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Islamkritiker Ruud Koopmans : Auf dem Wohlfühlpodium

Moschee in Deutschland: Wie kann die Integration von muslimischen Migranten gelingen? Bild: dpa

Da nimmt jemand kein Blatt vor den Mund: Ruud Koopmans hat ein neues Buch über den Islam geschrieben. Doch anstatt sich seinen unbequemen Fragen zu stellen, suchen seine Gesprächspartner Cem Özdemir und Naika Foroutan den Konsens.

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          Wenn es um den Islam geht, noch dazu um ein Buch, das vom „verfallenen Haus des Islam“ spricht und die „religiösen Ursachen von Unfreiheit, Stagnation und Gewalt“ erforschen will, ist zu erwarten, dass es eines gerade nicht geben wird – Konsens. Der niederländische Sozialwissenschaftler Ruud Koopmans, an dessen islamkritischen Thesen sich schon hitzige Debatten entzündet haben, hätte bei einem Podiumsgespräch über sein neues Buch im Wissenschaftszentrum Berlin sicher Rede und Antwort gestanden – wäre er denn gefragt worden.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Cem Özdemir und die Migrationsforscherin Naika Foroutan waren als Gesprächpartner aufgeboten. Und Koopmans nahm kein Blatt vor den Mund: Demokratien hätten in der islamischen Welt mittlerweile kaum noch Bestand. Gewalt sei hier ungleich stärker ausgeprägt, Menschenrechte würden nicht beachtet, religiöse Minderheiten und Frauen unterdrückt. Die Ursache für diese rückschrittlichen Entwicklungen – denn es sei um die Länder schon einmal besser bestellt gewesen – sieht Koopmans nicht etwa, wie es heute so beliebt ist, als Erbe des westlichen Kolonialismus. Nicht Armut sei ausschlaggebend: Die Wurzel des Übels liege im islamischen Fundamentalismus.

          Was man gern gewusst hätte

          Dabei geht es Koopmans, der als islamkritisch, nicht als islamfeindlich verstanden werden will, ausdrücklich nicht um den Islam an sich, sondern um seine fundamentalistische Ausprägung. Außer Frage steht für ihn, dass sich an dieser Problemlage nichts ändern wird, solange die islamische Welt sich nicht ändert. Koopmans präsentierte also lauter Themen, die die Bürger dieses Landes bewegen – und polarisieren. Man hätte gerne mehr von dem Autor gewusst: Handelt es sich hier um ein religiöses oder ein politisches Problem? Was bedeutet das für die Aufnahme von Migranten aus islamischen Ländern? Wie kann Integration gelingen, wenn radikale Islam-Verbände einen so starken Einfluss auf die muslimischen Gemeinden haben? Und vor allem: Wie können wir vernünftig und sachlich über den Islam sprechen – ohne Probleme wie fehlende Frauenrechte auszublenden oder aber islamfeindliche Vorurteile zu bedienen?

          Foroutan, die das Podium zugleich moderierte, sah manches offenbar kritisch, kam aber selten auf den Punkt. Die Mitschuld der westlichen Politik an der Situation der islamischen Ländern fand sie nicht ausreichend beleuchtet, die Entkräftung der Kolonialismus-These zu kurz gedacht. Man brauche gar nicht unbedingt demokratische Erfahrungen, um sich eine Demokratie vorzustellen. Man könne sich ja auch Liebe vorstellen, ohne verliebt gewesen zu sein.

          Während man über diesen Analogieschluss nur staunen kann, war auch Cem Özdemir keine große Erkenntnishilfe, obwohl er sehr viel Redezeit in Anspruch nahm. Etwas wesentlich Neues hatte er auf diesem Wohlfühlpodium nicht zu sagen. Fast schon hätte man diese alles glättende Konsensorientierung als Reformmodell der Zukunft gesehen, wenn Koopmans nicht klargestellt hätte: Ein verordneter Konsens sei gerade nicht das Ziel, denn genau das charakterisiere den Fundamentalismus – einen einzig wahren Islam als den einzig wahren Glauben zu verkünden. Es gehe vielmehr darum, den Dissens zu akzeptieren.

          Die wirklich interessanten Fragen kamen aus dem Publikum. Sie könne die katholische und die evangelische Kirche öffentlich kritisieren, ohne diffamiert zu werden, sagte eine Frau. Wenn sie sich aber kritisch zum Islam äußere, gelte sie sofort als Rassistin. Wo bleibe hier die Zivilgesellschaft? Eine Antwort blieb das Podium schuldig. Da kann man nur empfehlen: Wer an gehaltvollen Analysen interessiert ist, suche sich ein anderes Forum – und lese Koopmans’ Buch.

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