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Im Rekord durch Rüsselsheim : Der Opel, den ihr kennt

  • -Aktualisiert am

Unter den Augen des Alten: Die Probefahrt beginnt am ehemaligen Opel-Werkstor in Rüsselsheim Bild: Astis Krause

Wohlstand für alle - Ludwig Erhards Wort galt bis in die siebziger Jahre. Das Vehikel dazu war der Opel Rekord: der Zuverlässige. Eine Fahrt aus der Krise, zurück in das Glück.

          9 Min.

          Mein Chef hat mich in einen Opel gesetzt. Jetzt sitze ich in einem alten, fast lächerlich blauen Rekord 1700 und fahre vom Opel-Werk in Rüsselsheim aus los, Richtung Kindheit, in die Zeit, in der alles langsamer und geduldiger war, auch das Auto. Ich fahre zurück in eine Zeit des Glücks. Der Sitz gibt sofort nach, man fühlt sich wie bei Oma auf dem Sofa, wo man nichts als Kuchen essen musste. Tief sinke ich ein und habe den Eindruck, gar nicht richtig nach draußen sehen zu können, als wäre man plötzlich aller Verantwortung beraubt. Man sitzt sehr bequem, wenn auch irgendwie haltlos, der Rücken wird sich auch bedanken. Die Beinfreiheit ist enorm, der Abstand zwischen Körper und Armaturen gewaltig. Und obwohl ich doch gewachsen bin seit damals, fühle ich mich wieder wie als Kind in meines Vaters Auto: eine verschwindend kleine Masse. Allerdings darf ich jetzt vorne sitzen.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Mein Vater fuhr damals auch Opel, einen knallroten, viertürigen Rekord 1900, den er dann allerdings zu Schrott fuhr. Der Rekord war das Auto derer, die solide sein wollten, ohne aufzufallen, „obere Mittelklasse“. Die Werbung, die damals noch Reklame hieß, nannte ihn „den Zuverlässigen“. Dass man ihn fuhr, ließ weniger aufs eigene Portemonnaie schließen; es zeigte vielmehr, wie günstig die Lage allgemein war: Wohlstand für alle. Ludwig Erhard lebte ja noch, sein Vermächtnis stand quasi in leuchtendem Abendrot. Rekord: Schon der Name sagte, dass alles noch mit rechten Dingen zuging. Nur die „Neureichen“, wie man damals sagte, fuhren Opel Commodore oder Monza. Mir imponierte, dass der Rekord unser erstes Auto war, bei dem das Tachometer bis 200 ging.

          Die L-Ausstattung. L wie „Luxus“. Mit Anschnallgurten

          Dieser hier hat auch 200 auf dem Tachometer. Baujahr 1974: das Jahr, in dem wir Weltmeister wurden, Gerd Müller schoss das Siegtor, jubelte ganz normal und fiel nach dem Abpfiff auf die Knie wie später Björn Borg in Wimbledon. An diesem Zweitürer ist seitlich ein kleines Schild angebracht: „unrestaurierter Originalzustand“. Ob man überhaupt mit bleifreiem Benzin tanken darf? Nicht, dass der hier noch einen Kolbenfresser kriegt. Bei Opel meinte man: „Das geht. Der läuft und läuft. Bei Tempo 100 bis 120 fühlt er sich am wohlsten.“ Ich mich eigentlich auch.

          Wie schnell kommt der Wagen von null auf hundert? Ein Versuch wäre irgendwie unfair
          Wie schnell kommt der Wagen von null auf hundert? Ein Versuch wäre irgendwie unfair : Bild: Astis Krause

          Das ist auch keine Kunst in der L-Ausstattung, L wie „Luxus“. Dazu gehören Kopfstützen und ein Radio, dessen haardünne Antenne trapezförmig in der Windschutzscheibe verläuft. Luxus waren damals auch Anschnallgurte. Sie klemmen mich fest und lassen mir den ganzen Freiraum nutzlos erscheinen. Dennoch bildet man als Fahrer keine Einheit mit dem Auto und fühlt sich so ganz als Mensch, der zu Material und Technik Distanz hält, irgendwie zivilisierter.

          Die Leute gucken schon

          Die drei sehr großen kreisrunden Anzeigen machen, wie alles an diesem Auto, einen absolut geheimnislosen Eindruck. Es wäre übertrieben, von „Bordinstrumenten“ zu sprechen. Es ist die reine, schlichte Mechanik, die nicht mehr Möglichkeiten bietet, als man auf den ersten Blick sieht. Die Uhr geht sieben Minuten nach, was mir vertretbar erscheint. Sieben Minuten in fünfunddreißig Jahren - das ist wenig, aber so kann man natürlich nicht rechnen, irgendjemand wird die Uhr im Laufe der Zeit schon einmal nachgestellt haben. Die Tanknadel bleibt, wo sie ist, als ich mir ein Herz fasse und den Motor anmache - das wird schwierig mit dem Ausrechnen des Verbrauchs. Bei Opel hatte man von elf Litern gesprochen, was für ein Automatik-Auto von damals durchaus im Rahmen ist.

          Als ich den Automatikhebel nach hinten ziehe, von P auf R, geht ein Ruck durchs ganze Auto. Vorsichtig gehe ich von der Bremse, aber das Auto rührt sich nicht. Erst als ich Gas gebe, setzt es sich rückwärts in Bewegung. Vergeblich warte ich auf ein Signal, das Bescheid gibt, sobald man Hindernissen zu nahe kommt. Ängstlich, den Kopf angestrengt nach hinten gebogen, setze ich zurück. Dass es nur einen Außenspiegel gibt, in dem man auch noch weniger sieht als in heutigen, macht mich nicht sicherer. Die Leute gucken schon. Das Lenkrad aus schwarzem Hartplastik scheint für Riesen gemacht, ist aber so dünn, dass schon Säuglingshände es umfassen könnten. Bei langsamer Fahrt lässt es sich nur ganz schwer drehen, im Stehen praktisch gar nicht. Kaum zu glauben, dass Servolenkung einmal als absoluter Luxus galt, etwas für verwöhnte Schwächlinge. Auf die Armübungen im Kieser-Studio werde ich heute Abend jedenfalls verzichten können.

          Die ständigen Lenkbewegungen in alten Filmen: eigentlich ganz realistisch

          Ich rutsche ab und drücke aus Versehen auf die Hupe: döööt! So waren die Hupen damals; sie klangen, als wollten sie den Stolz darüber, zu einem Auto zu gehören, zum Ausdruck bringen, wuchtiger, aber nicht so aggressiv wie heute. Die Farben waren auch anders. Signalblau gehört eindeutig in die siebziger Jahre: Die Pril-Aufkleber, mit denen ich den Küchenschrank meiner Großeltern ungefragt garnierte, hatten dieses Blau und bestimmte Legosteine auch. Es war, obwohl die Grenzen des Wachstums in Sicht kamen, das Jahrzehnt der Unbeschwertheit, schon deswegen, weil an den autofreien Sonntagen meine Schwester und ich uns auf die Teerstraße vor unserem Haus legten und minutenlang in der Sonne liegen blieben.

          Inzwischen habe ich den Rekord in Position. Den D-Gang einlegen: Wieder ruckt es. Das Gaspedal scheint recht unempfindlich, ich drücke es fast halb durch. Automatisch rastet das Getriebe in den Gängen ein. Greisenhaft langsam fahre ich los. Der Kontakt zur Fahrbahn scheint nur lose zu sein. Platt wie eine Flunder liegt der Wagen nicht gerade. Jede Unebenheit lässt er einen spüren. Man kommt sich vor wie auf einem Schiff: Du nahst dich wieder, schwankende Gestalt? Jetzt merke ich auch, dass es doch ganz realistisch war, wenn in alten Filmen die Leute beim Autofahren ständig das Steuer hin und her bewegten: Die Lenkung reagierte damals wirklich nicht so prompt und exakt.

          Von fünfzig auf hundert Stundenkilometer in zwanzig Sekunden

          Durch den Rückspiegel sehe ich, wie mir junge Burschen, die am Straßenrand neben ihrem schnittigen Mercedes-Coupé stehen, Blicke nachwerfen. Sehen sie mir nach, oder sehen sie mir das Auto nach? An der ersten Ampel merke ich, dass die Bremswirkung erst mit Verzögerung einsetzt. Ich bin gewarnt. So scheint es mir vorläufig nicht ratsam, die innerstädtische Höchstgeschwindigkeit auszureizen. Heizen kann man ja immer noch, fürs Erste reicht Tempo 35. Der Motor klingt hell, niedrigtourig blubbert er wie ein Zweizylinder. Tritt man durch, summt er wie eine Waschmaschine im Schleudergang. Beim Ausrollen hört man es brummen, in Kurvenlage scheppert es leicht. Auf den ersten zwei, drei Kilometern muss ich mich dermaßen konzentrieren, dass ich für einen Moment meine, ich hätte ein Einbahnstraßenschild übersehen.

          Erst einmal raus aus der Stadt, ungehindert ein wenig beschleunigen, dann wieder abbremsen, ein Gefühl für alles bekommen. Die aprilwetterhaft herauskommende Sonne lässt es schlagartig warm werden. Ich schiebe den Heizungsregler zurück in die Mitte, elektrische Fensteröffner gibt es natürlich nicht. Sollte ich mich verfahren und nach dem Weg fragen müssen, könnte es umständlich werden, denn zum Herunterkurbeln des Beifahrerfensters werde ich mich abschnallen und ganz weit zur Seite beugen müssen, da kann man eigentlich gleich aussteigen. Stadtauswärts wage ich es: Von fünfzig auf hundert Stundenkilometer brauchen wir, das Auto und ich, knapp zwanzig Sekunden - als Fluchtauto also ungeeignet. Auf einen Versuch von null auf hundert verzichte ich, es käme mir irgendwie unfair vor. Nach ungefähr fünf Kilometern fahre ich rechts ran und drehe um, aber erst, als kein Auto in Sichtweite ist, das wäre sonst zu riskant. Der Wendekreis ist kleiner als befürchtet. Routiniert fahre ich wieder Richtung Innenstadt, zum Bahnhof, wo ich den Opel direkt neben dem Denkmal des Firmengründers am alten Werkstor abstelle. Das Auto lockt sofort Passanten an. Es sind vor allem die Älteren oder Alten, die noch wissen, was es mit einem Rekord Baujahr 1974 auf sich hat. Die Jungen würdigen ihn keines Blickes. Ein Mann mit Mütze schiebt seinen Kugelbauch und ein hellgrünes Damenfahrrad vorbei, ein ehemaliger Opelaner, Dienstzeit von 1959 bis 1992: „ein schönes Auto“. Auf Fragen nach der Firma schlagen einem Verbitterung und Resignation entgegen, alles in Hörweite des mit stummer Würde daneben stehenden Adam-Opel-Denkmals: „Opel wurde ausgesaugt“, „Wissen Sie, das tut einem weh“, in diesem Stil. Zwar findet jeder den neuen Wirtschaftsminister gut, jedenfalls besser als den alten; aber in die Politik setzt hier niemand Hoffnungen.

          „Wir durften ja nichts investieren“

          Ein Ingenieur kommt näher, der war vierzig Jahre bei Opel, die meiste Zeit in der Entwicklung. „Das ist mein Metier“, sagt er und klopft auf die blaue Stahlkarosserie, als gehörte ihm das Auto. „Man muss es in seiner Zeit sehen“, erklärt er fachmännisch. Die Frontpartie verrate eindeutig den amerikanischen Einfluss. Er erwähnt den Namen des Designers: Chuck Jordan. Wie es denn aber komme, frage ich, dass Opel seit den achtziger Jahren ein so schlechtes Image habe. Das sei im Wesentlichen die Schuld der Amerikaner: „Wir durften ja nichts investieren. Es durfte alles nichts kosten, es ging nur um Profit.“ Und obwohl er erst gar nichts sagen wollte, redet er sich jetzt, mit einem Schlüsselbund gestikulierend, in Rage.

          Der Verkauf der Patente an General Motors vor einigen Jahren, auf den man sich bei Saab ja nicht eingelassen habe, sei allein schon ein Fiasko gewesen. In Detroit habe man doch regelrecht Angst vor der deutschen Technik gehabt, und nun gehöre Opel nichts mehr, nur noch die Arbeiter, die nun wohl bald auf der Straße stünden. Und niemand, der sich „um die Menschen“ kümmere, sehr im Gegensatz zu anderen Ländern, wo viel stärker protestiert werde: „Wir lassen uns alles gefallen.“ Auch die Opposition, „diesen Westernhagen, äh, Westerwelle“, verbessert er sich, könne man vergessen. Man habe so viel Herzblut investiert, das Familienleben sei zu kurz gekommen all die Jahre, und nun das. Er werde im September einfach alle Parteien durchstreichen: „Ihr seid nicht wählbar.“ Ein Zigarillo-Raucher hat sich dazugestellt und spricht bewundernd von der „Liebe zum Detail“, stört aber mit seinem Qualm den Ingenieur: „Ich muss hier weg.“ Was, will ich vom Ingenieur noch wissen, wäre, wenn Opel doch Insolvenz anmelden würde? „Des geht gaar ned. 'Ne Pleitefirma, da kauft mer kaane Audos meehr.“ Und wenn man auf Elektroautos umrüstet? „Überlegen Sie mal: Wo kommt denn der Strom her - aus der Steckdose? Dafür brauchen wir doch Kraftwerke, die man aber ja abschalten will.“

          Wie weiland in „Zwölf Uhr mittags“

          Plötzlich steht ein sehr zierlicher Mann hinter dem Auto, mit Pepitahütchen und Damenfahrrad. Die Umstehenden wissen schon, wie alt er ist: einundneunzig. 1936 hat er den Führerschein gemacht, da gehörte Opel schon sieben Jahre nicht mehr sich selbst. Der Mann stammt aus Ostpreußen und redet ein wenig wie der Kritiker Joachim Kaiser. Drei Jahre war er in russischer Gefangenschaft, in der ihn selbst eine feuchte Rippenfellentzündung nicht kleingekriegt hat, und dann dreißig Jahre als Schlosser bei Opel, bis 1980. Und er ist sein Leben lang diese Marke „jefarrn: Kadett, Rekord, Ascona, Manta, Corsa, ich hab alles jehabbt.“ Sein erster Opel kostete 4500 Reichsmark, „vor däm Kriech“. Über den Zustand meines Blauen wundert er sich: Das könne nicht stimmen mit dem unrestaurierten Original. „Oder wo hat der die janze Zeit jestand'n - im Schlafzimmer? Oder hat den 'ne alte Omma jefarr'n?“

          Die Situation sei natürlich hoffnungslos. Undenkbar, dass General Motors Opel freilässt: „Das wird der Ammi nich woll'n. Alle jammern: Hoffentlich bleibt de Opel. Ohne Opel ist das hier eine tote Stadt.“ Ich muss an „Zwölf Uhr mittags“ denken, die Szene, in der Gary Coopers frühere Freundin über ihn sagt: „Und wenn er stirbt, das fühle ich, dann stirbt auch diese Stadt.“ Wenn es damit überhaupt getan ist. Ich erinnere den Ostpreußen daran, dass es im Rhein-Main-Gebiet einen Opel-Zoo, ein Opel-Bad und einen Opel-Turm gibt - gestiftet von einer Firma, von der man heute sagt, man brauche ihre Autos nicht mehr. Der Alte tippt mir mit dem Finger auf die Brust und prophezeit mir, ich würde wahrscheinlich nicht so alt werden wie er. „Ihr habt alle nur im Wohlstand jelebt, und jetzt fehlt der Wohlstand. Ich bin froh, dass ich noch Rente kriech.“ Dann fährt er davon auf seinem Damenrad, „viel Erfolch“, sagt er noch und weicht schlenkernd einem Taxi aus. Er weiß noch nicht, dass Opel seine Absatzzahlen um sechzig Prozent gesteigert hat.

          Daheim in Heidelberg wirkt der Wagen überhaupt nicht

          Die Konfrontation mit dieser robusten, über die heutige Lage mit einem grandiosen Achselzucken hinweggehende Großvätergeneration hat beinahe etwas Furchteinflößendes. Es kommen noch Amerikaner vorbei, „hey, crazy car“, sagt die Frau. Mit dem Gefühl, dass der Rekord, dessen Haube immer noch warm ist, noch nicht ganz ausgereizt ist, lasse ich den Motor an und bugsiere ihn weg, Richtung Autobahn. Ich will nach Hause. Im Radio wähle ich den passenden Sender: SWR 1, die Rockmusik ist so alt ist wie das Auto und muss sich gegen die nun doch recht lauten Fahrgeräusche behaupten. An der hessischen Bergstraße mein erstes Überholmanöver: ein Lastwagen. Den Regen beseitigen die schlanken, an den Frontscheibenrändern dumpf quietschenden Scheibenwischer zuverlässig. Man hatte mir eine Höchstgeschwindigkeit von 160 genannt. Mal sehen. Bis 130 geht es relativ zügig, dann wird es zäh. Von 140 auf 150 dauert es selbst bei energischstem Pedalttritt mehrere Minuten - für mich zu lange: Das Ausfahrtsschild „Heidelberg“ kommt in Sicht, ich gehe vom Gas, der etwa elfhundert Kilo schwere Wagen wird sofort erheblich langsamer. Um die Wirkung des Autos in anderer Umgebung zu testen, fahre ich zum Universitätsplatz und stelle es vor der Weisschen Buchhandlung ab. Kaum jemand nimmt Notiz davon. In die Parklücke in meiner Straße schaffe ich es erst nach mehreren Anläufen. Schwitzend steige ich aus.

          Am anderen Morgen ist das Auto zum Glück noch da. Der Tip eines Opelaners, beim Kaltstart erst das Gaspedal bis zum Anschlag zu drücken, erweist sich als wertvoll. Vor einer Ampel betätige ich unmotiviert den auf der dicken Lenksäule liegenden roten Plastikknopf für die Warnblinkanlage, die tadellos funktioniert, die ich danach aber nicht wieder auskriege. Bei dem Gedanken, so bis Rüsselsheim fahren zu müssen, werde ich hektisch. Ich halte den Knopf fest gedrückt, so dass ich links blinken kann, und dabei würge ich den Motor ab, was bei einem Automatik gar nicht leicht ist. Die hinter mir üben sich in Geduld. Ich starte wieder, der Warnblinker läuft noch, ich schlage mit voller Kraft auf den Knopf: alles wieder gut.

          Überbleibsel eines verlorenen Glücks

          Ruhig gleite ich nach Rüsselsheim, um das Auto dem Fundus der „Opel Classic Sammlung“ wieder zuzuführen. Die Uhr geht jetzt vierzehn Minuten nach, dafür funktioniert die Tankuhr plötzlich: noch mehr als zwei Drittel voll. Vorsichtig parke ich auf dem Werksgelände und bleibe noch ein bisschen im Auto sitzen, zum Dank, dass es mich so gut hierhergebracht hat. Durch die regennasse Windschutzscheibe sehe ich einen Insignia, Opels neuestes Modell und womöglich letzten Hoffnungsträger, attraktiv zwar, aber irgendwie auch unheiter, verbissen. Alles, was meinen Rekord davon trennt, sind fünfunddreißig Jahre, die nichts als Fortschritt und Wachstum waren. Ich brauche diese fünfunddreißig Jahre nicht, sie können mir gestohlen bleiben, wenn nun sogar schon Horst Köhler das Ende des Wachstums ausruft.

          Reden könnte man allenfalls über den Verbrauch. Aber beim Auftanken rechne ich aus, dass es doch nur zehn Liter auf einhundert Kilometer waren. Das Benzin von heute treibt ein Auto von vorgestern problemlos an. Wo, außer bei Ebay, kriegt man für sein Tonbandgerät noch Bänder, wo für seinen Videorecorder noch VHS-Kassetten, welcher alte Kühlschrank könnte den EU-Normen entsprechen? Es ist Technik, die nicht mehr funktioniert. Aber der Rekord, der damals 12.104,56 D-Mark kostete, tut's noch. Doch die Regierung zahlt den Leuten auch noch Geld, damit sie ihre viel jüngeren Autos verschrotten. Galt Opel, und zumal der Rekord, einst als Sinnbild von Spießigkeit, so kann man ihn nun ansehen als Überbleibsel eines verlorenen Glücks.

          „Man sollte gar nicht glauben, wie gut man heute ohne die Erfindungen des Jahres 2400 auskommen kann“, sagte Tucholsky 1932. Man sollte auch nicht glauben, wie gut man 1974 ohne die Erfindungen des Jahres 2009 auskam.

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