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Ian Buruma über Europa : Die Entscheidung fällt in Deutschland

  • -Aktualisiert am

Die Nazis hassten Amsterdam für seine Vermischung der Kulturen. Der Autor dieses Textes wuchs hier auf Bild: REUTERS

Aachen statt Brüssel, Hanse statt Heiliges Römisches Reich: Wenn es nicht gelingt, Solidarität über die Ländergrenzen hinweg zu erzeugen, bleibt Europas Einheit ein Traum.

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          Meine Eltern begegneten einander zum ersten Mal auf einem Berg über dem Lac d’Annecy. Sie waren jeder für sich dorthin gekommen, um Urlaub zu machen, mein Vater aus Den Haag, meine Mutter aus Genf, wo sie studierte. Er war Holländer, Sohn eines protestantischen Geistlichen, und sie Britin, Tochter assimilierter Juden, die im späten neunzehnten Jahrhundert aus Frankfurt nach England gegangen waren. Als jemand, in dessen Adern Blut aus mindestens drei und wahrscheinlich noch mehr Ländern fließt, bin ich so europäisch, wie man es nur sein kann. Dass ich in den Vereinigten Staaten lebe, lässt mich dies nur noch deutlicher spüren. Aber macht mich das auch zu einem überzeugten Anhänger der Europäischen Union?

          Intellektuell ja. Mir ist klar, warum die europäische Einheit in Fragen der Sicherheit und des Handels sinnvoll ist. Gemeinsame europäische Institutionen haben einen Krieg zwischen alten Feinden nahezu undenkbar gemacht. Sie erleichtern den Schutz gemeinsamer europäischer Interessen im Wettbewerb mit Großmächten wie China. Und dank ihres Einsatzes für einen liberalen demokratischen Staat ist die Europäische Union zu einem attraktiven Vorbild für andere geworden.

          Das abstrakte Brüssel

          Dennoch inspirieren die politischen Institutionen der EU die Bürger nicht zu den Loyalitätsgefühlen, die für die Funktionsfähigkeit offener Gesellschaften unerlässlich sind. „Brüssel“ mit seinen Räten und Kommissionen und Straßburg mit seinem babylonischen Parlament wirken fern, kompliziert, nüchtern und irgendwie autoritär. Bislang sind politische Loyalität und kulturelle Zugehörigkeitsgefühle auf gesamteuropäischer Ebene für mich und viele andere noch keine Verbindung eingegangen.

          Gibt es eine spezielle Vorstellung von Europa, die mir in einem politischen und zugleich kulturellen Sinne ein Gefühl der Zugehörigkeit vermittelte? Der Traum von Einheit, der einst der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und später der Union zugrunde lag, war für meinen Geschmack immer etwas zu römisch-katholisch. Man riecht förmlich den Weihrauch des Heiligen Römischen Reiches. Das Kernland der Nachkriegsunion lag an der deutsch-französischen Grenze, im Rheinland und im Elsass. Vielleicht wäre statt Brüssel eher Aachen die passende Hauptstadt gewesen. Die Architekten der Union - Adenauer, Monnet, Schuman und de Gaspari - waren Christdemokraten aus frommen katholischen Familien.

          Romantische Sympathie für die Hanse

          Tatsächlich war der alte Traum von europäischer Einheit, den so unterschiedliche Gestalten wie Erasmus und Alphonse de Lamartine träumten, stets zutiefst christlich geprägt, eine Art religiöses Utopia des ewigen Friedens unter der Herrschaft Gottes. Europäer sein hieß Christ sein - ein Gedanke, den in jüngster Zeit ein paar Päpste in der europäischen Verfassung zu verankern versuchten. Ohne Erfolg, wie ich mit Freude feststelle.

          Vielleicht wäre es unfair, die Schuld daran ihrem katholischen Glauben zu geben, aber einige der Einheitsstifter der Nachkriegszeit, zum Beispiel Jean Monnet, setzten auch ein ausgeprägt technologisches Vertrauen in den Zentralstaat und empfanden eine leichte Abneigung gegenüber demokratischen Verfahren, die Monnet als chaotisch, eigennützig und entzweiend empfand. Er glaubte, wenn Männer mit überlegenem Wissen und gutem Willen die Sache in die Hand nähmen, werde Europa rasch vorankommen.

          Es gibt in der Geschichte auch andere Vorbilder für politische Arrangements in Europa. Ich empfinde eine gewisse romantische Sympathie für die alte Hanse. Der Gedanke, dass freiheitlich gesinnte, vom Nord- und Ostsee-Handel lebende Städte einen lockeren Bund zum Schutz und zur Förderung ihrer aller Interessen bildeten, ist attraktiv. Die Tatsache, dass Hitler Lübeck hasste, weil die Stadt ihm 1932 untersagte, dort Wahlkampf zu führen, ist ein weiterer Pluspunkt. Aber die Hanse umfasste trotz ihrer weiten Verbreitung nur einen Teil Europas und bestand hauptsächlich aus Städten.

          Mein Europa ist „verjudet“

          Wenn ich an Europa denke, greife ich oft nach einem Buch, das ich in einem Amsterdamer Antiquariat gekauft habe. Es trägt den Titel „Das Gesicht der Niederlande“ und wurde 1943 von dem SS-Obersturmbannführer Ernst Leutheusser verfasst. Es handelt sich um einen Führer für in den besetzten Niederlanden stationierte SS-Offiziere, und der Band enthält ansprechende Fotografien von Menschen in Trachten, von Kanälen, Windmühlen und so weiter. Neben den Bildern gibt es auch einen Text, der die grundlegende Trennungslinie erläutert, von der die Niederlande durchzogen sind.

          Die östliche, vornehmlich landwirtschaftlich geprägte Hälfte des Landes, die an Deutschland grenzt, werde von Menschen rein arischer Abstammung bewohnt. Die westliche, dem Meer zugewandte Landeshälfte mit ihren Hafenstädten sei dagegen korrumpiert durch Gier nach materiellen Gütern, kulturelle Dekadenz und einer Mischung der Rassen. Amsterdam sei, wie Leutheusser sich ausdrückte, „verjudet“. Das sei ganz und gar nicht Europa. Aber es ist mein Europa, in dem ich als Kind einer Mischehe geboren wurde und aufwuchs. Mein Europa ist „verjudet“, und daran kann ich kaum etwas ändern.

          Europa hat viele Gesichter

          Natürlich verbreitete Leutheusser eine vergiftete Ideologie. Heute dürften nur noch wenige Menschen seine Anschauungen teilen, auch wenn das populistische Gerede von einer „Islamisierung“ Europas gelegentlich Ängste im Blick auf kulturelle Reinheit verrät. Aber seine Analyse zeigte, dass man Europa in vielerlei Weise teilen konnte. Es gibt nicht nur eine einzige Vorstellung von Europa. Versuche aus Brüssel, solch eine Idee mit Hilfe von Fahnen, Hymnen, intellektuellen Konferenzen oder frommen Reden zu erschaffen, werden keinen Erfolg haben. Und ebenso erfolglos wird jeder Versuch sein, einer großen Zahl äußerst vielfältiger Nationen ein einziges nationales Modell aufzuzwingen.

          Ich unterstütze immer noch die Europäische Union als Assoziation von Ländern zum Schutz gemeinsamer Interessen. Europäische Institutionen - die nationale Institutionen nicht ersetzen, sondern ergänzen sollten - sind dringend auf die Loyalität europäischer Bürger angewiesen. Aber die Mindestanforderung dafür wäre ein Gefühl von Solidarität unter ihnen. Das ist nicht leicht. Denn Interessen verändern sich und sind nicht immer zur selben Zeit deckungsgleich. Die Probleme innerhalb der Eurozone zeigen das deutlich.

          Deutschland spielt die entscheidende Rolle

          Die Einführung einer gemeinsamen Währung ohne eine stärkere politische Union mag keine gute Idee gewesen sein. Aber viele Jahre profitierten alle Länder der Eurozone vom Euro: die im Norden, weil die Währung billig war, die im Süden, weil sie so viel kaufen konnten, wie sie nur wünschten, wodurch bei den nordeuropäischen Banken große Gewinne anfielen.

          Als die Krise zuschlug, liefen die Interessen rasch auseinander. Die südeuropäischen Volkswirtschaften brachen zusammen, die nordeuropäischen weigerten sich, ihnen zu helfen, und die Eurozone geriet in große Gefahr. Doch statt den Menschen zu erklären, dass es langfristig im Interesse aller Europäer, der im Norden wie der im Süden, liege, Griechenland, Portugal und Spanien zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen, führten Politiker im vergleichsweise wohlhabenden Norden den Crash auf mediterrane Faulheit und Korruption zurück. Diese Korruption gibt es unbestreitbar, aber wenn irgendeine Form von Europäischer Union jemals funktionieren soll, könnten die Politiker wenigstens an die transnationale Solidarität ihrer Bürger appellieren. Stattdessen taten sie im letzten Jahrzehnt genau das Gegenteil.

          Die entscheidende Rolle fällt natürlich Deutschland zu. Nur Deutschland besitzt die Größe und die ökonomischen Mittel, um Europa in seiner gegenwärtigen Form zusammenzuhalten. Aber das wird einige finanzielle Opfer erfordern, die das Land sich gegenwärtig gut leisten kann. Wenn die Deutschen dazu nicht bereit sind, wird der letzte Versuch zu einer europäischen Integration wahrscheinlich scheitern. Die Länder des Nordens und die des Südens werden sich möglicherweise gezwungen sehen, ihre eigenen Wege zu gehen - wohin Frankreich gehen wird, ist allerdings unklar. Das fördert möglicherweise eine Wiederbelebung der Hanse im nördlichen Europa. Vielleicht ist das gar nicht so schlecht, aber das ist natürlich nur meine persönliche Vorliebe.

          Der Autor

          Ian Buruma, Jahrgang 1951, hat eine Professur für Demokratie, Menschenrechte und Journalismus am Bard College in New York. Zuletzt veröffentlichte er das Buch „Year Zero. A History of 1945“.

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