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Deutsche Identitäten : Was ist da los in Almanya?

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Warum eigentlich? Was hätte denn ein kanakscher Hartz-IV-Empfänger aus Recklinghausen davon gehabt, wenn Özdemir gewählt worden wäre? Ist es nicht eher so, dass es vermutlich den allermeisten Migranten heute egal ist, wie die Wahl zum Fraktionsvorsitz der Grünen ausgeht, und sie sich auch ohne ein „role model“ Özdemir in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen und in der Wirtschaft einiges erkämpft haben?

In der Online-Plattform der postmigrantischen Identitätscommunity „MiGAZIN“ ging man noch einen Schritt weiter und packte die Rassismuskeule aus. Ob es denn sein könne, dass sich hinter der „generellen Absage an den Türken Özdemir“ etwas verberge, nämlich, Achtung!, „schnöder Rassismus“. Die Demütigung Özdemirs habe bei den Grünen Methode. Nur solange der Migrant keine Ansprüche stelle, sei er geduldet. Dass Özdemir seit Jahrzehnten grüne Politik mitgestaltet und sogar Co-Vorsitzender der Grünen gewesen war, hatte man irgendwie verdrängt.

„Ihr“, „Wir“, die „Heimat“ und der „Albtraum“ 

Dass ihre Partei „mehrheitlich eine weiße und arrivierte Partei“ sei, hatte wiederum Katrin Göring-Eckardt in einem Interview eingestanden. Sie wollte aber keine Missverständnisse aufkommen lassen, ihr Mitbewerber Özdemir sei Deutscher, in Bad Urach geboren. Göring-Eckardt habe aus dem Migrantenkind kurzerhand einen Bio-Deutschen gemacht, orakelte das „MiGAZIN“.

Nun könnte man dies als Einzelfall abtun, gäbe es nicht eine Vielzahl von solchen Beispielen, in denen sich die Grenzziehung zwischen „Ihr“ und „Wir“ oder „Eure Heimat“ – „unser Albtraum“ vollzieht. Wie kurz solche Muster greifen, kann man an der sich herausbildenden neuen türkischen Diaspora in Berlin beobachten. Die vor Erdogans Regime geflüchteten Intellektuellen und Künstler scheinen so gar kein Interesse daran zu haben, mit der zweiten oder dritten Generation der Einwandererkinder aus der Türkei in Verbindung gebracht zu werden.

Imran Ayata
Imran Ayata : Bild: OSTKREUZ - Agentur der Fotografe

Man stellt die eigene Klasse selbstbewusst zur Schau, erzählt pausenlos von den eigenen bahnbrechenden akademischen und künstlerischen Arbeiten und belustigt sich über das Türkisch der Gastarbeiterkids. Die Markierung des Selbst gipfelt darin, im Stadtteil Neukölln einen Ableger einer Istanbuler Bar zu eröffnen. Nur ein Beispiel von vielen, wie sich migrantische Communitys in Deutschland immer weiter ausdifferenzieren, was die Anrufung eines migrantischen Wirs nicht gerade erleichtert.

Der Hass der Rechten und ihre Gewalt richten sich vor allem gegen Geflüchtete, Migranten, Muslime und jüdische Bürger. Doch der Kampf gegen die Rechte erfordert ein solidarisches Miteinander und politische Bewegungen jenseits zugeschriebener Identitäten. Ansätze dazu finden sich bei der Initiative #unteilbar, der Bewegung „Fridays for Future“ oder den lokalen Initiativen für bezahlbaren Wohnraum. Sie machen deutlich, dass es nicht um Herkunft und Zugehörigkeit, sondern ein gutes Leben geht.

Dass die Gaulands dieses Landes ein Zurück in alte Zeiten versprechen, hat damit zu tun, dass ihnen die Lüge als Prinzip näher ist als gesellschaftliche Realitäten. Sie meiden Komplexität und vereinfachen ohne Reue. Doch genau diese widersprüchlichen sozialen Wirklichkeiten machen es unabdingbar, sich, ob mit oder ohne deutsche Vorfahren, gemeinsam gegen die Ethnisierung sozialer Fragen und gegen jedwede Form sexistischer und rassistischer Diskriminierung zu stellen. Denn nur so kann man als Gesellschaft dem Hass und der Gewalt der Rechten begegnen.

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