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Wohnmobil-Revolution : Touristische Mobilmachung

  • -Aktualisiert am

Kein Platz mehr frei: Wohnwagen mit Sonnenschutz auf den Windschutz- und Seitenscheiben stehen dicht an dicht auf einem Stellplatz an der Elbe. Bild: ZB

Wer in diesen Tagen die A9 entlangfährt, kommt an dutzenden Schwertransportern mit Wohnmobilen auf dem Rücken vorbei. Werden wir gerade Zeugen einer touristischen Mobilmachung?

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          Man kommt an vielem vorbei, wenn man in diesen Tagen auf der A 9 vom Süden nach Norden Deutschlands fährt. An Autobahnkreuzen, Lärmschutzwänden und Brückenrasthäusern – das in Frankenwald ist besonders schön. Es liegt unmittelbar vor der thüringischen Landesgrenze noch in Bayern und wurde 1967 als erstes Brückenrestaurant Deutschlands in Betrieb genommen. Damals lag es direkt neben der Abfertigungsanlage und bot den Westdeutschen einen abschreckenden Ausblick auf den Grenzübergang. Hier konnten sie sich vor der Einreise in die DDR bei einem letzten Weißbier noch einmal die Vorzüge des freiheitlichen Konsums vor Augen führen. Heute setzt eine bekannte Fast-Food-Kette diese Tradition fort. Dort sitzt man in seiner Kaffeepause und schaut aus dem Brückenfenster hinunter auf den nie versiegenden Fluss an Kraftfahrzeugen, Lkws und Fernbussen. Sogar einen „Ellenator“ sieht man, jenen Paradiesvogel unter den Automobilen, der mit seinen zwei, in der Mitte eng zusammengerückten Hinterrädern aussieht, als wäre er nach einer Kriegsverletzung nur mühsam wieder zusammengeflickt worden.

          Wie eine Generalmobilmachung

          Das mit Abstand auffälligste Transportmittel in diesen Tagen ist allerdings: das Wohnmobil. In jeder nur erdenklichen Wesensart begegnen einem mobile Wohneinheiten auf der A 9: ob als schlingernder Anhänger mit ausgefahrenen Seitenspiegeln, als schleichende Retrokutsche oder als doppelstöckiges Luxusgefährt. Sie stehen auf dem Standstreifen und lassen Dampf ab, sie parken Toilettenhäuser und Zapfsäulen zu, und sie werden von Schwertransportern huckepack über den Asphalt getragen. Mindestens an zehn solcher riesigen Lieferkarawanen kommt man vorbei. Normalerweise kennt man das nur aus Tagen der Generalmobilmachung, wenn Panzer auf endlos langen Güterzügen an der verängstigten Bevölkerung vorbeirollen. Und ganz falsch ist die Assoziation auch gar nicht, nur dass es gerade nicht um eine militärische, sondern um eine touristische Mobilmachung geht. Um eine Mobilmachung des Mobils sozusagen. Fast drei Millionen Deutsche haben sich laut einer aktuellen Umfrage in den vergangenen zwölf Monaten ein Wohnmobil, einen Camper oder einen Wohnwagen gekauft. Weitere 3,5 Millionen Deutsche planen angeblich in naher Zukunft einen Kauf.

          Während der Traum vom eigenen Haus für viele Kleinfamilien wegen der explodierenden Baukosten in weite Ferne rückt, wird die Vorstellung vom virensicheren Urlaub mit jeder neuen Inzidenzmeldung attraktiver. Die Reiseveranstalter melden einen Anstieg der Buchungen für Campingplätze um sagenhafte fünfhundert Prozent. Es geht also gerade ein Ruckeln durch dieses Land – vom Brückenrestaurant in Frankenwald sieht es so aus, als würde eine ganze Nation sich in ihre wackeligen Schneckenhäuser zurückziehen, um statt bei Freunden nur noch bei sich selbst zu Gast zu sein.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

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