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Ian Kershaw zum Siebzigsten : Arbeit, Industrie und Krieg

Der Sachliche: Der britische Historiker Ian Kershaw erklärt der Welt, wer Hitler war Bild: dpa

Sachlichkeit ist die große Tugend dieses Historikers, der heute der weltweit angesehenste Fachmann für Hitler und den Hitlerstaat ist. An diesem Montag feiert Ian Kershaw seinen siebzigsten Geburtstag.

          Joseph Kershaw musste zu einer List Zuflucht nehmen, damit sein Sohn Ian einen Platz in St Bede’s erhielt, der nach dem Geschichtsschreiber Beda Venerabilis benannten katholischen Privatschule in Manchester. Die Familie wohnte in Oldham, einer Stadt nordöstlich von Manchester, und die Quote für Schüler aus Oldham war schon erfüllt. Nur für Bewerber mit Verwandten unter den Absolventen war eine Ausnahme vorgesehen. Ian Kershaws Vater war ein Arbeiter, der im Krieg Bomber des Typs Lancaster repariert hatte. Sein Sohn sollte die Erziehung bekommen, die ihm verwehrt geblieben war. Also schrieb er dem Bischof einen Brief, in dem er mehr oder weniger unverblümt eine Drohung aussprach: Wenn Ian auf der säkularen Schule bleiben müsse, dann werde er eben als Heide aufwachsen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Dass Ian Kershaw zum Historiker wurde, schreibt er seinem Geschichtslehrer in St Bede’s zu, Geoffrey Burke, später Weihbischof von Salford. Burke trug den Schülern, aus denen sich die Elite der katholischen Minderheit rekrutieren sollte, noch die ultramontane Lehre von der Reformation als dem Urverbrechen der englischen Geschichte vor. Als sie eine Verteidigungsschrift für die robusten Gegenreformationsmaßnahmen der Königin Maria aufsetzen sollten, zog Ian sich in die Schulbibliothek zurück und legte einen Aufsatz vor, der mit dem Satz begann: „Es gibt nichts zu verteidigen.“ So brachte er sich das Handwerk des historiographischen Disputs bei.

          Als Rechnungsprüfer auf mittelalterlichen Lebensspuren

          Im Geschichtsstudium widmete er sich der Epoche vor dem großen Bruch, dem Mittelalter. Seine Lehrer sahen ihn schon in Cambridge, aber er wollte nicht aus Nordengland weggehen und schrieb sich in Liverpool ein. Für die Doktorarbeit ging er dann doch in den Süden, ans Merton College in Oxford. Die Arbeit behandelt eine Quelle, die er im Archiv der Herzöge von Devonshire entdeckt hatte, das Haushaltsbuch von Bolton Abbey, einem Augustiner-Chorherrenstift in Yorkshire. Das Stift wurde unter Heinrich VIII. aufgehoben; die Ruine avancierte zur romantischen Chiffre. Ganz und gar unromantisch wirkt Kershaws Monographie. Sachlichkeit ist die große Tugend dieses Historikers, der heute der weltweit angesehenste Fachmann für Hitler und den Hitlerstaat ist.

          Das Kloster als Unternehmen war ein anspruchsvolles technisches Sujet, das ehrgeizige Historiker wie den Kommunisten Rodney Hilton und den Antikommunisten Michael Postan anzog. Kershaw stellte vor ein paar Jahren mit charakteristischer Nüchternheit fest, die Wirtschaftsgeschichte als Disziplin sei untergegangen, weil die strenge Methodik die Studenten abschrecke. Seine Dissertation dringt durch Prüfung von Rechnungen des vierzehnten Jahrhunderts zur Lebensgeschichte einer Gemeinschaft vor. Der Reformwille eines Priors stieß auf Resistenz; trotz Katastrophen wie Missernten und Raubzügen der Schotten hielten die Chorherren an ihrer Lebensform fest, die mit dem ideologischen Überbau der Kanonikerregel nicht zu viel zu tun hatte. In den fetten Jahren wurde für die mageren nicht vorgesorgt. Der Fleischkonsum erreichte das Niveau der heutigen Wohlstandsgesellschaft.

          Eine bedenkliche Entwicklung

          Am Goethe-Institut in Manchester lernte Kershaw Deutsch. Ein Intensivkurs brachte ihn nach München, und dort lernte er Martin Broszat kennen, den Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, der ihn für das Institutsprojekt „Bayern in der NS-Zeit“ gewann, die umfassende Fallstudie zum Spektrum widerständiger und systemkonformer Verhaltensweisen. Kershaw beschrieb eine durch und durch konservative Gesellschaft, die allergisch auf die revolutionäre Programmatik des Nationalsozialismus reagierte. Er fand heraus, dass die Bauern gerne mit jüdischen Viehhändlern Geschäfte machten, solange die Preise stiegen. List und Sturheit der Katholiken, die das Kruzifix im Klassenzimmer gegen den völkischen Laizismus verteidigten, wollte Kershaw vom Widerstand unterschieden wissen. Unmut gegenüber allen Maßnahmen des Regimes ging einher mit der Vergötterung des „Führers“.

          Kershaws Buch über den „Hitler-Mythos“ legte den Grundstein für seine zweibändige Hitler-Biographie. Nicht die Beharrungskraft vordemokratischer Denkweisen erklärt für Kershaw die Sehnsucht, die Hitler auf sich zog, sondern die Erschütterung überlieferter Sicherheiten. Bei den bayerischen Arbeitern stellte er eine „emotionale Abkehr von der Idee der Sozialdemokratie“ fest. Kershaw spielt mit dem Gedanken, sich der Geschichte des eigenen Landes zuzuwenden und etwas über die Thatcher-Jahre zu schreiben, mit denen „eine bedenkliche Entwicklung“ eingesetzt habe. „Wir sind immer mehr dem amerikanischen Modell gefolgt und haben unseren industriellen Kern vernachlässigt.“ Er ist als Professor in Nottingham und seit 1989 in Sheffield dem industriellen Kernland treu geblieben. Auf die einsame Insel nähme er die Bücher des benediktinischen Historikers Dom David Knowles über das englische Klosterleben mit. In Manchester feiert Sir Ian Kershaw an diesem Montag seinen siebzigsten Geburtstag.

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