https://www.faz.net/-gqz-a1smk

KZ-Überlebender an Zuckerberg : Lassen Sie das nicht zu!

  • -Aktualisiert am

Marian Turski, Vorsitzender des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau und Holocaust-Überlebender, in der Gedenk- und Bildungsstätte "Haus der Wannsee-Konferenz" Bild: dpa

Auschwitz ist nicht vom Himmel gefallen, sondern wurde durch Hassreden vorbereitet: Offener Brief eines Überlebenden an Facebook-Chef Mark Zuckerberg.

          2 Min.

          Sehr geehrter Herr Zuckerberg,

          ich heiße Marian Turski und habe das Getto in Łódź (Getto Litzmannstadt), Auschwitz und zwei Todesmärsche – von Auschwitz nach Buchenwald und von Buchenwald nach Theresienstadt – überlebt.

          Ich möchte Ihnen eine Episode aus meinem Leben erzählen. Nein, nicht aus der Zeit des Holocaust. Sie ereignete sich zwei Jahrzehnte später. Ein britischer Regisseur drehte einen Dokumentarfilm über die Reise von vier jungen Neonazi-Führern aus Großbritannien, Frankreich, Österreich und Deutschland zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Er fragte mich, ob ich sie nicht begleiten wolle. Diese jungen Neonazis waren dafür bekannt, dass sie leugneten, dass der Holocaust überhaupt stattgefunden hat, und einer von ihnen hatte öffentlich erklärt, Juden nicht die Hand zu geben. Dennoch hielt ich es für meine Pflicht – bitte glauben Sie mir: für einen Überlebenden eine sehr schwere –, den Neonazis entgegenzutreten. Gerade weil es junge Leute waren.

          Irgendwann sagte einer meiner Gesprächspartner, ein – ansonsten sehr belesener und gut ausgebildeter – dreißigjähriger Deutscher zu mir: „Und welche Beweise haben Sie dafür, dass eine Million Juden in Auschwitz umgekommen sind und dass dies keine Zahl ist, die Sie erfunden haben, um Entschädigungen zu fordern? Die Deutschen sind sehr gewissenhaft, wenn es so gewesen wäre – gäbe es bestimmt Register.“ Ich entgegnete: „Und wie erklären Sie sich die Tatsache, dass mein Vater und mein kleiner Bruder nach der Selektion in die Richtung der Gaskammern und Krematorien getrieben wurden und am nächsten Tag niemand sie je wieder gesehen hat?“ Darauf er: „Was beweist das? Vielleicht sind sie geflohen, nur Sie kennen ihr weiteres Schicksal nicht...“

          Sie können sich vorstellen, sehr geehrter Herr Zuckerberg, wie sehr eine derart dreiste Leugnung des Holocaust einen Überlebenden wie mich beleidigen, schmerzen, ja sogar verletzen kann. Aber sollte die Beleidigung meiner Person, mein Schmerz ausreichen, um ein Verbot der Verbreitung von Meinungen zur Leugnung des Holocaust zu fordern? Nein, Freiheit und das Recht auf Meinungsäußerung, auch wenn sie einen Einzelnen schmerzt, sind ein Bestandteil des demokratischen Systems. Aber: Sieht das demokratische System keinerlei Einschränkungen vor? Das tut es! Eben wenn die Handlungen eines Individuums oder einer Gruppe die Freiheit oder die Existenz anderer Individuen oder Gruppen gefährden.

          Auschwitz ist nicht vom Himmel gefallen. Auschwitz hat sich Schritt für Schritt eingeschlichen, von kleinen diskriminierenden Verordnungen bis zum massenhaften Völkermord. Auschwitz konnte unter Umständen geschehen, unter denen die Menschen verdummt und an eine Lüge nach der anderen gewöhnt wurden, mit Hassrede auf Hassrede überflutet wurden. Am Ende dieses Vormarschs von Lüge und Hassrede stand die Anstiftung zum Mord. Deshalb ist die Leugnung des Holocaust heute so tödlich für das demokratische System.

          Die Römer pflegten zu sagen: Caveant consules! Was bedeutete: Mögen diejenigen, die Macht ausüben, besonders wachsam und sensibel sein. Sie, Herr Zuckerberg, sind einer der Potentaten der Macht, der sogenannten vierten Gewalt, denn Facebook ist ein Teil der vierten Gewalt. Wenn auf Facebook jemand dazu anstiftete, mich, Marian Turski, umzubringen, dann glaube ich, dass Sie das sicher für unzulässig halten würden. Aber Menschen, die heute den Holocaust leugnen, verfolgen eine Ideologie, die den Tod von sechs Millionen Marian Turskis verursacht hat, und geben sie an die junge Generation von heute weiter.

          Deshalb appelliere ich heute an Sie, – nicht wider die Demokratie, sondern der Demokratie zuliebe – nicht zuzulassen, dass Holocaust-Leugner auf Facebook in Erscheinung treten.

          Hochachtungsvoll

          Marian Turski

          Der Autor, 1926 geboren, ist Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees. Er unterstützt die Kampagne #NoDenyingIt der Claims Conference.

          Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung konnte eine Satzstellung im zweitletzten Absatz des Beitrags missverstanden werden. Wir haben den Satz umgestellt.

          Weitere Themen

          Eine Familie voller Freaks Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Ema“ : Eine Familie voller Freaks

          „Ema" ist intensiv und fesselnd, aber nichts für Spießer. Regisseur Pablo Larrain inszeniert ein Drama der besonderen Sorte, das seinem Ruf als Genie endlich gerecht wird, urteilt F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath in der Video-Filmkritik.

          Topmeldungen

          Abgeordnete im Deutschen Bundestag

          Corona-Kompetenzen : Die Gesetze macht immer noch der Gesetzgeber

          Beim Streit über die Kompetenzen des Bundestages geht es um mehr als nur um Formalitäten. Die Debatte ist auch eine Abrechnung mit der Art, wie die Corona-Politik bisher zustande gekommen ist.
          Schönau am Königssee: Alle Touristen mussten den Landkreis Berchtesgadener Land bis zum Beginn des Lockdowns verlassen. (Archivbild)

          Lockdown am Königssee : Jetzt ist auch für den Tourismus Schluss

          2500 Gäste mussten bis 14 Uhr den Landkreis Berchtesgadener Land verlassen. Bergbahnen und Ausflugsschiffe stehen still. Bei den Einheimischen macht sich Wut breit – über all jene, die den Lockdown durch ihr sorgloses Verhalten provoziert haben.
          Ein Kühlschrank mit kostenlosen Lebensmitteln im Stadtteil Brooklyn.

          Lebensmittelversorgung : Von New Yorkern für New Yorker

          In New York stehen auf den Bürgersteigen Kühlschränke mit kostenlosen Lebensmitteln. In Zeiten der Corona-Krise ist die Nachfrage danach immens. Das Konzept ist unkomplizierter als die Tafeln.
          Schön hier? Das dachten sich auch zahlreiche Millionäre von außerhalb der EU: Zypern verkauft schon seit Jahren Staatsbürgerschaften seines Landes.

          Goldene Pässe : „Europäische Werte sind keine Ware“

          Sieben Milliarden Euro hat allein Zypern in den vergangenen Jahren mit dem Verkauf von Staatsbürgerschaften verdient. Die EU-Kommission geht dagegen nun vor – und betritt damit rechtliches Neuland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.