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Im Rekord durch Rüsselsheim : Der Opel, den ihr kennt

  • -Aktualisiert am

Als ich den Automatikhebel nach hinten ziehe, von P auf R, geht ein Ruck durchs ganze Auto. Vorsichtig gehe ich von der Bremse, aber das Auto rührt sich nicht. Erst als ich Gas gebe, setzt es sich rückwärts in Bewegung. Vergeblich warte ich auf ein Signal, das Bescheid gibt, sobald man Hindernissen zu nahe kommt. Ängstlich, den Kopf angestrengt nach hinten gebogen, setze ich zurück. Dass es nur einen Außenspiegel gibt, in dem man auch noch weniger sieht als in heutigen, macht mich nicht sicherer. Die Leute gucken schon. Das Lenkrad aus schwarzem Hartplastik scheint für Riesen gemacht, ist aber so dünn, dass schon Säuglingshände es umfassen könnten. Bei langsamer Fahrt lässt es sich nur ganz schwer drehen, im Stehen praktisch gar nicht. Kaum zu glauben, dass Servolenkung einmal als absoluter Luxus galt, etwas für verwöhnte Schwächlinge. Auf die Armübungen im Kieser-Studio werde ich heute Abend jedenfalls verzichten können.

Die ständigen Lenkbewegungen in alten Filmen: eigentlich ganz realistisch

Ich rutsche ab und drücke aus Versehen auf die Hupe: döööt! So waren die Hupen damals; sie klangen, als wollten sie den Stolz darüber, zu einem Auto zu gehören, zum Ausdruck bringen, wuchtiger, aber nicht so aggressiv wie heute. Die Farben waren auch anders. Signalblau gehört eindeutig in die siebziger Jahre: Die Pril-Aufkleber, mit denen ich den Küchenschrank meiner Großeltern ungefragt garnierte, hatten dieses Blau und bestimmte Legosteine auch. Es war, obwohl die Grenzen des Wachstums in Sicht kamen, das Jahrzehnt der Unbeschwertheit, schon deswegen, weil an den autofreien Sonntagen meine Schwester und ich uns auf die Teerstraße vor unserem Haus legten und minutenlang in der Sonne liegen blieben.

Inzwischen habe ich den Rekord in Position. Den D-Gang einlegen: Wieder ruckt es. Das Gaspedal scheint recht unempfindlich, ich drücke es fast halb durch. Automatisch rastet das Getriebe in den Gängen ein. Greisenhaft langsam fahre ich los. Der Kontakt zur Fahrbahn scheint nur lose zu sein. Platt wie eine Flunder liegt der Wagen nicht gerade. Jede Unebenheit lässt er einen spüren. Man kommt sich vor wie auf einem Schiff: Du nahst dich wieder, schwankende Gestalt? Jetzt merke ich auch, dass es doch ganz realistisch war, wenn in alten Filmen die Leute beim Autofahren ständig das Steuer hin und her bewegten: Die Lenkung reagierte damals wirklich nicht so prompt und exakt.

Von fünfzig auf hundert Stundenkilometer in zwanzig Sekunden

Durch den Rückspiegel sehe ich, wie mir junge Burschen, die am Straßenrand neben ihrem schnittigen Mercedes-Coupé stehen, Blicke nachwerfen. Sehen sie mir nach, oder sehen sie mir das Auto nach? An der ersten Ampel merke ich, dass die Bremswirkung erst mit Verzögerung einsetzt. Ich bin gewarnt. So scheint es mir vorläufig nicht ratsam, die innerstädtische Höchstgeschwindigkeit auszureizen. Heizen kann man ja immer noch, fürs Erste reicht Tempo 35. Der Motor klingt hell, niedrigtourig blubbert er wie ein Zweizylinder. Tritt man durch, summt er wie eine Waschmaschine im Schleudergang. Beim Ausrollen hört man es brummen, in Kurvenlage scheppert es leicht. Auf den ersten zwei, drei Kilometern muss ich mich dermaßen konzentrieren, dass ich für einen Moment meine, ich hätte ein Einbahnstraßenschild übersehen.

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