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Im Rekord durch Rüsselsheim : Der Opel, den ihr kennt

  • -Aktualisiert am

Erst einmal raus aus der Stadt, ungehindert ein wenig beschleunigen, dann wieder abbremsen, ein Gefühl für alles bekommen. Die aprilwetterhaft herauskommende Sonne lässt es schlagartig warm werden. Ich schiebe den Heizungsregler zurück in die Mitte, elektrische Fensteröffner gibt es natürlich nicht. Sollte ich mich verfahren und nach dem Weg fragen müssen, könnte es umständlich werden, denn zum Herunterkurbeln des Beifahrerfensters werde ich mich abschnallen und ganz weit zur Seite beugen müssen, da kann man eigentlich gleich aussteigen. Stadtauswärts wage ich es: Von fünfzig auf hundert Stundenkilometer brauchen wir, das Auto und ich, knapp zwanzig Sekunden - als Fluchtauto also ungeeignet. Auf einen Versuch von null auf hundert verzichte ich, es käme mir irgendwie unfair vor. Nach ungefähr fünf Kilometern fahre ich rechts ran und drehe um, aber erst, als kein Auto in Sichtweite ist, das wäre sonst zu riskant. Der Wendekreis ist kleiner als befürchtet. Routiniert fahre ich wieder Richtung Innenstadt, zum Bahnhof, wo ich den Opel direkt neben dem Denkmal des Firmengründers am alten Werkstor abstelle. Das Auto lockt sofort Passanten an. Es sind vor allem die Älteren oder Alten, die noch wissen, was es mit einem Rekord Baujahr 1974 auf sich hat. Die Jungen würdigen ihn keines Blickes. Ein Mann mit Mütze schiebt seinen Kugelbauch und ein hellgrünes Damenfahrrad vorbei, ein ehemaliger Opelaner, Dienstzeit von 1959 bis 1992: „ein schönes Auto“. Auf Fragen nach der Firma schlagen einem Verbitterung und Resignation entgegen, alles in Hörweite des mit stummer Würde daneben stehenden Adam-Opel-Denkmals: „Opel wurde ausgesaugt“, „Wissen Sie, das tut einem weh“, in diesem Stil. Zwar findet jeder den neuen Wirtschaftsminister gut, jedenfalls besser als den alten; aber in die Politik setzt hier niemand Hoffnungen.

„Wir durften ja nichts investieren“

Ein Ingenieur kommt näher, der war vierzig Jahre bei Opel, die meiste Zeit in der Entwicklung. „Das ist mein Metier“, sagt er und klopft auf die blaue Stahlkarosserie, als gehörte ihm das Auto. „Man muss es in seiner Zeit sehen“, erklärt er fachmännisch. Die Frontpartie verrate eindeutig den amerikanischen Einfluss. Er erwähnt den Namen des Designers: Chuck Jordan. Wie es denn aber komme, frage ich, dass Opel seit den achtziger Jahren ein so schlechtes Image habe. Das sei im Wesentlichen die Schuld der Amerikaner: „Wir durften ja nichts investieren. Es durfte alles nichts kosten, es ging nur um Profit.“ Und obwohl er erst gar nichts sagen wollte, redet er sich jetzt, mit einem Schlüsselbund gestikulierend, in Rage.

Der Verkauf der Patente an General Motors vor einigen Jahren, auf den man sich bei Saab ja nicht eingelassen habe, sei allein schon ein Fiasko gewesen. In Detroit habe man doch regelrecht Angst vor der deutschen Technik gehabt, und nun gehöre Opel nichts mehr, nur noch die Arbeiter, die nun wohl bald auf der Straße stünden. Und niemand, der sich „um die Menschen“ kümmere, sehr im Gegensatz zu anderen Ländern, wo viel stärker protestiert werde: „Wir lassen uns alles gefallen.“ Auch die Opposition, „diesen Westernhagen, äh, Westerwelle“, verbessert er sich, könne man vergessen. Man habe so viel Herzblut investiert, das Familienleben sei zu kurz gekommen all die Jahre, und nun das. Er werde im September einfach alle Parteien durchstreichen: „Ihr seid nicht wählbar.“ Ein Zigarillo-Raucher hat sich dazugestellt und spricht bewundernd von der „Liebe zum Detail“, stört aber mit seinem Qualm den Ingenieur: „Ich muss hier weg.“ Was, will ich vom Ingenieur noch wissen, wäre, wenn Opel doch Insolvenz anmelden würde? „Des geht gaar ned. 'Ne Pleitefirma, da kauft mer kaane Audos meehr.“ Und wenn man auf Elektroautos umrüstet? „Überlegen Sie mal: Wo kommt denn der Strom her - aus der Steckdose? Dafür brauchen wir doch Kraftwerke, die man aber ja abschalten will.“

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