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Hungersterben in der Ukraine : Not als politische Waffe

Kämpfer gegen Fake News: Agnieszka Holland vor dem Plakat zu ihrem Film „Mr. Jones“ in Warschau Bild: EPA

War die große Hungerkatastrophe der dreißiger Jahre in der Ukraine als Massenmord unter Stalin geplant? In Polen und der Ukraine befeuert der Film „Mr. Jones“ von Agnieszka Holland die Diskussion. Das Thema beschäftigt auch den Bundestag.

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          Eine Filmszene: Die sowjetische Sekretärin begegnet dem jungen Briten, der vor ihr steht, mit einem kühlen Blick. Wir schreiben das Jahr 1932; der Waliser Gareth Jones, freiberuflich tätiger Journalist, will ein Visum beantragen. Er will zur Zeit Stalins das geheimnisvolle Sowjetreich erkunden. „Wer bezahlt Ihre Reise?“, fragt die Botschaftssekretärin. „Ich selbst“, antwortet Jones. „Sie sind also gar kein Journalist“, sagt die Dienerin des Staates, in dem es nur staatlich bezahlte Schreiber gibt, „Sie wollen erst Journalist werden.“ Der junge Strubbelkopf wirkt entmutigt. Aber dann erwidert er: „Ich habe Hitler interviewt. Und ich habe vor, Stalin zu interviewen.“

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Diesen Gareth Jones, geboren 1905, hat es gegeben. Er durfte im Februar 1933 den Reichskanzler im Flugzeug von Berlin zu einem umjubelten Auftritt in Frankfurt am Main begleiten. „Ein paar Schritte von mir“, notiert er, „sitzt der Führer des erwachenden explosivsten Nationalismus, den die Welt gesehen hat.“ Wenig später ist der Cambridge-Absolvent auf dem Weg nach Moskau. Jones geht Gerüchten über eine gewaltige Hungersnot nach. Er fährt in einem Luxuszug, von einem staatlichen „Betreuer“ begleitet, in die Ukraine; dann entwischt er und steigt in einen Regionalzug voller apathischer, hungernder Menschen. Er wird Zeuge, wie Dorfbewohner sich auf ein Getreidepaket stürzen und unter Schüssen zusammenbrechen; er sieht verhungernde Kinder.

          Bekannt durch „Hitlerjunge Salomon“ und „House of Cards“

          Derweil feiert der alternde Platzhirsch der westlichen Korrespondenten, Walter Duranty von der „New York Times“, auf einer Party mit Prostituierten in Moskau den Höhepunkt seiner Karriere. Er und seine Kollegen attackieren Jones, versuchen mit einigem Erfolg, seinen Ruf zu ruinieren und damit ihre Posten zu retten. „Niemand stirbt vor Hunger“, schreibt Duranty 1933, „es gibt nur eine verbreitete Sterblichkeit aufgrund von Krankheiten durch Unterernährung.“

          All das ist in dem Film „Mr. Jones“ zu sehen, der gerade in der Ukraine und Polen und bald in weiteren zwanzig Ländern in die Kinos kommt. Agnieszka Holland hat ihn gedreht; zuvor hatte sie den Briten, dem manche NS-Freundlichkeit unterstellten, unter die Lupe genommen: „Jones hat in Hitlers Charisma und Ambitionen eine große Gefahr für Europa gesehen und früh vor ihm gewarnt“, sagt sie dieser Zeitung. Die streitbare Polin, seit vierzig Jahren im Filmgeschäft, wurde mit „Hitlerjunge Salomon“ bekannt, hat aber auch in der dritten Staffel von „House of Cards“ Regie geführt. Ihren Film (mit James Norton als Jones und dem überzeugenden Peter Sarsgaard als Duranty) kann man als Beitrag zur Debatte um Fake News lesen. Im Abspann heißt es: „Der Pulitzer-Preis wurde Duranty bis heute nicht aberkannt.“

          In der Ukraine nicht vergessen

          Gareth Jones wurde auf einer Recherchereise 1935 ermordet, möglicherweise mit Beihilfe sowjetischer Agenten. Bis vor kurzem war er fast vergessen; in seinem Heimatort hängt eine Gedenktafel für seinen Vater, der dort Schuldirektor war. In Polen hat der Journalist Mirosław Wlekły gerade ein Buch über ihn geschrieben und dafür seine Berichte aus Deutschland und der Sowjetunion gesichtet („Gareth Jones. Der Mann, der zu viel wusste“, Verlag Znak, Krakau). Die Ukraine hatte ihm 2008 postum einen Orden verliehen.

          Dort ist der Holodomor, das „Hungersterben“, wie die Katastrophe genannt wird, nicht vergessen. Jedes Jahr am vierten Samstag im November wird seiner gedacht. Diesmal sprach aus diesem Anlass Wolodymyr Selenskyj, der Schauspieler, der zum Staatspräsidenten wurde. Er sprach vor der Holodomor-Gedenkstätte neben dem mittelalterlichen Höhlenkloster in Kiew: Der „Genozid des totalitären Stalin’schen Regimes am ukrainischen Volk“ sei nach den Opferzahlen nur vergleichbar mit dem Zweiten Weltkrieg: „Wir können das nicht vergessen. Und wir können das nicht verzeihen.“

          Baumrinde oder Kannibalismus als letzte Lösung

          Während in Paris und Berlin Lebensmittel aus der Ukraine angeboten wurden, der „Kornkammer Europas“, starben von 1931 bis 1934 in der Sowjetunion mindestens fünf Millionen Menschen an Hunger, darunter mindestens 3,9 Millionen Ukrainer, aber auch – weiter östlich – Kasachen, Russlanddeutsche und Russen. Diese Zahlen nennt die Historikerin Anne Applebaum in ihrem fundamentalen Buch „Roter Hunger“ (Siedler, 2019). Die Not begann mit der brutalen Kollektivierung der Landwirtschaft. Sie wurde verschärft durch die Exporte, die dem Staat Devisen einbrachten. Am Ende durchstreiften die Sicherheitskräfte die Dörfer und beschlagnahmten alles, was noch essbar war.

          Manchen Menschen blieb nichts anderes übrig, als Baumrinde zu essen oder zu Kannibalen zu werden. Derweil warnte Stalin seine Mitstreiter davor, die Ukraine zu „verlieren“, und wetterte, „antisowjetische Elemente“, Getreidediebe, sollten zum Tode verurteilt werden. Wenig später begannen die Verfolgung der ukrainischen Eliten und eine weitgehende Russifizierung. Wie im Zarenreich galten die Ukrainer, die größte Minderheit im Staat, als besonders gefährlich. All das veranlasste den Juristen Raphael Lemkin, der den Begriff des Genozids prägte, den Holodomor als ein „klassisches Beispiel“ dafür zu bezeichnen, zumal nicht nur Menschen, sondern auch „Kultur und Volk“ der Ukraine zerstört worden seien. Zwar wird der Begriff des Genozids heute enger gefasst als zu Zeiten Lemkins, doch die Diskussion über den Fall Ukraine geht weiter.

          Das Thema beschäftigt auch den Bundestag. Proukrainische Aktivisten in Deutschland haben mehr als 70.000 Unterschriften unter ihrer Petition Nr. 89118 versammelt („Anerkennung des Holodomor 1932–1933 in der Ukraine als Genozid“). Der Deutsche Bundestag möge anerkennen, so wie „23 Regierungen anderer Länder dieser Welt“, dass diese geplante Gewaltmaßnahme ein Genozid gewesen sei. Jetzt müssen sich die Fraktionen dazu verhalten und Experten anhören. Den Anfang machte ausgerechnet die eher russlandfreundliche AfD, wohl wissend, dass die Genozid-These im heutigen Moskau auf scharfen Widerspruch stößt. Der Osteuropa-Historiker Gerhard Simon sagte im Bundestag, eine Anerkennung als Völkermord „bedeutet eine Verneigung vor den Opfern eines Menschheitsverbrechens und die Distanzierung vom mörderischen Regime Stalins“.

          Jetzt wäre die 2015 gegründete Deutsch-Ukrainische Historikerkommission gefragt. Aber die Genozid-Debatte duldet kein nüchternes Abwägen: Kiews Botschafter in Berlin, Andrij Melnyk, hat im Oktober vor allem die ukrainischen Mitglieder der Kommission wegen angeblicher Passivität in dieser Frage öffentlich attackiert und den Ko-Vorsitzenden Jaroslaw Hryzak zum Rücktritt aufgefordert. Darauf gab Professor Hryzak zurück, das sei nicht die Zuständigkeit des Botschafters. Die deutschen Fachkollegen hätten „Zweifel“, ob der Genozidbegriff für diesen Fall geeignet sei. Anschließend schrieben die sieben ukrainischen Mitglieder, sie selbst seien Anhänger der Genozid-These. Der Holodomor, der Holocaust und andere genozidale Akte seien „universal für die Verinnerlichung und Verteidigung der Werte, auf denen die moderne europäische Zivilisation beruht“. Den Massenmord als Genozid anzuerkennen könne eine Barriere bilden gegen eine mögliche Wiederholung der Geschichte.

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