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„Idomeneo“-Aufführung : Heute keine Schwüre mehr

  • -Aktualisiert am

Am Rande der Aufführung: Intendatin Harms mit Innenminister Schäuble Bild: ddp

Gemessen an den Wellen der Empörung, die die Absetzung der „Idomeneo“-Inszenierung wegen vermeintlicher Bedrohung durch Islamisten ausgelöst hat, ist der Abend der Wiederaufnahme von geradezu fader Friedfertigkeit.

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          Gemessen an den ungeheueren Wellen der Empörung, die die Absetzung von Hans Neuenfels' „Idomeneo“-Inszenierung wegen einer vermeintlichen Bedrohung durch islamistische Gewalttäter im September ausgelöst hat, ist der Abend der Wiederaufnahme von einer geradezu faden Friedfertigkeit. Das Spektakulärste des hochgesicherten Spektakels ist das Ausbleiben alles Spektakulären - jedenfalls bis zur Pause.

          Die Polizei hat nichts zu tun, außer wachsam zu bleiben, die vielen Reporter stehen kurz davor, sich gegenseitig zu befragen. Eine angespannte Ruhe liegt über der Aufführung, aber die Ruhe überwiegt die Anspannung. Selbst Innensenator Körting (SPD), der die unselige Affäre, wie sich am Ende herausstellte, durch ein paar flappsige Bemerkungen ausgelöst hatte, wird nicht mit Pfiffen oder Buhrufen begrüßt, als er sich im Parkett zu seinem Platz begibt, sondern nur mit rhythmischem Klatschen einiger weniger Zuschauer, ein Klatschen, das sich, wenn man recht hinhört, wohl ironisch ausnahm, aber rasch verklingt.

          Ein Abend ohne politische Botschaft

          Überhaupt zeigt sich das Publikum, in dem wohl die Politiker, Polizisten in Zivil und die Journalisten die wahren Opernfreunde bei weitem überwiegen, ausgesprochen geduldig. Sittsam wartet man, bis auch die letzten Besucher die Sicherheitsschleusen durchschritten haben. Erst eine gute halbe Stunde später als geplant erscheint deshalb Ralf Weikert am Dirigentenpult, und erst um viertel nach neun beginnt die Pause.

          Seine flappsige Bemerkung hatte die unselige Affäre ausgelöst: Berlins Innensenator Körting

          Die Musikliebhaber unter den Zuschauern machen, während sie nach Getränken und Kanapees anstehen, aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl. Unüberhörbar hat die kurzfristige, politisch geradezu erzwungene Wiederansetzung der Oper Sänger und Orchester überfordert. Aber irritierenderweise geht von dem Abend auch keine politische Botschaft mehr aus. Was sich in den Tagen des Skandals noch wie ein mutiges Bekenntnis zur Kunstfreiheit, zur Unveräußerlichkeit westlicher Werte, zur Standhaftigkeit der Demokratie gegenüber Radikalen und Fundamentalisten ausgenommen hatte, kommt nun, da erwiesen ist, daß eine akute und ernstzunehmende Bedrohung für die Deutsche Oper nie bestanden hat, ein wenig übertrieben daher.

          Heute keine ehernen Schwüre mehr

          All die Politiker, die sich im September mannhaft darin überboten, ihre Teilnahme an der ersten Aufführung von „Idomeneo“ teilzunehmen, „um ein Zeichen zu setzen“, stehen denn auch in der Pause unter sich in der sorgsam abgetrennten VIP-Lounge herum, trinken einen Schluck und plaudern, als würden sie sich nicht ohnehin jederzeit über den Weg laufen. Eherne Schwüre auf die Verteidigung der Kunstfreiheit mag niemand mehr abgeben.

          Mehrere Kamerateams warten vor der roten Kordel und hoffen, daß doch einmal einer der Ehrengäste - Bundestagspräsident Lammert (CDU), Innenminister Schäuble (CDU), Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit (SPD), Kulturstaatsminister Neumann (CDU) oder Kirsten Harms, die zierliche Intendantin der Deutschen Oper - heraus käme aus dem abgesperrten Bereich. Staatsminister Neumann tut den wartenden Journalisten schließlich den Gefallen. Er lobt die „wunderbare Musik, die abwechslungsreiche und konservative Inszenierung“ und spricht wie nebenbei die Wahrheit über den Abend aus. „Ohne den Skandal“, sagt er, „wären wir alle heute abend nicht hier.“ Wohl wahr. Fragt sich nur, was das sagt über das Verhältnis von Kunst und Politik.

          Ganz am Schluß gibt es dann doch noch eine Aufwallung im Publikum: Während in der letzten Szene die Köpfe der Religionsgründer auf der Bühne erscheinen, werden im Zuschauerraum „Aufhören“-Rufe laut. Mindestens ebenso viele Rufer antworten mit der Verteidigung dieser Szene.

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