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Identität einer Nation : Die Ukraine wird sowjetisch - von innen

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Die neuen Helden der Kleinen: Die Verteidiger der Ukraine. Bild: dpa

Patriotischer Geschichtsunterricht und militärische Früherziehung für die Kleinen sind im Kommen, Ausbildung an der Waffe ist eingeschlossen. Wie die Ukraine ihre Identität sucht.

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          Der russische Angriff auf die territoriale Integrität der Ukraine hat den von Rückschlägen begleiteten Prozess der nationalen Identitätsfindung der Ukrainer enorm beschleunigt. Der Krieg scheint für die derzeit regierende prowestliche Elite in ihrem Bestreben, die gespaltene ukrainische „verspätete Nation“ zusammenzuschweißen, ein nicht unwillkommener Gehilfe zu sein. Denn aus ihrer Sicht liefert er den endgültigen Beweis für die den ukrainischen Nationalismus prägende Überzeugung, dass Russland die Ukrainer schon immer zu unterjochen getrachtet habe und dies auch weiterhin tue. Deshalb müssten sich die Wege Kiews und Moskaus endgültig trennen, denn sie führten ohnehin in entgegengesetzte Richtungen - der ukrainische Weg nach Europa, der russische nach Eurasien.

          Mit ersterem assoziiert die mobilisierte ukrainische Öffentlichkeit nur allzu gern Vernunft, Rechtsstaatlichkeit, Weltoffenheit und Friedfertigkeit, mit dem zweiten Irrationalität, Herrscherwillkür, Heimtücke und Kriegstreiberei. Typisch für diese Sichtweise ist, dass Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk, wie kürzlich gegenüber dem „Spiegel“, den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Hinblick auf die ihm unterstellte Kriegslüsternheit mit einem Drogensüchtigen vergleicht. Oder wenn der ukrainische Premier, wie vor einigen Wochen geschehen, der Kiewer Internetzeitung „Ukrainska Pravda“ sagt, man dürfe sich von Putins „Beschwichtigungspolitik“ nicht täuschen lassen - was die Ukraine wirklich brauche, seien Waffen.

          Damit sind auch solche volkserzieherischer Art gemeint. Jazenjuk ist nämlich ein leidenschaftlicher Verfechter der Intensivierung von Schulprogrammen zur „national-patriotischen Erziehung“ und würde mit der Umsetzung am liebsten schon im Kindergarten beginnen. Unter seiner Ägide wurden bereits im vergangenen Juli die Schulen angewiesen, die Geschichte der Ukraine künftig „als Teil der europäischen Geschichte“ zu behandeln. Innerhalb der „national-patriotischen Erziehung“ - ein Erbe aus kommunistischer Zeit - ist dieser Gedanke zwar neu. Allerdings ist der nationalistisch verengte Blick auf die eigene Geschichte keine Erfindung der jetzigen Regierung, sondern hat seinen Ursprung in der Regierungszeit Julia Timoschenkos (Dezember 2007 bis März 2010). Schon damals wurde die Wiederbelebung der „patriotischen Erziehung“ zu einem unerlässlichen Bestandteil der nationalen Sicherheit erklärt. Im Geschichtsunterricht solle besonders von der steten Wehrhaftigkeit der ukrainischen Nation die Rede sein - von den Kosaken bis hin zur „Ukrainischen Aufständischen Armee“, die von russischer Seite bis heute als Verkörperung des ukrainischen Faschismus dämonisiert wird.

          Russland als Vorbild

          Jazenjuk, einst Weggefährte von Julia Timoschenko, will es in der Schule aber nicht bei einer patriotischen Geschichtsumdeutung belassen. Neue volkserzieherische Richtlinien, die seine Regierung im Oktober veröffentlicht und nach eigenem Bekunden zur Diskussion gestellt hat, sehen für die Oberstufe unter dem Stichwort „Heimatschutz“ auch eine umfassende Ausbildung an der Waffe vor. Die Jugendlichen, die über die eigene Militärgeschichte, die heutigen ukrainischen Streitkräfte sowie deren Ausrüstung aufgeklärt werden, sollen auch den Umgang mit Gewehren und der Kalaschnikow lernen. Schießübungen und ein Erste-Hilfe-Kurs gehören ebenso zur Ausbildung wie ein simulierter ABC-Angriff mit Einsatz von Gasmasken, der Umgang mit Handgranaten und die Aufklärung über verschiedene Minentypen.

          Dass das Zerlegen und Zusammensetzen der Maschinenpistole AK-74 mit einer Stoppuhr überwacht werden soll, lässt an Russland, wo solches seit längerem praktiziert wird, als Vorbild denken.

          Im Zuge der Remilitarisierung des Schulwesens in Russland wurde nämlich die „patriotische Erziehung“ insbesondere unter Putin weiter verstärkt. Es gibt sogar Waffenkunde für Kinder im Grundschulalter, wenngleich in außerschulischen, aber staatlich geförderten militärisch-patriotischen Klubs und deren Sommerlagern. In der Ukraine ist man von all dem inspiriert. Mit den jüngsten Regierungsbeschlüssen zur Ausweitung der Volkserziehung soll offensichtlich die bereits dezentral und bisweilen improvisiert stattfindende Militärerziehung straffer strukturiert werden. Man kann im Internet verfolgen, wie nationalistische Kosaken- und Wehrvereine spezielle Freizeitcamps veranstalten, wo ukrainische Mädchen und Jungen in roten Pluderhosen schießen lernen und Kampfsportarten trainieren. Das tun sogar Grundschulkinder, die, gehüllt in ukrainische Militäruniformen, auf der Internetseite von Julia Timoschenko als Beitrag ihrer Partei zur Steigerung der nationalen Kampfmoral präsentiert werden. Waffenausbildung für Jugendliche, das belegen einschlägige Websites ukrainischer Regionalverwaltungen, wird längst auch in Militäreinrichtungen angeboten - und war auch auf der Krim bis zur russischen Annexion üblich.

          Das sowjetische Militärerbe bleibt präsent

          Dass die Ukraine hierdurch dem Gegner Russland immer ähnlicher wird, wirkt gerade vor dem Hintergrund der programmatischen Bekenntnisse Kiews zur Europabindung tragikomisch. Wie auch der Umstand, dass die neuerdings von der Regierung befürwortete Teilnahme ukrainisch-patriotischer Wehrvereine an der paramilitärischen Schulerziehung nicht zuletzt das Ziel verfolgt, den Einfluss prorussischer Militärvereine im Land zu reduzieren.

          Der ukrainische Präsident Poroschenko hat auch eine der verbliebenen Hinterlassenschaften des sowjetischen Militärerbes im Gedenktagkalender entsorgt. Wie Russland beging auch die Ukraine bis zum Vorjahr am 23. Februar den „Tag des Vaterlandsverteidigers“, den Poroschenko nun umtaufte in „Tag des Verteidigers der Ukraine“.

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