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Naturbegriff des Kanzlers : Scholz überhöht die Impfpflicht für alle

Bild: AFP

Entspricht das Geimpftwerden der Natur des Menschen? Olaf Scholz appelliert an das Steuerungskonzept der bürgerlichen Selbstsanktionierung – und vermittelt doch ein polizeiliches Bild vom Menschen.

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          Auf einmal steht sie im Zentrum des neuen Regierungshandelns, die ganz große Frage: Was ist der Mensch? Die Ampel will es wissen: Was entspricht der Natur des Menschen und was nicht? Was ist gut? Was ist böse? Der Kanzler hantiert in der Corona-Debatte mit einem rousseauhaften, durch und durch unschuldigen Naturbegriff. Beispiel Impfpflicht für alle. Scholz lanciert das Thema auf eine eigentümlich philosophische Art in der „Bild am Sonntag“.

          Der Mensch, wie er mehrheitlich geht und steht, ist demnach frei von allen Schlieren erbsündlicher Befindlichkeitsstörung, ein erleuchteter Bürger, der einerseits weiß, was „moralisch richtig“ (Scholz) ist, und andererseits sein Tun in aller Regel nach dieser Einsicht auszurichten pflegt (sich also impfen lässt laut Kanzler). Beides, richtige Einsicht und das von ihr abgeleitete gute Handeln, hat der Mensch gleichsam von Hause aus drauf, also nicht weil anderenfalls die Staatsgewalt droht, sondern weil der aufgeklärte Untertan sich spontan als Funktionsträger der öffentlichen Ordnung begreift, welche er – nichts selbstverständlicher als das – mit feinen Antennen täglich neu erspüren und vorbildlich befolgen möchte. So sieht es das politische Steuerungskonzept der bürgerlichen Selbstsanktionierung vor, an das Scholz hier appelliert, die Instrumente der Staatsgewalt schon einmal zeigend.

          Eine mögliche allgemeine Impfpflicht sollte denn auch nach der Maxime „Alles kann, nichts muss“ umgesetzt werden können. Es dürfe keine rote Linien geben, wenn es um Maßnahmen gegen Corona geht, erklärt Scholz. Und doch, so legt der Kanzler nahe, lasse sich aufs Tatütata eines Corona-SEK verzichten, weil Geimpftwerden unserer Natur entspreche: „Wir halten vor roten Ampeln an. Wir achten die Verkehrsregeln. Nicht weil uns überall gleich die Polizei kontrolliert. Sondern weil es zu unserer Natur gehört, dass wir uns an solche Regeln halten.“ Scholz nimmt, mit einem politischen Taschenspielertrick, die zweite Natur des Menschen – die sozialisierte, in Grenzen anpassungsbereite, von drohendem Tatütata beeindruckbare – für dessen erste Natur.

          Wobei diese erste Natur doch ersichtlich nach ihrer Fasson selig werden und gelegentlich ungeimpft bleiben möchte. Den Lackmustest für seine Überhöhung der Impfpflicht hat Scholz selbst geliefert: Wie sähe es im Straßenverkehr aus, gäbe es keine Radarfallen und Polizeikontrollen, die vielleicht nicht „gleich“ (Scholz), aber doch alsbald mit Strafforderungen ins Haus stehen und insoweit der Natur des Bürgers schon jetzt gleich auf die Sprünge helfen? So vermittelt der Kanzler in der Impffrage doch noch ein polizeiliches Bild vom Menschen, Rousseau war nur Tarnung.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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