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„Bildkorrektur“ : Bilden Sie sich bloß keine Meinung!

Unangenehme Wahrheit oder Panikmache? fragt Zeichnerin Barbara Yelin mit ihrem Beitrag für „Bildkorrekturen“. Bild: bildkorrektur.tumblr.com

Mit einem Blog gegen das Bedrohungsgefühl: Ein Jahr nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ suchen deutsche Zeichner nach einem Weg zur anschaulichen Aufklärung – sachlich und ohne zu moralisieren.

          3 Min.

          Und was machen Sie am 7. Januar?“ Ein Jahr nach dem Attentat auf die Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ findet sich diese Frage in der gestern erschienenen Gedenkausgabe des Blattes (siehe auch Seite 13), natürlich selbst als Satire, denn beantwortet wird sie in einem riesigen Cartoon unter anderen von Putin (mit blutigem Pinsel in der Pistole: „Ich werde das Bild meiner politischen Gegner retuschieren“), Assad (mit blutiger Zange in den Händen: „Ich werde einen runden Tisch mit meinen Kritikern veranstalten“), Erdogan (mit Wackersteinen neben einem IS-Führer: „Ich werde Boules mit den neuen Nachbarn spielen“) und dem Papst (mit brennender Kerze: „Ich werde einem Freund die Fresse polieren, der angedeutet hat, meine Mutter hätte mit dem Heiligen Geist geschlafen“). Viel Feind, viel Ehr – nach dieser Maxime will „Charlie Hebdo“ weiterhin handeln und teilt also nach allen Seiten aus. Die Fürsprache, die das Blatt vor einem Jahr auch von Leuten erfuhr, die sich noch nie für aufklärerische Satire starkgemacht hatten, ist dem überlebenden Teil der Redaktion übel aufgestoßen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          „Charlie Hebdo ist garantiert nicht tot“, notierte der junge deutsche in Paris lebende Publizist Philipp Stadelmaier kurz nach dem Attentat: „Nicht unbedingt, weil die Zeitschrift nun in Millionenauflage erscheint. Sondern weil es ab sofort so viele – schreibende, moralisierende, skandalophobe – Karikaturen wie noch nie gibt. Nur gibt es nur noch sehr wenige, um über sie zu lachen. Denn diejenigen, die sie zeichnen, wurden gerade dezimiert.“ In dem Essay „Die mittleren Regionen – Über Terror und Meinung“, der aus seinen Beobachtungen vom Januar 2015 entstanden und in dieser Woche beim Verbrecher Verlag erschienen ist, führt Stadelmaier die Folgen des Attentats für unsere Gesellschaft vor. Vor allem dem Bekenntniszwang gilt seine Kritik: „Terror, das ist, wenn man gezwungen ist, seine Meinung zu äußern.“ Stadelmaier konstatiert in seinem dekonstruktivistisch argumentierenden Text einen Neid des Westens auf den Terror: „Auch ,wir‘ müssen wieder radikaler werden, um ,unsere‘ Werte zu verteidigen (was dem IS wunderbar in die Hände spielt...)!“ Das kleine Buch ist eine Verteidigung der Karikatur gegen jene, die sie politisch nutzbar und dadurch aus ihr einen Witz machen.

          Dem Bedrohungsgefühl Sachverhalte entgegenstellen

          Es ist zugleich aber auch Mahnung an die wahren Karikaturisten, also die zeichnenden, sich des Moralisierens zu enthalten. Wie aber soll das gehen, wenn sie sich als politische Menschen begreifen? Durch Sachlichkeit. Das mag auf ihrem Feld paradox klingen, doch genau das versucht eine Gruppe deutscher Zeichnerinnen und Zeichner, die sich angesichts der durch die Flüchtlinge ausgelösten Bürgerängste unter dem Motto „Bildkorrektur“ zusammengefunden hat, um diesem Bedrohungsgefühl konkrete Sachverhalte entgegenzustellen. Just zum Jahrestag der Morde von Paris, die ja Wasser auf den Mühlen von Pegida und Geistesverwandtem waren, suchen nun Cartoonisten nach Möglichkeiten, zumindest die Bildhoheit wieder für die Aufklärung zurückzugewinnen: Die Künstler haben jeweils Bildpaare gezeichnet, deren erste Hälfte, in erregtes Rot getaucht, eine xenophobe Behauptung illustriert, während das zweite Bild in kühlem Blau diese Meinung korrigiert – durch Fakten, die der Berliner Journalist Felix Denk zusammengetragen hat. Präsentiert werden die bislang fünfzehn Arbeiten im Internet auf bildkorrektur.tumblr.com.

          Graphisch ist einiges spektakulär, was es dort zu sehen gibt. Kein Wunder, wo doch Größen wie Barbara Yelin, Jens Harder, Alexandra Klobouk, Jim Avignon, Mawil oder Tim Dinter beteiligt sind. Die gemeinsame Vorgabe von Bildaufbau und Farben bringt den Reiz unmittelbarer Vergleichbarkeit verschiedener Stile und Erzählweisen mit sich. Wobei manche Antwort auf die festgestellten Ängste schlicht ist, so, wenn auf den rhetorisch zugespitzten Ausruf „Hilfe, wir werden von fremden Kulturen überflutet!“ die Antwort eines Flüchtlings folgt: „Nein, ich will deutsche Sprache und Kultur lernen.“ Ausgerechnet dieser pauschalen Aussage fehlt die sonst oft beigegebene wissenschaftliche oder statistische Quellenangabe.

          Der Zwang des besseren Arguments

          Dabei ist es deren Überprüfbarkeit, die diese „Bildkorrekturen“ heraushebt aus dem, was Philipp Stadelmaier als Meinungsterror befürchtet. Wenn dann noch eines der Bildpaare explizit auf die Pariser Attentate des vergangenen Jahres Bezug nimmt, die die Befürchtung „Die Flüchtlinge bringen den Terror zu uns“ ausgelöst haben, und darauf mit einer Übersicht zu den aktuellen Kriegsopferzahlen in den Herkunftsländern von Flüchtlingen antwortet, dann ist Stadelmaiers Abscheu vor dem Zwang zur Meinung Rechnung getragen. Denn hier herrscht ein anderer Zwang: der des besseren Arguments.

          Bezeichnend indes ist, dass es sich dabei um ein deutsches Phänomen handelt. In der Gedenkausgabe von „Charlie Hebdo“ finden sich auf der letzten Seite kurze Texte von Prominenten. Dass dort die französische Kulturministerin Fleur Pellerin schreibt, dürfte langjährige „Charlie“-Leser verblüffen. Dass sie mit dem Wunsch, „Charlie“ möge darin fortfahren, „die Freiheit zu zeichnen“, genauso endet wie die Gedicht-Hommage der Schauspielerin Isabelle Adjani an die ermordeten Redakteure („Sie sind gestorben, um dich zu verteidigen/und um dich zu zeichnen,/Freiheit.“), zeigt, dass aus der von Stadelmaier konstatierten Meinungsfalle kaum mehr ein Entkommen ist, auch nicht für die jetzige Redaktion von „Charlie Hebdo“, die eingedenk ihres am 7.Januar erschossenen Chefredakteurs Charb jedem politischen Versuch einer Vereinnahmung eine Absage erteilen sollte. Was herausführt aus dem Kampf der Meinungen, ist Aufklärung. Zu der gehört zwingend Toleranz. Daran erinnert die deutsche Aktion „Bildkorrektur“ besser.

          Satire-Zeitschrift : Ein Jahr nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“

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