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Im Gespräch: Kulturwissenschaftler Thomas Macho : Die Rhetorik der Machtabsage

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Niedersachsens Ministerpräsident Wulff: „Mir fehlt der unbedingte Wille zur Macht”
          4 Min.

          Der niedersächsische Ministerpräsident sagt über sich selbst, ihm fehle der „unbedingte Wille zur Macht“. Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho seziert im Gespräch mit der F.A.Z. die rhetorische Figur der Machtabsage und analysiert das deutsche Verhältnis zur Lüge.

          Christian Wulff wurde unlängst gefragt, ob er sich vorstellen könne, Bundeskanzler zu werden. Er replizierte darauf mit der Bemerkung: Nein, ihm fehle dafür der unbedingte Wille zur Macht. Verblüfft Sie diese Bemerkung?

          Ich finde diese Bemerkung aus verschiedenen Gründen nicht sehr verblüffend. Sieht man zum Beispiel - unter dem Stichwort "Große Koalition" - nach Österreich, so drängt sich der Eindruck auf, dass Menschen, die schon in der Sandkiste Bundeskanzler werden wollten, auch recht schnell nicht mehr Bundeskanzler sein können. Wer zu auffällig und zu sichtbar ein erotisches Verhältnis zur Macht bekennt, der wird bestraft. Ein Politiker, der dagegen ein distanziertes Verhältnis zu seinen Kollegen bekennt, darf durchaus mit Steigerungen seiner Sympathiewerte rechnen. Nicht in Konkurrenz zu anderen Politikern zu treten wird vielleicht sogar als Zeichen einer schon erreichten Popularität genommen. Nach wie vor gilt auch, dass der Schein von Ehrlichkeit und Charakter zum politischen Charisma gehört.

          Kulturwissenschaftler Thomas Macho
          Kulturwissenschaftler Thomas Macho : Bild: dpa

          Würden Sie also sagen, dass es tatsächlich zu einem überzeugenden politischen Machtanspruch gehört, eben diesen Anspruch vorsichtig einzuklammern?

          Natürlich nicht immer. Aber in der gegenwärtigen politischen Situation in Deutschland war es eine äußerst kluge Entscheidung von Wulff, diesen Anspruch nicht zu erheben.

          Und wie kommt es zu dieser Form von Rhetorik der Authentizität? Gibt es für sie historische Anbahnungen?

          Diese Rhetorik hat eine lange Tradition. Die Offenheit und Ehrlichkeit des Politikers gehört zum Grundrepertoire öffentlicher politischer Selbstinszenierung.

          Aber gibt es vielleicht, im europäischen Querschnitt gesehen, eine spezifisch deutsche Variante?

          Ganz sicher. Das hat mit dem besonderen Verhältnis von Politik und Aufrichtigkeit in Deutschland zu tun. Das Thema Lüge wird in Deutschland ganz anders verhandelt als etwa in Italien, Frankreich oder England. Das deutsche Verhältnis zur Lüge ist nach wie vor davon geprägt, dass nichts politisch so schädlich ist wie der Nachweis der Unaufrichtigkeit.

          Das Stichwort Lüge bringt uns direkt auf die nietzscheanische Wendung vom "Willen zur Macht", von der Christian Wulff sich distanzierte. Scheint Ihnen der Griff ausgerechnet zu dieser Grundvokabel von Nietzsches Willensmetaphysik von Bedeutung?

          Diese Formel kann im Moment offenbar in allen möglichen Kontexten auftauchen. Man hat dabei das Gefühl, dass es sich um eine verschlissene Floskel handelt, über deren Bezug zu Nietzsche man sich kaum den Kopf zerbrechen muss.

          Zurück zur politischen Bühne. Kann man sich nicht ebenso gut schneidige Bekenntnisse zur politischen Macht vorstellen, die einen professionellen Umgang mit ihr signalisieren?

          Natürlich, diese Rhetorik funktioniert auch in bestimmten Kontexten. Aber gegenwärtig kollidiert sie allzu leicht mit Rollenaspekten der Geschlechterdifferenz. Es geht ja nicht nur um das Verhältnis zu einer anonymen Macht, sondern auch um symbolisch eingespieltes und trainiertes männliches Konkurrenzverhalten, wie es mit dem Begriff der "Alphatiere" von Wulff auch angesprochen wird. Zugleich geht es um eine Frau, die an der Macht ist. Ein Mann wie Wulff wählt hier nicht das Duell, sondern eine Art Kavaliersgeste, in seinem Fall natürlich eine ziemlich vergiftete.

          Wulff spricht sich selbst ein respektvoll-demütiges Verhältnis zur Macht zu. Eben nicht eines, wie es die von ihm genannten "Alphatiere der deutschen Politik" Angela Merkel, Franz Müntefering und Roland Koch haben.

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