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Deutscher Reporter in Moskau : Putin, mein Kumpel

Mit persönlicher Widmung: Hubert Seipel übergibt dem russischen Präsidenten Wladimir Putin sein Buch. Bild: dpa

Der Journalist Hubert Seipel hatte in Moskau einen großen Auftritt. Er stellte sein Putin-Buch vor. Der Porträtierte war beglückt. In ihrem Urteil über Russland und den Westen scheinen die beiden sich einig.

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          Der Kreml feiert Hubert Seipel. Der Journalist und Dokumentarfilmer stellte Anfang der Woche in Moskau die russische Übersetzung eines Buches vor, das im vergangenen Herbst auf Deutsch erschien. Es heißt „Putin - Innenansichten der Macht“ und ist Ergebnis der Nähe seines Autors zum russischen Präsidenten. Von der zeugten schon Seipels ARD-Film „Ich Putin“ von 2012 und ein Exklusiv-Interview im November 2014 im Ersten, in dem die kritischste Frage zur Annektion der Krim und dem Krieg in der Ostukraine war, ob Putin - neben dem Westen - nicht auch „Fehler gemacht“ habe. In seinem Buch wirft Seipel deutschen und westlichen Medien, auch dieser Zeitung, einseitige und voreingenommene Berichterstattung zu Lasten Russlands und Putins vor. Das kommt in Moskau natürlich gut an.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Höhepunkt von Seipels Besuch, über den Russlands Staats- und staatstreue Sender breit berichteten, war die Buchvorstellung bei der Feierstunde zum fünfundsiebzigjährigen Bestehen der Agentur Rossija Sewodnja (Russland heute) am Dienstag. Auch Putin kam. Seipel versah sein Buch für den Präsidenten mit einer Widmung, sie lächelten gemeinsam in die Kameras. Auf Rossija 24 zitierte ein Sprecher zu diesen Bildern aus Seipels Buch: Westliche Zeitungen schrieben ständig und nichts Gutes über Putin. Diese Botschaft wiederholte Seipel in zahlreichen Interviews. In jedem Land seien die Beziehungen zwischen Politikern und Journalisten „sehr heikel“, sagte Seipel bei Rossija 24, Politiker wirkten mit Journalisten zusammen und umgekehrt. „Das geschieht sowohl im Westen als auch in Russland.“ Damit griff er das in Russland beliebte Motiv auf, Politik und Medien im Westen funktionierten nicht anders als in Russland.

          „Der ergreifendste Moment“

          Alles gleich in Deutschland und Russland? Die Bundesrepublik liegt in der Rangliste der Pressefreiheit von „Reporter ohne Grenzen“ auf Platz sechzehn, Russland auf Platz 148 von 180. Vor kurzem wurde die Führung der russischen Mediengruppe RBK, die über Korruption und den verdeckten Krieg im Donbass berichtet hatte, unter dem Druck des Kremls ausgewechselt (F.A.Z. vom 18. Mai). Ende voriger Woche wurden amerikanische Journalisten, die für den Sender HBO in Sotschi zu Immobiliengeschäften nach den Olympischen Winterspielen 2014 recherchierten, vom Geheimdienst FSB kurzzeitig inhaftiert; ein russischer Blogger, der sie begleitete, erhielt fünf Tage Arrest wegen „Organisation einer illegalen Versammlung“.

          Seipel war eine Zeitlang mit dem Kreml-Presse-Pool unterwegs. Der Regierungszeitung „Rossijskaja Gaseta“ hatte er vor seinem Moskau-Besuch das eindrücklichste Erlebnis aus dieser Zeit erzählt: Während einer Reise im August 2014 habe Putin ständig mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko telefoniert: „Kiews Armee überschätzte ihre Kräfte und wurde von Aufständischen nicht weit von der Stadt Ilowajsk im Donezker Gebiet eingekesselt.“ In der Ukraine, im Westen und im nicht kremltreuen Teil der russischen Öffentlichkeit gilt als gesichert, dass nicht „Aufständische“, sondern russische Soldaten die Schlacht um Ilowajsk entschieden. Ein russischer Politiker und Journalist wurde nach Berichten seiner Zeitung über heimliche Bestattungen russischer Soldaten im Gebiet Pskow brutal zusammengeschlagen, die Täter wurden nie wirklich gesucht. Auch die Schuld am Tod „Hunderter“ ukrainischer Soldaten in Ilowajsk schob Seipel Poroschenko zu. Dieser habe „Bedingungen zum Abzug der schweren Waffen nicht erfüllt“, zudem hätten die Soldaten „vereinbarungswidrig“ aus dem Kessel „ausbrechen“ wollen. Bei seiner Buchvorstellung wiederholte Seipel diese Episode; laut „Kommersant“ fügte er hinzu, die Niederlage der Ukrainer habe Verhandlungen ermöglicht: „Das mitzuverfolgen, das war der ergreifendste Moment!“

          Das waren Zeiten: Seipel und Putin auf großer Fahrt für den Film „Ich Putin“, der zu Weihnachten 2012 in der ARD lief.

          Bei der Feierstunde der Agentur Rossija Sewodnja mit Seipel hob Putin hervor, im Journalismus gehe es heute wie früher auch um Wahrheitssuche. Die Regierungen müssten die Freiheit garantieren, Informationen zu verbreiten, „auch wenn ihnen die eine oder andere Information nicht gefällt“. Anlass für den Führungswechsel bei der Mediengruppe RBK soll übrigens ein Bericht über die Panama Papers und Putins Cellisten-Freund Sergej Roldugin und dessen Offshore-Konten gewesen sein. Aber Putin hatte bei seinem Wahrheits-Appell selbstverständlich nicht Russland, sondern das westliche Ausland im Blick.

          Er habe Seipel gewarnt, sagte der Präsident, er werde „selbst etwas abkriegen“, wenn er beim Schreiben des Buchs „objektiv“ bleibe. Was „objektiv“ ist, darin sind sich Seipel und Putin offenbar einig. Womöglich geht aus der freundschaftlichen Verbindung schon bald ein neuer Film hervor. Anfang des Jahres war Seipel auf besinnlichen Bildern des Staatsfernsehens zu entdecken. Sie zeigen, wie er direkt hinter dem Präsidenten steht, der einen Gottesdienst zum orthodoxen Weihnachtsfest im Dorf Turginowo nördlich von Moskau besucht. Dort sollen Putins Eltern getauft worden und soll seine Großmutter begraben sein.

          Keine weiteren Fragen: Putin und Seipel beim Interview im November 2014.

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