https://www.faz.net/-gqz-acuoo
 

Import Export : Homohass und bunte Flaggen

  • -Aktualisiert am

Der Juni ist Pride Month. Viele Unternehmen und Organisationen schließen sich an. So auch der Konzern LEGO, der unter dem Slogan „Everyone is Awesome“, dass erste LGBTQIA+-Spielfiguren-Set herausgebracht hat. Bild: AFP

Deutschland sollte sorgfältiger bei der Wahl seiner Dialogpartner sein. Islam und Homosexualität schließen sich nicht aus, Homofeindlichkeit und eine freiheitlich-demokratische Grundordnung aber schon.

          3 Min.

          Es ist wieder Pride Month. Zeit also für viele Unternehmen für etwas RainbowWashing. Die Lo­gos von BMW, VW, Lenovo und Ko leuchten in Regenbogenfarben – aber natürlich nur in Ländern wie Deutschland, den USA oder der Schweiz. Ein bisschen Sekt, etwas Glitzer und Sichtbarkeit, also Queer, ohne dass es wehtut: Unternehmen wollen Geld verdienen. In Deutschland wäre dieses Pride-Marketing noch vor 30 Jahren undenkbar ge­we­sen: Homosexualität stand bis 1969 in der Bundesrepublik unter Strafe, komplett gestrichen wurde der §175 erst 1994.

          LGBT-Menschen hat es schon immer und überall gegeben. Davon erzählen beispielsweise alte arabische homoerotische Liebesgedichte oder die Lyrik der griechischen Dichterin ­Sappho. Homosexualität ist ein globales, zeitloses Phänomen. Gleiches gilt leider auch für die Homofeindlichkeit. Angesichts der vielen No-go-Areas für Homos kommt einem das Gruseln: In 69 Staaten der Welt steht Homosexualität unter Strafe, in Iran, im Jemen und in Saudi-Arabien sogar unter Todesstrafe. Man bestraft mit Peitschenhieben, Hängen an Baukränen, Steinigung. Und selbst wenn Homosexualität legal ist, bedeutet das nicht unbedingt gesellschaftliche Akzeptanz. Homofeindlichkeit gibt es in allen antimoderneren Ideologien: Nazis sind homofeindlich ebenso Graue Wölfe, evangelikale Christen, Islamisten.

          Denken wir nur daran, wie der IS Homosexuelle von Dächern stürzte. Oder an den islamistischen Anschlag auf den vor allem von LGBT-Personen besuchten Nachtclub Pulse in Orlando 2016. Oder an 2020 in Dresden, als ein 21-jähriger IS-Anhänger auf ein schwules Paar einstach und einen der Männer tötete. Islamisten begründen ihre Homofeindlichkeit mit Koran und Hadithen. Sie fantasieren Homosexualität als westliche Erfindung und empfehlen Konversionstherapie oder gleich die Tötung. Der schiitische Geistliche und Milizenführer Muqtada Sadr aus dem Irak meinte sogar, Homos wären schuld an Corona. Ebenso Ali Erbas, der Chef der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Homosexualität sei unislamisch, haram. Erdogan stellte sich natürlich hinter Erbas, der wegen Hetze angezeigt wurde, und reagierte mit einer Gegenanzeige wegen „Verletzung religiöser Gefühle“. Zu Diyanet gehören auch die Ditib-Moscheen in Deutschland. Das heißt: Was Ali Erbas für die Diyanet vom Stapel lässt, gilt auch für sie. Die Diyanet finanziert die Ditib, schickt Imame und soll sich jetzt sogar in Rheinland-Pfalz am Religionsunterricht an Schulen beteiligen.

          Ronya Othmann
          Ronya Othmann : Bild: Kat Menschik

          Homohass ist bei der Ditib kein Einzelfall. Bis vor kurzem gab es noch in deren Onlineshop die Bücher des Homohassers Şimşirgil zu kaufen. Eine Veranstaltung mit ihm wurde erst auf öffentlichen Druck abgesagt. Dass auch ein anderes Islamverständnis möglich ist, zeigen LGBT-freundliche Moscheegemeinden wie jene in Paris, gegründet von dem schwulen Imam Ludovic-Mohamed Zahed, oder wie jene von Seyran Ateş in Berlin. Deutschland sollte sorgfältiger bei der Wahl seiner Dialogpartner sein. Islam und Homosexualität schließen sich nicht aus, Homofeindlichkeit und eine freiheitlich-demokratischen Grundordnung hingegen schon.

          Im März hat das Auswärtige Amt angekündigt, sich in der Außen- und Entwicklungspolitik künftig stärker für die Rechte queerer Menschen einzusetzen. Konsequent wäre es, auch die Situation von LGBT-Flüchtlingen zu verbessern. In den Unterkünften sind sie oft queer-feindlichen Bedrohungen ausgesetzt. Vielerorts mangelt es an Schutz. Der Asylprozess ist oft mühsam, da die sexuelle Orientierung bewiesen werden muss. Wie soll das gehen? Fotos von sich beim Sex? Es wurde auch schon queeren Flüchtlingen Asyl verweigert. Die Begründung: Im Herkunftsland sei ja nur die Ausübung strafbar, nicht die Orientierung. Sprich: Lass dich nicht erwischen, oder verzichte auf Liebe und Sex.

          Es ist immer auch die Gesellschaft, die Queerfeindlichkeit toleriert und befeuert. Auch in Deutschland sind LGBT-Personen von Zwangsheirat, Gewalt im Namen der Ehre und Ausgrenzung bedroht. Es kann Yusuf treffen aus Neukölln, Maria aus einem erzkatholischen Dorf in Oberbayern oder Ciwan aus einer êzîdischen Familie in Bremen. LGBT-Personen sind auf die Mehrheitsgesellschaft angewiesen, und die muss mehr tun, als nur Regenbogenflaggen aufzuhängen. LGBT-Rechte s-ind keine Partikularinteressen einer skurrilen Minderheit, sondern universale Menschenrechte. Ein Wandel aber ist möglich, in Deutschland wie im Nahen Osten. Vor drei Jahren gehörte ich der Jury des Filmfestivals in Duhok in der Autonomen Region Kurdistan an. Medien, Kultur und Parteifunktionäre waren geladen. Der Saal war voll. Im Eröffnungsfilm sagte einer der Protagonisten „Ich bin schwul. Warum denkst du, bin ich vor zehn Jahren aus Kurdistan abgehauen?“ Homosexualität ist auch in der kurdischen Gesellschaft ein Tabu. Nachdem dieser Satz gefallen war, gab es einen Moment der Stille, aber dann fing das Publikum an zu klatschen. Es wird sich etwas ändern, weil es muss. Damit happy pride!

          Weitere Themen

          Gegen die Unkenrufe

          Auktionsgebnisse aus London : Gegen die Unkenrufe

          Zahlreiche Rückgänge bei Sotheby’s sorgen für einen Erlös, der weit hinter Christie’s liegt. Ein genauer Blick auf die Ergebnisse zeigt allerdings, dass die einen nicht ganz so gut und die anderen nicht ganz so schlecht abgeschnitten haben, wie es scheint.

          Topmeldungen

          Am 17. Juli in Erftstadt: Armin Laschet ist lachend zu sehen, während Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein Pressestatement gibt.

          Laschet und die Flut : Das Lachen des Landesvaters

          Als das Wasser kam, wollte der Kanzlerkandidat der Union helfen, zuhören – und vielleicht auch Wahlkampf treiben. Dann wuchs der Druck und alles kam anders.
          Aus der Luft sind der niedrige Wasserstand des Lake Powell und der „Badewannen-Ring“ gut zu erkennen.

          Grand Canyon : See ohne Wiederkehr

          Dürre setzt dem Lake Powell oberhalb des Grand Canyon zu: Millionen Touristen bleiben auf dem Trockenen. Hausbootsbesitzer sollen ihre Boote vom Wasser holen, solange das noch möglich ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.