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Wie Identitätspolitik schadet : Wer sind die „Menschen mit Nazihintergrund“?

  • -Aktualisiert am

Die „Todeswand“ im Stammlager des Konzentrationslagers Auschwitz zwischen Block 10 und Block 11. Vor ihr wurden Tausende von Menschen ermordet. Bild: © Arved Von Zur Mühlen

Wenn Identitätspolitik die Erinnerung an den Holocaust kapert, sieht es düster aus. Pauschale Zuschreibungen behindern auch unsere Arbeit in der Bildungsstätte Anne Frank. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Eine feine Holzbürste mit der Widmung „Glück und Segen 1935“ ist der einzige Gegenstand aus der Bürstenfabrik, die über Generationen im Besitz meiner Familie in der Slowakei war. Mit dem Einmarsch der Wehrmacht 1939 wurden meine Urgroßeltern enteignet, kurz bevor sie mit ihren vier Kindern nach Auschwitz deportiert wurden. Allein meiner Großmutter, der ältesten Tochter, gelang die Flucht. Als sie starb, vererbten mir meine Eltern diese Bürste. Ein rein symbolisches Erbe, denn eine Rückgabe des Familienbesitzes gab es nie.

          Zuletzt musste ich an die Bürste meiner Großmutter denken, als aktuell im Feuilleton und in sozialen Medien über das NS-Erbe und die Kontinuitäten von Kapital aus der NS-Zeit diskutiert wurde. Konkret geht es um den Vorschlag der Künstler Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah, den Begriff „Menschen mit Nazihintergrund“ einzuführen, um die aktuelle Mehrheitsgesellschaft als Nachkommen der Profiteure des NS-Regimes zu markieren.

          Eine unfreiwillige Anwendung dieses Begriffs auf sich selbst erfuhr Emilia von Senger, die Gründerin eines queer-feministischen Buchladens in Berlin-Kreuzberg). Sengers Urgroßvater war ein ranghoher Wehrmachtsoffizier. Hilal und Varatharajah werfen ihr vor, sie habe sich nicht mit der Geschichte ihrer Familie – ihrem Nazihintergrund – auseinandergesetzt und nicht transparent dargelegt, woher das Geld für die Gründung des Ladens stamme. Darüber hinaus zeigen sich die Kritiker besorgt, dass das Nichtoffenlegen des Erbes für Besucherinnen und Besucher des Buchladens zu einer gewaltvollen Erfahrung für Juden, Sinti und Roma und andere Opfergruppen in der NS-Zeit führe.

          Diese „Kunstaktion“ einschließlich des darin enthaltenen Vorschlags, das Label „Menschen mit Nazihintergrund“ einzuführen, stieß nicht nur in den sozialen Medien auf begeisterte Zustimmung, sondern erhielt auch in seriösen Zeitungen Unterstützung. In der „Zeit“ und im „Spiegel“ warben die Initiatoren in breiten Interviews für ihre Idee. Zuvor schwärmte die „Zeit“-Autorin Jule Hoffmann von der Idee, die ihr „als identitätspolitische Kategorie“ sofort einleuchtete. Sie tauge „wunderbar als Label“, um das Deutschsein „erst einmal richtig sichtbar und spürbar zu machen“ und um „endlich ein Bewusstsein (zu) entwickeln für die Verantwortung, die wir tragen“.

          Verstünden sich Hilal und Varatharajah als Satiriker, denen es darum geht, den „Almans“ – also denjenigen Menschen in Deutschland, die keinerlei Spuren von Fremdheit in sich entdecken können – den Spiegel vorzuhalten, wäre ihnen ein echter Coup gelungen.

          Denn tatsächlich sind wir Nicht-Almans erschöpft von der ewigen Einordnung als „Aliens“ – egal, ob schon unsere Eltern in Deutschland geboren wurden oder ob wir den Einbürgerungstest sogar im Schlaf meistern. Wir wollen nichts anderes als ein postmigrantisches Deutschland, ein gleichberechtigtes Miteinander und eine Diskussion auf Augenhöhe, bei der wir nicht jedes Mal ins Migrationskörbchen zurückgeschickt werden.

          Die Erbschuld als Merkmal

          Es ist allerdings keine Satire, sondern ein ernstgemeinter Versuch, die Aufarbeitung der NS-Geschichte zu instrumentalisieren, um aktuelle materielle Ungleichheit zu beklagen. Es scheint nicht um den Schutz der Nachkommen der NS-Opfer zu gehen, sondern darum, „Privilegierte“ mit Hilfe von Wikipedia-Recherchen über ihre Familiengeschichte zu diskreditieren und die Erbschuld als unabänderliches Merkmal einer Gruppierung zu definieren, um die Mehrheitsgesellschaft anzuprangern.

          Meron Mendel
          Meron Mendel : Bild: David Bachar / Bildungsstätte Anne Frank

          Wie so oft in identitätspolitischen Debatten inszenieren sich Hilal und Varatharajah als Stellvertreter von Opfergruppen, deren Gefühle (vermeintlich) verletzt wurden. Strukturelle Fragen werden vornehmlich unter der Prämisse der Gefühlsverletzungen diskutiert – wenn überhaupt. Ob es für mich oder andere Jüdinnen und Juden einen Unterschied mache, wenn am Eingang eine Warnung stünde: „Dieser Laden wurde durch Nazierbe gegründet“?

          Hilal und Varatharajah geht es also nicht um die Forderung nach Rückgabe materieller Güter, vielmehr zwingen sie der Erinnerungskultur die Koordinaten der Identitätspolitik auf und perpetuieren auf diese Weise genau die Spaltung von Gruppierungen, die einem gleichberechtigten Miteinander seit ewigen Zeiten im Wege steht. Der amerikanische Historiker Charles Maier warnte vor zwanzig Jahren vor einem identitätspolitischen Gebrauch von Erinnerungskultur, da dies ethnische Differenzen verschärfen und Gruppen gegeneinander ausspielen würde. Diese Instrumentalisierung der Erinnerungskultur für partikularistische Zwecke läuft Bemühungen zuwider, ein nicht abstammungsbezogenes Gedenken an die Schoa zu ermöglichen.

          Derzeit erlebt die deutsche Erinnerungskultur einen Umbruch. Angesichts der immer offensichtlicheren Versuche der Holocaust-Relativierungen durch Nationalisten und Querdenker muss meines Erachtens die Erinnerungskultur neu formuliert werden. Nicht spalterisch und exklusiv, sondern für alle Menschen hierzulande, unabhängig von Abstammung oder Religion. Mit der Bezeichnung „Menschen mit Nazihintergrund“ wird an eine Tradition angeknüpft, die eine Differenz zwischen „Deutschen“ und „Migranten“ in der Erinnerungskultur fortschreibt. Migrantisierte Menschen, die Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus zeigen, müssen mit Verwunderung des Gegenübers rechnen: „Schön, dass Sie sich für unsere Geschichte interessieren“ – wie muslimische Mitarbeiter in der Bildungsstätte Anne Frank immer wieder zu hören bekommen.

          Wir wollen der Opfer gedenken

          Wir wollen als Gesellschaft der Opfer gedenken. Wir sollten uns aber auch mit den Tätergeschichten auseinandersetzen. Denn dieser Aspekt kommt tatsächlich zu kurz, wie Harald Welzer schon in seinem Buch „Opa war kein Nazi“ treffend beschrieben hat. Auch der Erinnerungsmonitor 2020 belegt: Die meisten Deutschen glauben nicht nur daran, dass Opa kein Nazi war, sondern dass er – und auch die Oma – selbst Opfer waren oder wahrscheinlich Juden gerettet haben.

          Kann uns die Bezeichnung der Nachkommen der Täter als „Menschen mit Nazihintergrund“ helfen, das Übergewicht vermeintlicher Opfererinnerungen zu korrigieren und anzuerkennen, dass die Gesellschaft im Nationalsozialismus mehrheitlich aus Tätern und Mitläufern bestand? Eher nicht. Die Erfahrung der historisch-politischen Bildung der vergangenen Jahrzehnte zeigt deutlich, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht ausschließlich durch die Abstammung der Adressaten begründet werden darf. Nach dem Motto: Du musst dich jetzt mit der Schoa auseinandersetzen, weil dein Opa Täter war. Diese Haltung ist nicht nur moralisch falsch, sondern auch pädagogisch kontraproduktiv, da sie Abwehr produziert. Nicht umsonst werden die Begriffe „Kollektivschuld“ und „Erbschuld“ als politische Schlagwörter rechter und rechtsextremer Gruppen verwendet.

          Die Markierung von Differenz aufgrund von Herkunft kann auch gutgemeint sein, wie der Briefwechsel zwischen dem Verleger Jakob Augstein und der Migrationsforscherin Naika Foroutan zeigt. Augstein bat Foroutan um einen Debattenbeitrag zur Frage „Wie geht man als migrantische Autorin mit der deutschen Schuld um?“. Ganz selbstverständlich ging er davon aus, dass Foroutan als migrantische Autorin mit der „deutschen Schuld“ anders umgehen müsse als er selbst.

          Die Antwort von Foroutan ist aufschlussreich: „Ich finde Ihre Frage an mich irritierend: weniger, weil Sie so selbstverständlich davon ausgehen, dass ich als Muslimin oder als Migrantin oder als was auch immer Sie mich anfragen, keine Deutsche und somit auch nicht verwoben mit dieser Geschichte sein kann. Vielmehr, weil Ihre Täter-Opfer-Außenseiter-Kategorisierung so wenig die Komplexität des Holocausts und seiner Geschichten reflektiert. Der Holocaust ist keine rein deutsche Geschichte, er ist eine Geschichte, die an der Menschlichkeit zweifeln lässt, und daher ebenso universal wie die von Kain und Abel.“

          Augstein kategorisiert Foroutan aufgrund ihres Namens als Nichtdeutsche. Doch die Dichotomie „Deutsche“ und „Migranten“ ist mit der gesellschaftlichen Realität nicht kompatibel: Foroutans Großvater war in der SS. Entscheidender ist für sie aber, dass die Relevanz der Holocaust-Geschichte unabhängig von der Abstammung gilt.

          Selbstverständlich ergibt sich für die Bundesrepublik Deutschland als Nachfolgestaat des NS-Regimes eine besondere Verantwortung. Sie ist allerdings nicht biologisch vererbt, sondern Teil der politischen Kultur. Treffend beschreibt der Schriftsteller Navid Kermani, wie er als Besucher in der Gedenkstätte Auschwitz seine deutsche Identität spürte, als er 2016 für die deutschsprachige Führung den passenden Aufkleber auf die Brust heften sollte: „Das war es, diese Handlung, von da an wie ein Geständnis der Schriftzug auf meiner Brust: deutsch. Ja, ich gehörte dazu, nicht durch die Herkunft, durch blonde Haare, arisches Blut oder so einen Mist, sondern schlicht durch die Sprache, damit die Kultur. Wenn es einen einzigen Moment gibt, an dem ich ohne Wenn und Aber zum Deutschen wurde, dann war es nicht meine Geburt in Deutschland... Es war letzten Sommer, als ich den Aufkleber an die Brust heftete, vor mir die Baracken, hinter mir das Besucherzentrum: deutsch.“

          Eine postmigrantische Erinnerungskultur sollte Auschwitz nicht nur „zur Signatur eines ganzen Zeitalters“ werden lassen, wie einmal Jürgen Habermas schrieb. Sie soll auch als zukünftiger Kompass für humanistische und universalistische Identifikationen funktionieren – für schon immer und für neue Deutsche gleichermaßen. „Wenn du deine Identität nur durch ein Feindbild aufrechterhalten kannst, dann ist deine Identität eine Krankheit“, schrieb der ermordete armenisch-türkische Journalist Hrant Dink. Die Erinnerung an den Holocaust ist zu wichtig, um dieser Identitätskrankheit zum Opfer zu fallen.

          Meine Antwort an die Fans der Aktion „Nazihintergrund“ fasse ich also wie folgt zusammen: Die Bürste meiner Großmutter ist für mich ein Erinnerungsstück an die Entrechtung und Vernichtung eines Großteils meiner Familie. Dieses Unrecht wird keine neuartige sprachliche Erfindung wiedergutmachen und auch nicht der öffentliche Pranger für die Betreiberin eines queer-feministischen Buchladens. Statt Betonung der Differenzen brauchen wir doch Menschen egal welcher Hintergründe, die sich in der Gegenwart gegen Diskriminierung und für gesellschaftliche Vielfalt einsetzen. Jedenfalls wünsche ich mir, man würde die Lust an partikularistischer Selbstzerfleischung und Spaltung woanders ausleben als an dieser Geschichte.

          Meron Mendel ist Historiker, Erziehungswissenschaftler und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. Er ist Mitherausgeber des Sammelbands „Trigger Warnung – Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen“ (Verbrecher Verlag, 2019).

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