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Planänderung im Humboldt-Forum : Die Globalisierung verunsichert schon genug

Die Politik erwartet viel von der künftigen Arbeit in diesem Bau: Berliner Schloss-Baustelle am 22. November. Bild: dpa

Das Humboldt-Forum hat sich erfolgreich von der Politik emanzipiert – stellt zumindest Kulturstaatsministerin Grütters fest. Dabei gibt das Berliner Schloss stillschweigend seine politische Legitimation preis.

          6 Min.

          Mit dem Schlossbau in Berlin läuft so weit alles nach Plan. Wer will, kann durch Webcams im Internet sogar live und aus allen möglichen Winkeln der GESCHICHTE, die da wiedererstehen soll, beim Groß- und Größerwerden zuschauen. Wie aber verhält es sich noch mal mit der Idee, die vor nunmehr sechzehn Jahren diesen Anachronismus rechtfertigen, ihn als in einem höheren Sinn gegenwärtig, ja avantgardistisch erscheinen lassen sollte? Als Neil MacGregor, der Gründungsintendant des sogenannten Humboldt-Forums, im vergangenen Monat seine Pläne enthüllte, kam er auf diese Idee gar nicht mehr zu sprechen; in der von ihm als richtungsweisend bezeichneten Ausstellung in der Humboldt-Box war von ihr auch nichts zu sehen, und es schien auch keiner ernstlich böse darum zu sein, jedenfalls schlug niemand Krach. Lag das an der allgemeinen Erschöpfung nach so vielen Jahren Konzeptemacherei? Oder steckt vielleicht noch mehr dahinter, etwas, das mit der veränderten Lage nach Brexit, AfD und Trump zu tun hat?

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wie die Idee für diesen damals noch vom Palast der Republik besetzten „Ort des Nichts“ (Peter-Klaus Schuster) in der Mitte Berlins im April 2000 zustande kam, das haben Klaus-Dieter Lehmann und Peter-Klaus Schuster gerade in einem im Wagenbach-Verlag erschienenen Sammelband („Das Humboldt Forum. Die Wiedergewinnung der Idee“) mit erfrischendem Pragmatismus dargestellt. Sie beide, der damalige Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Generaldirektor der Staatlichen Museen, waren beim Berliner Stadtentwicklungssenator Peter Strieder einbestellt, der sie in ultimativer Weise aufforderte, sich zu überlegen, was ihre Institutionen zum Schloss beitragen könnten, wenn es denn wieder aufgebaut würde.

          Ein Narrativ mit Markenzeichen

          Lehmann stellte als Erstes klar, dass er kein Geld von der geplanten Wiederherstellung der Museumsinsel abziehen würde. „Aber wir wussten auch“, schreibt er heute, „es ist eine historische Chance, die nicht wiederkommt. Sie mussten wir mit einer großen Idee besetzen.“ In Schusters Erinnerung war es dann sein Einfall, das Schloss für die Aufbewahrung der ethnologischen Sammlungen zu nutzen, die es ohnehin verdienten, von ihrem arg an die Peripherie gerückten Ort in Dahlem ins Zentrum umzuziehen. Dann gab ein Gedanke den anderen, und plötzlich stand vor den Herren in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mit äußerster Klarheit das ideelle System, das dem Schloss auf der einen und den Sammlungen auf der anderen Seite ihre dialektisch notwendige Kopplung gab.

          Hier entsteht die Haupthalle des Humboldt-Forums: Blick in die Baustelle am 2. November.

          „Was ist heute im 21. Jahrhundert essentieller“, so vergegenwärtigt Lehmann diesen Moment, „als den Schlossplatz zum Ort der Weltkulturen zu machen, einem Ort, der in Verbindung mit der gegenüberliegenden Museumsinsel die ganze Welt in den Blick nimmt und nicht als Lehrmeister oder sezierender Beobachter auftritt, sondern sich als Teilnehmer selbst dem Dialog aussetzt.“ Und er schließt: „Wir hatten das Narrativ des 21. Jahrhunderts gefunden und konnten es mit dem Markenzeichen von Wilhelm und Alexander von Humboldt versehen.“

          Ein Ort für das interkulturell Entstehende

          So entstand aus einer Mischung aus legitimatorischer, finanzieller und binnen-institutioneller Not der rettende Gedanke, der dem Bundestag die Bedenken nahm, dem Wiederaufbau des preußischen Schlosses zuzustimmen. Zugleich wurde der Gedanke jedoch zur schweren Hypothek für alle, die sich in den darauffolgenden Jahren dazu äußern mussten, wie dieser staatlich initiierte und mit staatlichen Sammlungen bestückte Dialog der Kulturen denn konkret vonstatten gehen könne. Vielleicht deshalb mahnte der Bundestag 2007 mit einer gewissen Strenge: „Das Humboldt-Forum im Berliner Schloss wird den Mittelpunkt der deutschen Hauptstadt bilden. Die inhaltliche Ausgestaltung muss beispielhaft und zukunftsweisend sein, denn sie ist die eigentliche Sinnstiftung des Neubaus.“

          Tatsächlich war der Clou dieses Bundestagsbeschlusses sein ausdrücklich politischer Charakter. Kulturdialoge gibt es wie Sand am Meer, aber das Besondere ist hier, dass ein Staat den Kulturdialog mit seiner symbolischen Repräsentation verknüpft. Gerade Außenminister Steinmeier machte sich diese Absicht zu eigen und verband sie mit seiner Vorstellung von der moderierenden Rolle Deutschlands in der Welt: „Kultur soll in diesen Räumen nicht mehr als je eigenes ,Produkt‘ gezeigt, sondern als interkulturell gemeinschaftlich Geschaffenes und neu Entstehendes begriffen werden.“

          Plastikverpackungen vermeiden

          Freilich hielt die intellektuelle Durchdringung mit dieser politischen Willensbekundung von Anfang an nicht Schritt. Wie sich der gewaltige Anspruch in die Präsentation und Diskussion von Bildern und Objekten übersetzen lässt, diese Frage wurde, wenn überhaupt, allenfalls halbherzig durchdacht - vor allem deswegen, weil ganz unklar blieb, welche Rolle das Eigene, repräsentiert durch die auf der Museumsinsel gelagerten Bestände, bei dem angestrebten Dialog eigentlich spielen soll.

          Seit vergangenem Monat nun wird die große Idee stillschweigend ganz fallengelassen - und das wirklich Verblüffende ist, dass niemand sie zu vermissen scheint. Noch bevor Neil MacGregor, der von Kulturstaatsministerin Monika Grütters installierte oberste Gründungsintendant, seine Pläne bekanntgab, hatte er „more reasonable expectations“ angemahnt. Und an solche hielt er sich tatsächlich, als er die noch bis zum 26. Februar laufende Ausstellung „Extreme!“ in der Humboldt-Box auf der Schlossbaustelle eröffnete und sie als exemplarisch für das Kommende bezeichnete. Hier finden sich alle möglichen Objekte zusammengestellt, die mit dem Humboldtstrom vor der Küste Perus zu tun haben: von einem pazifischen Seehecht über das Fragment eines Holzpfahls und einem alten Totenbündel bis zur Darstellung des Zusammenhangs von Meeresströmung und Weltklima, die zur Müll-Problematik mit dem praktischen Ratschlag am Ende überleitet: „Vermeiden Sie Plastikverpackungen“. Die Ausstellung soll einen „Vorgeschmack“ darauf geben, was im Humboldt-Forum „von zentraler Bedeutung“ sein wird: „Kultur, Natur, Umwelt, soziales Engagement und öffentliche Partizipation“.

          Erfolgreiche Emanzipation

          Ähnlich groß wie die Zahl positiv konnotierter weiträumiger Abstraktionen ist die der Institutionen, die mit ins Boot geholt werden. Mitgründungsintendant Hermann Parzinger bezeichnet es gar als Alleinstellungsmerkmal des Projekts, dass da alle möglichen Kultureinrichtungen zusammenwirken. MacGregor betonte, die Objekte sollten in ihrem Kontext dargestellt werden. Und der Eintritt soll kostenlos sein, damit nicht nur die Touristen, sondern auch die Berliner kommen.

          Gegen keinen der einzelnen Teile dieses Programms lässt sich etwas einwenden - nur hat das Ganze mit der ursprünglichen Idee nichts mehr gemein. Stattdessen heißt es jetzt in einer offiziellen Verlautbarung: „In der Mitte der Hauptstadt, auf dem zentralen Platz der Republik können wir alle die Welt als Ganzes erforschen“. Die Frage ist bloß: Wer ist da eigentlich „wir alle“? Bei dem „Dialog“, der da angestrebt wird, stehen wie eh und je auf der einen Seite die Objekte der nichteuropäischen Welt und auf der anderen Seite die europäischen Betrachter sowie deren touristische Besucher. Weder treten die Objekte der verschiedenen Weltgegenden miteinander in einen Austausch noch deren Bewohner oder Ideen.

          So war es ebenso zutreffend wie bestürzend, als Staatsministerin Monika Grütters bei der Enthüllung dieses Programms davon sprach, dass sich das Humboldt-Forum nun erfolgreich von der Politik emanzipiert habe. In der Tat ist der politische Anspruch, die eigene Kultur durch andere herausfordern zu lassen, erfolgreich auf die übliche Mischung aus Volkshochschule und Völkerkundemuseum zusammengeschnurrt, einem modernen, populären und demokratischen Museum freilich. Die erste prototypische Ausstellung läuft auf Müllentsorgung hinaus, die kommenden sollen sich mit Themen wie Kinderschutz, Flüchtlingsbewegungen und Geldwirtschaft beschäftigen. Das Fremde scheint bloß mehr die Rolle zu spielen, das aktuelle westliche Problembewusstsein zu illustrieren. Dazu gehört auch der weltweit wachsende Nationalismus, dem gegenüber, wie MacGregor bemerkte, das Humboldt-Forum ein Ort sei, an dem man die Welt als ganze betrachten könne. Einen „Ort der Selbstvergewisserung“ nennt ihn Grütters daher.

          Ein aussichtsloser Ansatz

          Das scheint exakt in eine Zeit zu passen, in der die Globalisierung das weltoffene Selbstbild großer Teile der westlichen Gesellschaften immer mehr durcheinanderbringt. Die Herausforderung der eigenen durch die anderen Kulturen, wie sie im ursprünglichen Konzept des Humboldt-Forums vorgesehen war, findet ja durch die reale Globalisierung schon statt: Sie sorgt allerdings, indem sie mit der kulturellen Dominanz auch den ökonomischen Wert relativiert, für die sozialen und politischen Verwerfungen, die die Welt zurzeit erschüttern.

          Ist das der Grund, weshalb niemand mehr die ursprüngliche Idee einfordert? Die kulturelle Klasse scheint ihre Vorzeichen umkehren zu wollen: Statt zu irritieren und zu verunsichern, soll die Globalisierung im Museum nun offenbar die alte Ordnung und das frühere Interpretationsgefälle zwischen dem Westen und dem Rest wiederherstellen - und auf diese Weise zur „Selbstvergewisserung“ beitragen. Das ist natürlich aussichtslos: Die Wirklichkeit gehorcht solchen Konstruktionen nun mal nicht. Wie aber könnte eine angemessene intellektuelle Reaktion auf die Globalisierung und deren Verunsicherungsschockwellen aussehen? Das Gegenteil einer sich nach allen Seiten hin absichernden Beschwichtigung wäre richtig: anhand der Bilder und Objekte der europäischen und außereuropäischen Sammlungen nachzeichnen, wie die Globalisierung wirkt, wie sich Identitäten bilden, beeinflussen, verändern, von welchen politischen und sozialen Bedingungen ihre jeweilige Funktion abhängt. Trost spendet das nicht unbedingt, aber es reicht vielleicht schon, wenn die Globalisierung dadurch transparenter wird, etwas von ihrer dräuenden Zwangsläufigkeit verliert. Ganz unabhängig natürlich von der Frage, ob es jetzt nicht allmählich am Bundestag wäre, auf der Legitimation zu bestehen, mit der ihm seinerzeit die Zustimmung zum Schlossbau abgerungen wurde.

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