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Im Rekord durch Rüsselsheim : Der Opel, den ihr kennt

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Wie weiland in „Zwölf Uhr mittags“

Plötzlich steht ein sehr zierlicher Mann hinter dem Auto, mit Pepitahütchen und Damenfahrrad. Die Umstehenden wissen schon, wie alt er ist: einundneunzig. 1936 hat er den Führerschein gemacht, da gehörte Opel schon sieben Jahre nicht mehr sich selbst. Der Mann stammt aus Ostpreußen und redet ein wenig wie der Kritiker Joachim Kaiser. Drei Jahre war er in russischer Gefangenschaft, in der ihn selbst eine feuchte Rippenfellentzündung nicht kleingekriegt hat, und dann dreißig Jahre als Schlosser bei Opel, bis 1980. Und er ist sein Leben lang diese Marke „jefarrn: Kadett, Rekord, Ascona, Manta, Corsa, ich hab alles jehabbt.“ Sein erster Opel kostete 4500 Reichsmark, „vor däm Kriech“. Über den Zustand meines Blauen wundert er sich: Das könne nicht stimmen mit dem unrestaurierten Original. „Oder wo hat der die janze Zeit jestand'n - im Schlafzimmer? Oder hat den 'ne alte Omma jefarr'n?“

Die Situation sei natürlich hoffnungslos. Undenkbar, dass General Motors Opel freilässt: „Das wird der Ammi nich woll'n. Alle jammern: Hoffentlich bleibt de Opel. Ohne Opel ist das hier eine tote Stadt.“ Ich muss an „Zwölf Uhr mittags“ denken, die Szene, in der Gary Coopers frühere Freundin über ihn sagt: „Und wenn er stirbt, das fühle ich, dann stirbt auch diese Stadt.“ Wenn es damit überhaupt getan ist. Ich erinnere den Ostpreußen daran, dass es im Rhein-Main-Gebiet einen Opel-Zoo, ein Opel-Bad und einen Opel-Turm gibt - gestiftet von einer Firma, von der man heute sagt, man brauche ihre Autos nicht mehr. Der Alte tippt mir mit dem Finger auf die Brust und prophezeit mir, ich würde wahrscheinlich nicht so alt werden wie er. „Ihr habt alle nur im Wohlstand jelebt, und jetzt fehlt der Wohlstand. Ich bin froh, dass ich noch Rente kriech.“ Dann fährt er davon auf seinem Damenrad, „viel Erfolch“, sagt er noch und weicht schlenkernd einem Taxi aus. Er weiß noch nicht, dass Opel seine Absatzzahlen um sechzig Prozent gesteigert hat.

Daheim in Heidelberg wirkt der Wagen überhaupt nicht

Die Konfrontation mit dieser robusten, über die heutige Lage mit einem grandiosen Achselzucken hinweggehende Großvätergeneration hat beinahe etwas Furchteinflößendes. Es kommen noch Amerikaner vorbei, „hey, crazy car“, sagt die Frau. Mit dem Gefühl, dass der Rekord, dessen Haube immer noch warm ist, noch nicht ganz ausgereizt ist, lasse ich den Motor an und bugsiere ihn weg, Richtung Autobahn. Ich will nach Hause. Im Radio wähle ich den passenden Sender: SWR 1, die Rockmusik ist so alt ist wie das Auto und muss sich gegen die nun doch recht lauten Fahrgeräusche behaupten. An der hessischen Bergstraße mein erstes Überholmanöver: ein Lastwagen. Den Regen beseitigen die schlanken, an den Frontscheibenrändern dumpf quietschenden Scheibenwischer zuverlässig. Man hatte mir eine Höchstgeschwindigkeit von 160 genannt. Mal sehen. Bis 130 geht es relativ zügig, dann wird es zäh. Von 140 auf 150 dauert es selbst bei energischstem Pedalttritt mehrere Minuten - für mich zu lange: Das Ausfahrtsschild „Heidelberg“ kommt in Sicht, ich gehe vom Gas, der etwa elfhundert Kilo schwere Wagen wird sofort erheblich langsamer. Um die Wirkung des Autos in anderer Umgebung zu testen, fahre ich zum Universitätsplatz und stelle es vor der Weisschen Buchhandlung ab. Kaum jemand nimmt Notiz davon. In die Parklücke in meiner Straße schaffe ich es erst nach mehreren Anläufen. Schwitzend steige ich aus.

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