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Identitätspolitik im Buchmarkt : Empfindlichkeiten allerorten

Nicht alle sahen das als Idealbild literarischer Diversität:: Karin Schmidt-Friderichs applaudiert zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse 2021 Tsitsi Dangerembka zum Friedenspreis. Bild: dpa

Ein Mainzer Kolloquium belegt in eindrucksvollen Beiträgen, was das Büchermachen heute bedroht: übertriebene Vorsicht angesichts von Identitäts- und Diversitätspolitik.

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          Das „Mainzer Kolloquium“ des dortigen Instituts für Buchwissenschaft hat Tradition; es fand am Freitag zum 27. Mal statt, wie schon im Vorjahr virtuell, aber dafür mit konstant mehr als hundert Teilnehmern an einem Freitagvormittag über fast fünf Stunden hinweg. Dieses große Interesse verdankte sich dem Thema: „Buchidentitäten und die Freiheit der Sprache“. Oder laut Untertitel auf Unakademisch: „Zur Politik von Ver­lagen in Zeiten aufgeheizter Debatten“. Damit war nicht konkretes politisches Engagement von Verlagen ge­meint, sondern deren Praxis beim Um­gang mit identitäts- und diversitätspolitischen Erwartungen. Die sich als Forderungen arti­kulieren. „Verlagspolitik“ könnte man in diesem Sinne auch als Verlagsvorsicht verstehen.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die vier Vortragenden des Kolloquiums erwiesen sich nicht als übervorsichtig. Monika Osberghaus, erfolgreiche Kinderbuchverlegerin aus Leipzig, nahm sofort das böse Wort der „cancel culture“ in den Mund, das der universitäre Gastgeber Gerhard Lauer in seiner Begrüßung noch peinlich vermieden hatte. „Ehrliche Vielfalt“, so Osberghaus, strebe ihr Verlagsprogramm an, und mit einem Bilderbuch wie „Überall Popos“ habe sie sich auf der sicheren Seite gewähnt: Es erzählt vom Besuch eines kleinen Mädchens im Frauen­badehaus. Doch kritische Stimmen vermissten aus Diversitäts­erwägungen nackte Männerhintern im Buch. „Nur was wäre erst los gewesen“, fragte Osberghaus, „wenn tatsächlich das Mädchen mit einem nackten Mann konfrontiert worden wäre?“

          Vorbeurteilung ist auch nichts anderes als ein Vorurteil

          Zudem ließen die zahlreichen „Korrektheitswächterinnen“ kein angebliches Klischee mehr durchgehen, reproduzierten dabei jedoch vor allem eigene Klischees, wie die häufige Vernachlässigung von Buchkontexten bei identitätspolitischer Kritik zeige. So wurde etwa bei einem anderen Werk aus Osberghaus’ Verlag die Darstellung einer fröhlichen schwarzen Familie bemängelt, weil damit Vorurteile über Afrikaner als leicht­lebige Menschen bestätigt würden. Doch die Handlung des Buchs lässt überhaupt keinen Schluss darauf zu, woher die Familie kommt. Schwarze Menschen werden pauschal als Afrikaner verteidigt und damit genauso vorbeurteilt.

          Wolfgang Matz, langjähriger Lektor beim Hanser-Verlag, selbst Autor und Übersetzer, hat vor kurzem in der F.A.Z. den 2001 gestorbenen Schriftsteller W. G. Sebald gegen Vorwürfe verteidigt, sich als deutscher Autor jüdische Schicksale „kulturell angeeignet“ zu haben. Nun erweiterte er seine Argumentation ge­genüber dieser Kritik um Betrachtungen zum literarischen Übersetzen und zum Schreiben selbst, das immer stärkeren Empfindlichkeiten unterworfen werde. Könne man aber noch sinnvoll übersetzen, wenn zum Beispiel in den Fünfzigerjahren gängige Begriffe ausgeblendet werden müssen? Maße man sich gegenüber einem derart reflektierten Autoren wie Frantz Fanon nicht etwas an, wenn man dessen Texte auf heutige Sprachweisen hintrimme? Und Matz benannte ein argumentatives Paradox: „Man kann nicht über etwas schreiben, wenn man aus sprachmagischen Gründen Wörter vermeidet, über deren Bedeutung sich aber doch alle klar sind – warum sollte man sie denn sonst vermeiden wollen?“

          Wenn sich alles nur um Diversität dreht

          Ebenfalls in der F.A.Z. hatte der Schriftsteller Matthias Politycki vor einem halben Jahr seinen Abschied aus Deutschland begründet – mit seinem Widerwillen gegen den Umschlag ehedem aufklärerischer Tendenzen in identitätspolitische Gegenaufklärung. Nun legte Politycki mit einer kühl vorgetragenen Analyse des Diversitätsideals in der Literatur nach: „Diversität ist die neue ästhetische Kategorie, um die sich alles dreht, nämlich eine, bei der jeder von seinem eigenen Biotop berichtet.“ Weltoffenheit werde heute als kulturelle Aneignung diskreditiert. Man tue gegenwärtig als Schriftsteller gut daran, nicht mehr über den eigenen Horizont hinauszusehen.

          Die wichtigste deutsche Institution für literarische Horizonterweiterung ist die Frankfurter Buchmesse, und für sie nahm Tobias Voss, Mitglied der Ge­schäftsleitung mit Zuständigkeit für inter­nationale Kunden, am Kolloquium teil. Nach einem Blick auf nationale Konfliktpotenziale (China, Russland et cetera) kam Voss rasch zum Eigentlichen: dem in den vergangenen Jahren immer heftiger debattierten Thema der Präsenz rechtsradikaler Verlage auf der Buchmesse. Die könne aber nicht für einen „sauberen“ Buchmarkt sorgen, so Voss. In der Tat: Der spiegelt wider, was Verlage eben so verlegen: rechte Propaganda oder auch „Greta-Bücher“, wie Monika Osberghaus sich moralisch einwandfrei gebende Bücher nennt. Aber dass es moralische Erwartungen auch an die Buchmesse gibt, referierte Börsenvereinsvorsteherin Karin Schmidt-Friderichs in der Schlussdiskussion, als sie von der letztjährigen Mes­se berichtete, auf der sie mit Tsitsi Dangarembga unterwegs gewesen war. Die aktuelle Friedenspreisträgerin habe dort bewusst Präsenz als schwarze Frau zeigen wollen und sei überall willkommen geheißen worden. Aber ausgerechnet während der Preisverleihung in der Paulskirche hatte dann eine Aktivistin beklagt, Schwarze fühlten sich auf der Messe bedroht. Frau Schmidt-Friderichs hatte in ihrer An­sprache damals verzichtet, darauf einzugehen. Das war vornehm, aber wer die Literatur verteidigen will, muss auch offen reden.

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