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Im Gespräch: Remo H. Largo : Sind Kinder auch nur Menschen, Herr Largo?

Das kostbarste Gut, dass wir Kindern schenken können, ist Zeit: Remo H. Largo Bild: Illustration Burkhard Neie

Remo H. Largos Bücher wie „Babyjahre“ und „Kinderjahre“ sind Standardwerke. Ein Interview über verunsicherte Eltern, überforderte Kinder, gute Betreuung und die Modekrankheit Hyperaktivität.

          Das Haus von Remo Largo liegt auf einem Berg. Der Blick reicht weit über den Zürichsee, im Hintergrund ragen die schneebedeckten Alpen auf. Zum Gespräch setzt sich der Mediziner an den Küchentisch. Auch die zwei Kinder, die im Hintergrund toben und sein Wohnzimmer verwüsten, bringen ihn nicht um seine helvetische Gelassenheit.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Herr Largo, sind Kinder heute schwieriger als früher?

          Ich glaube schon, aber nicht etwa, weil die Kinder heute anders wären, sondern weil sich die soziale Struktur verändert hat: Der gravierendste Unterschied erscheint mir, dass Eltern meist nur noch ein oder zwei Kinder haben. Der Wert des einzelnen Kindes ist enorm gestiegen, seit Eltern entscheiden können, ob sie Kinder wollen. Und wenn sie sich dafür entscheiden, muss es auch ein Erfolg werden. Heute sind Kinder ein Juwel - und müssen funkeln, sonst hat es sich nicht gelohnt. Die Erwartungen, Ansprüche und Ängste von Eltern haben beängstigend zugenommen.

          Inwiefern?

          Zum Beispiel durch das neue Rollenbild der Frau, die heute immer vor der Frage steht: Verfolge ich meine Karriere, gründe ich eine Familie, oder versuche ich, beides unter einen Hut zu bekommen? Auch dadurch bekommt das Kind einen enormen Stellenwert: Bleibt die Mutter zu Hause, ist der Selbstwert der Mutter ans Kind gekoppelt. Geht sie arbeiten, müht sie sich mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ab, und das Kind ist wieder keine Selbstverständlichkeit.

          Geht das überhaupt? Einen anspruchsvollen Beruf zu haben und verantwortungsvolle Mutter zu sein?

          Als Eltern darf man sich keine Illusionen machen: Wenn sich eine Mutter oder ein Vater beruflich stark engagiert, müssen sie Abstriche machen, entweder bei der Karriere oder bei den Kindern. Und das bedeutet für eine berufstätige Mutter, dass sie für ihre Kinder nicht eine so große Rolle spielen kann, wie wenn sie zu Hause geblieben wäre. Vielen Frauen fällt es schwer, dass sie als Mutter relativiert werden. Vom Kind gedacht, ist es weniger wichtig, wer nach ihm schaut, sondern vor allem, wie gut die Betreuung ist und ob es zuverlässige Bezugspersonen hat. Wenn diese Aufgabe nicht allein die Mutter übernimmt, kann es schwer werden: weil in der Fremdbetreuung oft die Kontinuität nicht gewährleistet ist. Ständige Wechsel in der Betreuung sind schlecht für die Entwicklung des Kindes. Aber: In der Menschheitsgeschichte wurden Kinder nie nur von der Mutter, sondern stets von mehreren Bezugspersonen betreut, ob in der Verwandtschaft, in der Bekanntschaft, in der Sippschaft. Heute reduziert sich das auf die Eltern, so kommt auf sie ein Anspruch zu, der kaum zu erfüllen ist.

          In Deutschland wird viel über die Zahl neuer Krippenplätze diskutiert, die Qualität spielt dabei keine Rolle.

          Dabei ist das der wesentliche Aspekt! Die Kinder müssen mit den Bezugspersonen vertraut sein, was Zeit und Kontinuität erfordert. Das wiederum bedeutet, dass die Gruppen nicht zu groß sein dürfen. Aber kleine Gruppen sind teuer. Diesen Preis aber sollte eine Gesellschaft bereit sein zu zahlen.

          Es gibt das Sprichwort, wonach es eines Dorfs zur Erziehung eines Kindes bedarf. Wenn heute viele Kinder ohne Geschwister aufwachsen und oft nur mit einem Elternteil - kann die Krippe oder der Kindergarten ein adäquates Ersatzdorf sein?

          Erst einmal muss das Kind sich dort angenommen und geborgen fühlen. Trifft dies zu, kann es in der Gruppe durchaus wichtige Erfahrungen sammeln, die ihm in der Kleinfamilie vorenthalten bleiben: Zum einen fehlt zu Hause oft die Gesellschaft von anderen Bezugspersonen. Kinder aber suchen Vorbilder nicht nur in den Eltern, sondern auch in anderen Erwachsenen. Zweitens fehlen dem Kind in der Einkindfamilie andere Kinder. Natürlich kann sich die Familie mit anderen Familien zusammentun, aber in der Regel schaffen sie es nicht, und das Kind bleibt meist allein. Ein Kind im Vorschulalter braucht jeden Tag mehrere Stunden mit anderen Kindern. Das überfordert die Mütter, weil sie abdecken sollen, was verhaltensbiologisch unmöglich ist: Sie sollen andere Kinder ersetzen, eine Anforderung, die sie gar nicht erfüllen können. Es macht mich traurig zu sehen, wie sich Erwachsene vergeblich abmühen mit ihren Kindern, weil das optimale Biotop für Kinder eben andere Kinder sind. Weil die Mütter kleiner Kinder dadurch überfordert werden, neigen sie dazu, depressiv zu werden, was sich wiederum nachteilig auf das Kind auswirken kann.

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