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Ideologische Stadtplanung : Die Einheitsfratze der Fußgängerzone

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Wo der Roßmarkt die Zeil trifft, müssen die Autos in Frankfurt bald draußen bleiben Bild: Florian Sonntag

Die Stadt Frankfurt wird die Kreuzung von Roßmarkt und Zeil für den Autoverkehr sperren und erhofft sich einen Zugewinn an „Aufenthaltsqualität“. Ein Albtraum für Ulf Erdmann Ziegler, der die Fußgängerzone für überlebt hält. Ein Plädoyer für ihre Abschaffung.

          Die Fußgängerzone ist eine Nachkriegserfindung, beginnend mit dem nördlichen Abschnitt der Holstenstraße in Kiel, Sperrung für den Autoverkehr im Dezember 1953. Es kann kein Zufall sein, dass die Idee - und es war eine! - von Deutschland ausging, einem Land, das so viel Substanz in den Altstädten eingebüßt hatte, dass es fürchten musste, man könne die Altstadt überhaupt verlieren, ihre Attraktion, die Dichte, das Geschichtsgefühl. Das Gefühl für eine amputierte Geschichte.

          Man brauchte nicht viel dafür, es musste kein Fachwerkrathaus da sein, keine Stadtmauer und kein Dom, obwohl all dies gewiss hilfreich war. Es reichte eine konkrete Erinnerung an das Layout der mittelalterlichen Stadt. Ein Markt-, Rathaus- oder Kirchplatz war günstig, dann nahm man die unmittelbar abzweigenden Straßen dazu, und schon ergab sich, sobald stillgelegt, die gewünschte Wirkung - der Eindruck, dass die Stadt ein Geheimnis habe, etwas, das dem Durchfahrenden verborgen blieb und bleiben sollte: ihre Mitte.

          Soziale Börse für Achtzehnjährige

          Ach, es ging auch ohne Kirchplatz. Jede Stadt und jedes Städtchen wollten dabei sein, auch die autobauenden wie Bochum oder Wolfsburg. Besser noch als eine Kirche, die am Ende nur im Weg stand, war ein Kaufhaus. Das Kaufhaus wurde zum Schloss der Fußgängerzone, die Zone war der rote Teppich, der ihm ausgerollt wurde. Rund um das Kaufhaus entfaltete sich die kommerzielle Hierarchie der Stadt. Hier gab es Bücher und Pelze, Haustierchen und Sahnekuchen. Manche Güter wurden einem vom Ratsherrn persönlich überreicht, der gleichzeitig Inhaber war. Die meisten hatten einfach Glück, weil sie schon am Platz waren, die Traditionsapotheke und der Herrenausstatter, andere kamen dazu, weil sie von der Idee profitieren wollten. Tchibo, zum Beispiel. Für viele westdeutsche Gymnasiasten war Tchibo nicht nur die Stadt-, sondern auch die Lebensmitte.

          Gibt es jetzt ein Verkehrschaos südlich der Hauptwache?

          Überhaupt waren die Achtzehnjährigen, vor dem Führerschein, die idealen, unbekümmerten Nutzer dieser sozialen Börse. Für die Eltern war es schon schwieriger. Denn diese mussten nicht nur ihr Auto parken, sondern gleich doppelt dafür zahlen. Zum einen den Tarif des Parkhauses, zum anderen die Steuern, die zu seiner Errichtung aufgewendet wurden, plus der Mittel für den Ausbau der Fußgängerzone selbst, mit ihren Steinchenmustern, Blumenkübeln, Bronzeskulpturen.

          Fußgängertaumel mit Handy

          Die Fußgängerzone sollte das Gegenteil der Magistrale sein, das Fanal der Abkehr von der Autostadt. Tatsächlich aber wurde für die Autos eine gewaltige Infrastruktur drum herum gebaut, Unterführungen, Viadukte, Tiefgaragen, deren armierte Zufahrten. Mit jeder Ausdehnung der Zone wuchs der Anspruch an die automobile Kunststadt, die sie umgab. Das Schmuckkästlein, das die Fußgängerzone anfangs war, wurde zu einer Stadt in der Stadt.

          Das mittelalterliche Layout, das zeigte sich schließlich, war nicht aus ornamentalen, sondern aus pragmatischen Gründen entstanden. Die wichtigste Straße kreuzte einst den wichtigsten Platz; die Nordsüdachse stieß auf die Ostwestachse. Dort, wo man sich getroffen hatte, hatte Handel stattgefunden, politische Reflexion, das Gelage, die Bekanntschaft von Mann und Frau. Das Reenactment der mittelalterlichen Szene vor den Kulissen von C & A und Kaufhof wurde bezahlt mit einer Entfremdung der Stadt von ihrer Lage in der Landschaft, der Windrose, der Kartographie. Die vielbeklagte Ortlosigkeit, die Einheitsfratze der Fußgängerzone mag die Verwirrung der Gemüter hervorgebracht haben, wahrscheinlich aber war es andersherum: Wo der Funktionszusammenhang vage wird, werden alle Formen austauschbar, bauliche, psychische, merkantile.

          Seit das Handy dazugekommen ist, ist daraus ein Fußgängertaumel geworden, ein abergläubiges Stolpern durch die Stadtlandschaft. Oft sieht man Leute, ohne dass sie sich umschauen würden, über vielbefahrene Straßen gehen. Viele machen das mit einem angewinkelten Arm, den sie ans Ohr pressen. Manche machen das und begeben sich dabei, rückwärts schreitend, auf die Fahrbahn. Wenn Autos für sie Vollbremsungen machen, lachen sie wie Kinder. Die Rede ist hier nicht von der offenen Psychiatrie, sondern von Bankern und Maklern, Justitiarinnen und Müttern, von teuer gekleideten Mittelständlern, die alles können, nur eines nicht: eine Autostraße zu unterscheiden von einer Fußgängerzone. Nicht zu wissen, wo man sich befindet, gilt in der Mobilfunkgesellschaft als sexy. Daher der Nimbus der Fußgängerzone, als Alibi.

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