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Ausstellung zu Carl Melchior : Im Dienste der Republik

Der jüdische Bankier Carl Melchior erhält seinen wohlverdienten Platz in der deutschen Erinnerungskultur: Das Jüdische Museum in Berlin ehrt den glühenden Vorkämpfer der jungen Republik mit einer berührenden Ausstellung.

          In einer idealen Welt stünde in Hamburg, wo er lebte und starb, ein Denkmal für Carl Melchior, in Berlin würde in seinem Namen ein jährlicher Preis für Finanzdiplomatie verliehen, und mindestens ein großer deutscher Verlag hätte eine ausführliche Biographie über ihn im Programm. Denn Melchior hat sich mehr um dieses Land verdient gemacht als viele Politiker oder Industrielle, nach denen Straßen und Plätze in deutschen Städten benannt sind – während es immer noch keine einzige Carl-Melchior-Straße gibt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          1871 in eine jüdische Kaufmanns- und Gelehrtenfamilie hineingeboren und seit 1917 Teilhaber des Hamburger Bankhauses Warburg, nahm Melchior in leitender Funktion an der historischen Entwicklung teil, die von der Versailler Friedenskonferenz von 1919 zur Aufhebung der deutschen Reparationszahlungen bei der Konferenz von Lausanne im Jahr 1932 führte.

          Er war, wenn man so will, das strategische Mastermind der Außenfinanzpolitik der Weimarer Republik und als deutsches Mitglied im Finanzausschuss des Völkerbundes auch deren wichtigster Sprecher.

          Der Kämpfer für die junge Republik

          Dass er auch eine gewinnende Ausstrahlung besaß, kann man bei dem britischen Ökonomen John Maynard Keynes nachlesen, der in seinen Lebenserinnerungen „Freund und Feind“ ein glühendes Porträt von Melchior zeichnet.

          „Ein sehr kleiner Mann von exquisiter Sauberkeit, sehr gut und sorgfältig gekleidet, den runden Kopf von graumeliertem Haar bedeckt, mit Augen, die uns glänzend anblickten und in denen eine ungewöhnliche Trauer stand“, so trat der deutsche Wirtschaftsexperte im Januar 1919 bei einem Delegationstreffen in Trier vor seinen britischen Verhandlungspartner. Bald waren Keynes und Melchior Freunde.

          Im März handelten sie in Brüssel in einem Vieraugengespräch die Übergabe der deutschen Handelsflotte und den Beginn der alliierten Lebensmittellieferungen aus, eine Maßnahme, die angesichts der Hungersnot in Deutschland entscheidend zum Überleben der noch ungefestigten Republik beitrug.

          Es war Melchiors historischer Augenblick, und man mag sich vorstellen, mit welchen Gefühlen er im Mai 1933 an ihn zurückdachte, als er in einem Brief an Paul von Hindenburg „die gegen meine Glaubensgenossen sowie andere Abkömmlinge jüdischer Vorfahren getroffenen Maßnahmen ... als großes, beklagenswertes Unrecht“ anprangerte.

          Ein kleiner Fleck in der Erinnerungskultur

          Der Reichspräsident hat nie geantwortet. Melchior, schon in der Weimarer Republik als „Novemberverbrecher“ verunglimpft und nun von Hitlers Exekutoren aus dem Direktorium der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich gedrängt, die das Ende der deutschen Reparationen abwickelte, starb Ende 1933 an einem Schlaganfall.

          In einer idealen Welt, wie gesagt, hätte dieser große Patriot einen festen Platz in der offiziellen Erinnerung seines Landes. In der Realität der Berliner Republik gibt es jetzt zum Gedenkjahr der Deutschen Revolution eine Vitrinenausstellung im Vorbau der Michael Blumenthal Akademie des Jüdischen Museums Berlin, klein, aber umfassend und – lässt man sich erst richtig auf sie ein – tief berührend.

          Die Kuratoren Dorothea Hauser und Christoph Kreutzmüller haben eine Fülle von historischen und privaten Dokumenten zusammengetragen, darunter auch den Nachruf in Versen, den Max Warburg in New York seinem gestorbenen Kompagnon Melchior widmete: „Stets wahr und unabhängig, frei / Die wohlbedachte Ansicht äußernd / War seine Art, ganz gleich, was für ihn selbst / Der Rat für Folgen immer haben konnte“.

          Das Erbe der preußischen Aufklärung konnte ganz unterschiedliche Gestalten annehmen. Mal, wie bei den Brüdern Humboldt, waren es ein Naturforscher und ein Philologe. Mal, wie bei Carl Melchior, war es ein deutschjüdischer Bankier.

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