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Streit um Impflicht : Der Körper als öffentliche Angelegenheit

  • -Aktualisiert am

Wo Immunität nur kollektiv zu haben ist, ist Solidarität die Voraussetzung von Selbstbestimmung: Demonstration von Impfgegnern in Berlin. Bild: Stefan Boness/Ipon

Selbstbestimmung setzt gesundheitliche Solidarität mit den anderen voraus. In einer Situation, die es ein leicht zu übertragendes Virus nicht mehr erlaubt, Körper als voneinander unabhängige Einheiten zu betrachten, wird Immunität zum kollektiven Gut.

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          Es sind nicht nur die vielen Regeln und Einschränkungen, welche die Pandemie zu einer Zumutung machen. Sie stellt ebenso unser gewohntes Selbstbild infrage. Denn Corona zwingt jeden, sich selbst als bloßen Körper zu betrachten, der einem Virus ausgeliefert ist, auf den er nach aktueller Lage eher früher als später treffen wird. Das ist eine doppelte Kränkung. Denn einerseits reduziert es die mit Vernunft begabte Person ebenso wie den Staatsbürger mit seinen unveräußerlichen Rechten auf die nackte körperliche Existenz – gewissermaßen auf ein Tier. Dass es sich bei RKI-Chef Lothar Wieler um einen Veterinärmediziner handelt, hat im Leugner-Milieu vielleicht gerade deshalb so viel Skandalisierungspotential entfaltet, weil in Seuchenfragen der Unterschied von Tier und Mensch verwischt. Von Haus aus verfügen Tiermediziner hier oft über größere Expertise als Humanmediziner.

          Unterschiede zum Umgang mit dem HI-Virus

          Andererseits werden mit der Pandemie noch das Ureigenste und Privateste, der eigene Körper und die in seinem Inneren ablaufenden Vorgänge, zum Schauplatz eines Geschehens, das unweigerlich andere betrifft. Nun ist nicht mehr egal, was ein jeder mit seinem Körper tut. Wer das Virus in sich trägt, wird es mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit an andere weitergeben. Ebenso wird man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein Bett im Krankenhaus benötigen, das anderen nicht mehr zur Verfügung steht. Damit gilt nicht mehr, dass die Öffentlichkeit an den „Öffnungen des Körpers“ beginnt, wie die Medientheoretikerin Brigitte Weingart in einer Studie über „Repräsentationen von AIDS“ 2002 schrieb. Angesichts von Corona, das im Gegensatz zum HI-Virus zur Übertragung des unmittelbaren Körperkontakts nicht bedarf und noch bei strengsten Vorsichtsmaßnahmen Schlupflöcher findet, geht es auf einmal alle an, was sich unter der Haut des Einzelnen abspielt. Mit Testzertifikaten und Impfnachweisen legen wir in der Öffentlichkeit tagtäglich Bescheinigungen über Vorgänge in unseren Atemwegen und im Immunsystem vor.

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