https://www.faz.net/-gqz-845zd

Mythos FC Barcelona : Katalonien für die ganze Welt

Mehr als nur ein Fußballverein: Das Wappen des FC Barcelona wird am Mittwoch für das Champions League Finale im Olympiastadion in Berlin ausgebreitet. Bild: dpa

Ikone, Identitätsstifter, Politikum, Nationalheiligtum, Touristenattraktion: das alles ist der FC Barcelona. Und heute Abend kann er im Champions-League-Finale beweisen, dass er auch noch die beste Mannschaft des Planeten besitzt.

          5 Min.

          Exakt siebzehn Minuten und vierzehn Sekunden nach Anpfiff jeder Halbzeit brandet bei den Heimspielen des FC Barcelona urplötzlich Applaus auf, ganz gleich, ob die Mannschaft gut oder schlecht spielt, ob ein Tor in der Luft liegt oder die Luft aus der Partie ist. Denn dieses Klatschen hat nichts mit Sport zu tun, sondern nur mit Politik: Am 11. September 1714 hielten die heroischen Verteidiger Barcelonas der Belagerung durch die französischen Truppen im Spanischen Erbfolgekrieg nicht länger stand und mussten kapitulieren. Der Triumphator König Felipe V. etablierte daraufhin einen zentralistischen Staat, schaffte die Selbstverwaltung Kataloniens ab, stieß den nordöstlichen Landesteil in die Knechtschaft des Untertanentums und bescherte den Katalanen damit das größte Trauma ihrer Geschichte. Von dieser dreihundertjährigen Seelenpein verschafft sich das Fußballvolk im Nou Camp nun mit seiner Akklamation eines unabhängigen Kataloniens zur symbolischen Sekunde kollektive Linderung.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Das Nou Camp, die größte Fußballarena Europas, ist nicht nur eine Weihestätte katalanischer Katharsis, sondern der eigenartigste Heilsort des modernen Fußballs überhaupt, eine Bühne permanenter sakraler, politischer, symbolischer Überhöhung. Auf den ersten Blick ist es nur das Heimstadion eines globalisierten Fußballkonzerns, dessen Spieler zu den bekanntesten Bewohnern der Erde gehören. Wahrscheinlich kann man durch kein Land auf Erden außer Nordkorea reisen, ohne Menschen mit Barça-Trikots, Autos mit Barça-Aufklebern, Sportsendungen mit Barça-Spielen zu sehen. Das allein macht den Verein noch nicht einzigartig, denn auch Real Madrid, Manchester United, FC Chelsea oder Bayern München sind solche Weltsportmarken. Der FC Barcelona aber ist im Gegensatz zu seinen Konkurrenten tatsächlich „més que un club“, mehr als ein Klub, wie das stolze Vereinsmotto lautet, weil mehr Seelen in seiner Brust wohnen als bei jedem anderen Fußballverein der Erde.

          Der größte Identifikationsstifter der Katalanen

          So hat der FC Barcelona, jenseits allen ernsthaften Sports, auch eine stürmische Zweitkarriere als Touristenattraktion gemacht. Bei Barcelona-Besuchern ist das Nou Camp fast genauso beliebt wie Antoni Gaudís Sagrada Familia oder die gotische Kathedrale im mittelalterlichen Stadtzentrum. Jeder Kameraschwenk durch die Zuschauerreihen zeigt so viele asiatische, arabische, lateinamerikanische Touristen in voller Barça-Montur, dass man kaum noch von Heimspielen sprechen mag. Auf den Ramblas, der berühmten Platanenpromenade Barcelonas, werden nicht mehr Singvögel verkauft oder Stühle an Passanten vermietet wie früher. Stattdessen ist sie jetzt von der Plaça de Catalunya bis zur Kolumbussäule am Hafen ein einziger, riesiger Devotionalienhandel mit Schals, Mützen, Bällen, Fahnen, Kaffeetassen, Badehandtüchern, Bettwäsche in den Vereinsfarben des FC Barcelona. Auch hier sieht man Horden von Menschen im offiziellen Mannschaftstrikot, die mitunter ein wenig grotesk wirken, wenn schmerbäuchige Strandurlauber auf Großstadtausflug mit Messi-Trikot über der Plauze die Allee entlangschlendern. Und trotzdem ist der Klub viel mehr als nur ein Souvenirlieferant oder globaler Markenartikel. Er mag Leibchen für Millionen Euro verkaufen. Doch seine Seele hat er - im Gegensatz zu Milliardärsspielzeugen wie Paris Saint-Germain oder FC Chelsea - nicht verkauft, ganz im Gegenteil.

          Europas größte Fußballarena und Weihestätte katalanischer Katharsis: Das Nou Camp in Barcelona
          Europas größte Fußballarena und Weihestätte katalanischer Katharsis: Das Nou Camp in Barcelona : Bild: Reuters

          Der FC Barcelona ist mittlerweile der größte Identifikationsstifter für die Katalanen, der Inbegriff eines starken, selbstbewussten, siegreichen Kataloniens, die Speerspitze im Kampf um mehr Unabhängigkeit vom ungeliebten Zentralstaat. Immer lauter wird zwischen Pyrenäen und Ebro-Delta der Ruf nach einer Loslösung von Madrid, das viele Katalanen mit seiner Mischung aus Arroganz und Ignoranz zur Weißglut treibt. Immer wichtiger wird dabei die Rolle des Vereins als Projektionsfläche dieses Freiheitswunsches. Und immer enger verweben sich Sport und Politik - es ist kein Zufall, dass die aktuelle Hochphase des katalanischen Separatismus mit einer besonders triumphalen Zeit des FC Barcelona zusammenfällt, eine Korrelation, derer sich eines Tages gewiss die Historiker annehmen werden.

          Weitere Themen

          Bis zum letzten Tag in Katalonien

          Quim Torra : Bis zum letzten Tag in Katalonien

          Wie sein Vorgänger Carles Puigdemont soll nun auch der katalanische Regionalpräsident Quim Torra abgesetzt werden. Der will bei einer Amtsenthebung aber nicht weichen.

          Topmeldungen

          Ein Patient im Intensivzimmer eines bayerischen Krankenhauses.

          Coronavirus : Krankenhäuser reduzieren Betten für Covid-Erkrankte

          Nur noch zehn Prozent der Intensivbetten werden künftig freigehalten: Ärzte befürchten bei einer zweiten Welle Engpässe in der Pflege. Der Präsident der Bundesärztekammer warnt davor, auf die Quotenregelung ganz zu verzichten.
          Dunkle Wolken über Mehrfamilienhäusern aus der Gründerzeit im Prenzlauer Berg (Archivbild)

          Immobilienmarkt : Der Mietendeckel verschärft Berlins Wohnungsnot

          In Berlin können Mieter bald verlangen, die Miete auf eine gesetzlich vorgegebene Grenze zu senken. Schon jetzt wirkt sich das umstrittene Instrument zur Preisdämpfung massiv auf den Wohnungsmarkt aus. Selbst die Genossen sind verärgert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.