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Im Palast der Republik : Das Ausstellungswunder von Berlin

Wandgrafik Angela Bullochs im „White Cube” Bild: dpa/dpaweb

Berühmte Künstler tun sich zusammen und schaffen innerhalb von 19 Tagen mitten in Berlin ein Idealmuseum. Ihre improvisierte Schau ist sensationell. Und empfiehlt den dem Abbruch geweihten Palast der Republik als neue Kunsthalle.

          Kurz vor Jahresende gibt es doch noch eine Sensation zu vermelden. Berlin hat eine neue Kunsthalle - und noch vor einem Monat wußte keiner etwas davon: die Künstler nicht, die Organisatoren nicht, die Stadt nicht. Das einzige, was vorhanden war, ist eine gleißend weiße Halle, 36 Meter lang, 27 Meter breit und 10 Meter hoch, die für die dubiose Ausstellung „Fraktale IV“ in den Berliner Palast der Republik hineingebaut worden war.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Als die Ausstellung am 19. November endete, fragten sich die Organisatoren des „White Cube Berlin“, was man bis zum Januar, wenn der Palast abgerissen werden soll, hier zeigen könnte. Sie riefen Thomas Scheibitz an, den in Berlin lebenden Künstler, der in diesem Jahr Deutschland auf der Biennale in Venedig vertrat - und was dann passierte, ist jetzt schon Legende.

          Vielsagendes Bild der Gegenwartskunst

          Scheibitz rief befreundete Künstler an. Die weitere Freunde anriefen. So kam in nur 19 Tagen, ohne Kuratoren, ohne eine Institution im Hintergrund, eine Ausstellung zusammen, wie man sie in Berlin lange nicht gesehen hat. Mehr als dreißig international renommierte Künstler, die zum großen Teil in der Stadt leben, stellen im „White Cube“ meist neue Arbeiten vor, und selten hat sich in Berlin ein so vielsagendes Bild der hier entstehenden Gegenwartskunst kristallisiert.

          Im „White Cube”: Olafur Eliassons „umgekehrte Spiegellampe”

          Franz Ackermann zeigt ein monumental-utopisches Combine Painting mit dem Titel „Zugang zum Meer“; Olafur Eliasson erinnert mit seiner „umgekehrten Spiegellampe“ an die einst auch im Palast beheimatete Ostmoderne und deren Spiel zwischen Dekoration und Abstraktion; Thomas Demand stellt eine subtile kleine Arbeit aus, die eine „Hinterhaus“-Klingelleiste in ein polychrom-abstraktes Kunstwerk überführt, Scheibitz selbst ist mit einem Gemälde und einer Skulptur vertreten; die Videokünstlerin Candice Breitz, die ebenfalls auf der Biennale ihren Durchbruch hatte, zeigt eine Arbeit, in der sie die Mimik und Gestik der Schauspielerin Sharon Stone dekonstruiert; darüber hinaus gibt es Werke von so unterschiedlichen Künstlern wie Olaf Nicolai und John Bock („Babyshambles“, 2005), Eberhard Havekost und Rirkrit Tiravanija, Christoph Schlingensief, Martin Eder, Manfred Pernice und vielen anderen zu sehen.

          Was das Museum in zehn Jahren nicht geschafft hat

          Viele der Künstler leben seit langem in Berlin: Olafur Eliasson, Thomas Demand und Tacita Dean, um nur drei der bekanntesten zu nennen, haben zwar ihre Ateliers in Rufweite des Fensters von Peter-Klaus Schuster, dem obersten Leiter des Hamburger Bahnhofs, des „Museums für Gegenwart“ - aber keiner bekam dort je eine Einzelschau. Eliasson wurde statt dessen in London gezeigt (nicht weniger als zwei Millionen Besucher kamen), Demand im New Yorker MoMA, Tacita Dean im Pariser Musée de l'Art Moderne. Man mußte weit reisen, um zu erfahren, was in der eigenen Hauptstadt an Kunst entsteht, und die Misere geht weiter. Auch der junge, in Berlin ansässige Künstler Clemens von Wedemeyer wird im März in New York mit einer Einzelschau geehrt. In Berlin? Nichts dergleichen.

          Schon deswegen stellt sich bei der Ausstellung im Palast der Republik zunächst einmal gar nicht die Frage, ob der Palast abgerissen werden soll oder nicht; die Frage, die sich aufdrängt, ist vielmehr: Warum ist es den örtlichen Kunstinstitutionen, vor allem dem staatlich hochsubventionierten „Museum für Gegenwartskunst“ im Hamburger Bahnhof, in zehn Jahren nicht gelungen, eine Ausstellung hinzubekommen, für welche die Künstler in Eigenregie nur 19 Tage brauchten?

          Mehr als alles andere ist diese Ausstellung eine krachende Form von Institutionenkritik. Sie zeigt auf ungewohnt deutliche Weise, woran es seit der ersten Berlin-Biennale fehlt in der Stadt; sie zeigt, was möglich wäre, wenn man einen Ort wie den Hamburger Bahnhof nicht von vornherein zum Abstellgleis für vorkonfektionierte Großsammlungen à la Flick verkommen ließe. Im „White Cube Berlin“ stoßen Dinge zusammen, die sonst nie zusammen zu sehen sind. Hier konzentriert sich, was sonst nur weit zerstreut über Ateliers und Galerien oder in Spezialmessen zu entdecken ist.

          Wohltuend phantasievoller Pragmatismus

          Die Ausstellung „36x27x10“ lebt auch von ihrem Ort im Zentrum der Stadt. Man schlängelt sich vorbei am Weihnachtsmarkt Unter den Linden, windet sich unter einem Riesenrad durch eine schmale Tür im Bauzaun, betritt die düstere Hülle des Palasts der Republik, der wie ein abgewracktes Schiff der sowjetischen Marine im Zwielicht des Berliner Winters liegt - und tritt plötzlich in eine andere Welt. Der gleißend helle, perfekt weiße Raum lädt zu Experimenten ein: Die massiven Stahlträger an der Decke machen aus dem White Cube eine Kunstfabrik, eine Bühne der neuen Art. Und deswegen stellt sich am Ende doch die Frage nach einer Weiternutzung des Baus.

          Der phantasievolle Pragmatismus, mit dem Künstler wie Scheibitz hier an die Arbeit gehen, ist wohltuend nach den verbohrten Lagerkämpfen der vergangenen Jahre, in denen besinnungslos ruinenfixierte Ost-Nostalgiker auf nicht weniger besinnungslose Schloßtalgiker stießen. Die Ausstellung, sagt Scheibitz nun, sei „in erster Linie keine Parteinahme der in Berlin tätigen Künstler für oder gegen die Palasterhaltung“ - sondern der Versuch zu zeigen, was den Reichtum des notorisch finanzklammen Berlins ausmacht: Die kluge Improvisation im Ruinösen, das Temporäre, das System chaotischer Kreativität.

          Warum eine Brache anstelle dieses Ortes?

          Der „White Cube“ ermöglicht viel, ohne irgend etwas zu verhindern. Bedenken, er sei ein trojanisches Pferd, das die palastrevolutionären Milizen den Schloßfreunden auf ihren Bauplatz rollen, sind unbegründet. Gelobt werden müssen deshalb auch die politisch Verantwortlichen, die nicht borniert auf der Schließung des Palasts beharrten, sondern erkannten, welche Chancen in einer temporären Weiternutzung des White Cube als Kunsthalle liegen. Berlin hat mit dieser wundersam improvisierten, unerwarteten Ausstellung einen Ort bekommen, der die versteckten Entwicklungen in der Kunstwelt dieser Stadt an einem zentralen Platz bündelt und sichtbar macht. Warum nicht als nächstes eine ähnliche Ausstellung, die nach der Architektur in Berlin fragt, und eine kuratorisch anspruchsvollere zur jüngsten Berliner Kunst?

          Der Erfolg dieser aus dem Nichts aufgetauchten Ausstellung sollte die politisch Verantwortlichen zum Nachdenken bringen, die den Abriß des Palasts durchgewunken haben, ohne daß der Baubeginn eines Schlosses auch nur in Sicht wäre: Will man denn wirklich, nur um dem Sozialismus noch nachträglich eins auszuwischen, eine weitere öde, leere Fläche im Herzen der Stadt statt eines Ortes, an dem solche Ausstellungswunder stattfinden?

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