität ein und zwingt andere, ihr Zuhause zu verlassen – und schon bald werden Menschen in Afrika und Asien dies wegen der Klimakatastrophe tun.

          Es gehört wohl zu den bedeutungsvollsten Phänomenen des Deutschlands im Jahre 2019, dass die tektonische Verschiebung nach rechts sich nicht nur darin zeigt, dass die AfD sich im politischen System verankert. Sie begegnet uns auch im Überbietungswettbewerb, Rechtsextreme als Rechtspopulisten zu verharmlosen, sich in Toleranz gegenüber Rechten zu üben und sich am Gegeneinander-Ausspielen von gesellschaftlichen Gruppen zu beteiligen oder in Geflüchteten eine individuelle wie gesellschaftliche Bedrohung zu sehen.

          Die Folgen dieser neuen politischen Kartographie zeigen sich auch darin, dass in Medien und im Alltag vermehrt wieder von „Ausländern“ oder „Ausländerfeindlichkeit“ die Rede ist und sich die Twitter-Timelines von selbsternannten Liberalen regelmäßig mit menschenverachtendem Hass füllen.

          Es ist keine exklusive Domäne der Rechtsextremen und rassistischen AfD, einen starken Nationalstaat herbeizubeschwören, der Grenzen und Wohlstand sichert, der Globalisierung trotzt und gleichzeitig davon profitieren soll. Die Anziehungskraft autoritären Denkens erfasst immer weitere gesellschaftliche Milieus. Darin verbirgt sich oftmals nicht nur die absurde Phantasie eines ethnisch-homogenen Landes, sondern auch die Konstruktion eines „Wir“ und „Ihr“ und eine Identitätspolitik, die die überholte Gegenüberstellung zwischen „Deutschen“ und „Migranten“, „Autochthonen“ und „Einwanderern“ in die Charts gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung katapultiert. Die Frage, was deutsch ist, wer dazugehört und wer nicht, erfährt eine Renaissance – verschwunden war sie ohnehin nie.

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