https://www.faz.net/-gqz-8dn95

Flüchtlingspolitik : Ist das ein Flüchtling oder ein Terrorist?

  • -Aktualisiert am

Ankunft auf Lesbos: Ein Software von IBM soll für jeden Flüchtling bei der Registrierung einen Score errechnen und potentielle Terroristen entlarven. Bild: AFP

IBM hat eine Software entwickelt, mit der Flüchtlinge registriert werden. Sie errechnet einen Wert, der den Einzelnen als Flüchtling oder als Terroristen ausweist. Das Konzept erscheint zweifelhaft.

          Millionen Menschen stehen vor den Toren Europas. Flüchtlinge aus Syrien harren an der Grenze zur Türkei aus. Die Flüchtlingskrise ist eine der größten politischen Herausforderungen seit Jahrzehnten. Die Sicherheitsbehörden beschäftigt die Frage, ob es sich bei den Flüchtlingen um Schutzsuchende handelt oder ob sich potentielle Terroristen unter ihnen befinden. Zwei der Paris-Attentäter reisten über Griechenland als Flüchtlinge ein, zwei weitere IS-Terroristen, die als Flüchtlinge kamen, nahm die Polizei in Graz fest; dass der IS die Flüchtlingsbewegung nutzt, um Attentäter in großem Stil in Europa einzuschleusen, ist in den Sicherheitsbehörden inzwischen feste Erkenntnis.

          Wie das Magazin „Defense One“ berichtet, hat der Technologiekonzern IBM nun eine Software entwickelt, mit der die Registrierung erleichtert werden soll. i2 EIA (Enterprise Insight Analysis) soll aus Datensätzen wie Reisepasslisten und Presseberichten Personen filtern, die mit Terroraktivitäten in Verbindung stehen könnten. Die Software errechnet einen Wert, der den Einzelnen als Flüchtling oder Terroristen ausweist. Es gehe darum, „schwarze Schafe“ von der Herde zu trennen, schreibt der Autor Patrick Trucker.

          Der Einzelne wird auf Zahlen reduziert

          Der Chefstratege von IBM, Andrew Borene, wird mit den Worten zitiert: „Es ist wie ein Credit Score. (...) Für große finanzielle Entscheidungen kann jemand mit einem hohen Score immer noch ein hohes Risiko darstellen. Jemand mit einem mittleren Credit Score ist aber eine sichere Wette.“ Der Score zeigt eine Wahrscheinlichkeit an, ähnlich einem Kreditausfallrisiko, mit der ein Flüchtling seine Identität fingiert und bei der Registrierung schwindelt. Wie genau der Wert berechnet wird und wo das Verfahren schon zum Einsatz kommt, wollte der Konzern auf Anfrage nicht mitteilen. Ein Analyst soll aber in dem Beziehungsnetz sofort erkennen können, ob jemand ein Gefährder ist.

          Das Verstörende daran ist nicht nur, dass hier Kreditwürdigkeit und Sicherheit gleichgesetzt werden, sondern dass das Individuum auf eine Zahlenlogik reduziert wird. Der Flüchtling an der Grenze verkörpert ja keinen Score, sondern ein Schicksal. Deshalb besteht auch ein individuelles Recht auf Asyl. Die Tech-Konzerne sind jedoch von der Idee beseelt, dass sich alle Probleme dieser Welt in Zahlen beschreiben und mit Formeln lösen lassen. „Solutionism“ nennt das der Kritiker Evgeny Morozov. i2 EIA wurde als Werkzeug beworben, das sich mit computerforensischen Methoden durch gigantische Datensätze wühlt und Spuren von Verbrechern entdeckt. Doch kann eine Software wirklich erkennen, ob jemand ein Terrorist ist, und nach der Methode des „Predictive Policing“ Bombenanschläge vorhersagen? Experten haben daran Zweifel.

          Die Gefahr der Vorverurteilung ist groß

          Das methodische Problem besteht darin, dass man Anschläge anders als etwa Kreditkartenbetrug, der massenhaft vorkommt und dessen Transaktionen robuste Daten liefern, um Muster abzuleiten, schon allein aufgrund der Unterschiedlichkeit der Ausführung nicht so einfach quantifizieren kann. Terroristen hinterlassen keine „Signatur“, die es erlauben würde, Regelmäßigkeiten zu erkennen. Der Sicherheitsforscher Bruce Schneier, Autor des Buchs „Data and Goliath: The Hidden Battles to Collect Your Data and Control Your World“, schreibt auf seinem Blog: „Terroristische Anschläge sind sehr selten. Das bedeutet, dass selbst hochakkurate Terrorfrühwarnsysteme derart mit falschem Alarm geflutet würden, dass sie nutzlos sind.“ Statistiker kennen das Problem der „false positives“: Ereignisse, die noch nie aufgetreten sind, können auch nicht vorhergesagt werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York

          Vereinigte Staaten : Zwei kubanische UN-Diplomaten ausgewiesen

          Kurz vor der UN-Vollversammlung hat Amerika zwei Vertreter Kubas ausgewiesen. Deren Aktionen seien laut Außenministerium gegen die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten gerichtet gewesen. Kuba spricht von Verleumdung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.