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Holocaust in Rumänien : Wer ist schuld am Judenmord in Iaşi?

  • -Aktualisiert am

Im April 2011 sind Rabbis aus England und Amerika gekommen, um die Überreste von Holocaust-Opfern auf dem jüdischen Friedhof in Iaşi wieder zu beerdigen. Bild: Picture-Alliance

Die Bundesregierung sprach Überlebenden des rumänischen Pogroms vom Sommer 1941 Entschädigungen zu. Die nationale Rechte nutzt dies nun für eine Kampagne.

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          In Sachen Wiedergutmachung hat sich die Bundesregierung zu einer überfälligen Geste von historischer Dimension durchgerungen und den einstigen jüdischen Einwohnern der im Nordosten Rumäniens gelegenen Stadt Iaşi eine Entschädigung zugestanden. Die Vereinbarung ist Teil eines größeren Abkommens mit der Jewish Claims Conference (JCC), das im Rahmen der jüngsten, seit zweieinhalb Jahrzehnten jährlich stattfindenden Folgeverhandlungen zur sogenannten Artikel-2-Vereinbarung von 1992 abgeschlossen wurde. Letztere war als Zusatzprotokoll zum deutschen Einigungsvertrag getroffen worden und dient als Grundlage für Entschädigungszahlungen, die jüdischen Schoa-Opfern in kommunistischer Zeit verweigert wurden.

          In Iaşi hatte sich, beginnend in der Nacht vom 28. auf den 29. Juni 1941, ein mehrtägiges Pogrom ereignet, das in seiner Brutalität und Raubgier alle vorigen antisemitischen Ausschreitungen in Rumänien weit übertraf. Holocaust-Forscher sprechen von einem „Massaker“ und sehen in diesem frühen, staatlich gelenkten Akt exzessiver Gewalt in Iaşi einen Präzedenzfall, der den Beginn der Judenvernichtung in Rumänien markierte. Im Land selbst und in den damals vom rumänischen Regime zeitweise verwalteteten Territorien in den Nachbarländern kamen bei den Verfolgungen schätzungsweise mehr als 350.000 Juden ums Leben – rund die Hälfte der damaligen jüdischen Bevölkerung im Land.

          Mindestens 13.000 Menschen getötet

          Der Mord und Raub an den jüdischen Einwohnern von Iaşi, wo damals etwa 45.000 Juden lebten, geschah mit deutscher Hilfe. Wegen der militärischen Zusammenarbeit des mit NS-Deutschland verbündeten Rumäniens waren in Iaşi deutsche Soldaten stationiert, die an den vorwiegend von rumänischen Militärangehörigen, Polizisten und Zivilisten begangenen Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung mit beteiligt waren. In der ersten Phase der Überfälle, die propagandistisch als Vergeltung dafür dargestellt wurden, dass sie angeblich die Sowjetarmee unterstützten, wurden mehrere tausend Juden von Iaşi ausgeraubt und ermordet. Ganze Straßenzüge waren mit Leichen übersät – die überlieferten Fotos stammen nicht selten aus deutschen Quellen. Dann wurden etliche tausend Juden auf dem Gelände des Polizeiquartiers der Stadt zusammengetrieben und Massenerschießungen durchgeführt. Von den Überlebenden wurden anschließend mehr als fünftausend Menschen in Güterwaggons verladen. Die Züge fuhren tagelang ziellos herum, bis die meisten gestorben waren. Die Leichname wurden entlang der Strecke in Massengräbern verscharrt.

          Insgesamt verloren bei diesen Verfolgungsaktionen mindestens 13.000 Menschen ihr Leben. Die restlichen jüdischen Einwohner der Stadt mussten fortan ihr Dasein im „offenen Getto“ fristen, wo sie unter Ausgangssperre standen und ständigen Repressionen ausgesetzt waren. Diejenigen, die diese Schrecken überlebten, hatten bislang keinen Anspruch auf eine Entschädigung von deutscher Seite. Und dies, obgleich die Historiker sich längst einig sind, dass die Initiative zu diesen Verbrechen zwar von rumänischer Seite – dem damaligen Staatschef Ion Antonescu – ausging, aber erst die Unterstützung der Deutschen ihre Ausführung ermöglichte.

           Der Staatsführer Rumäniens Marschall Ion Antonescu (links) 1943 zu Besuch in Berlin.
          Der Staatsführer Rumäniens Marschall Ion Antonescu (links) 1943 zu Besuch in Berlin. : Bild: Picture-Alliance

          Nach Schätzungen der JCC leben heute noch etwa tausend Juden, die das Pogrom von Iaşi überlebt haben. Wie Colette Avital, Vorsitzende des Dachverbands der Holocaustüberlebenden in Israel, die an den jüngsten Verhandlungen der JCC mit dem Bundesfinanzministerium (BMF) beteiligt war, dieser Zeitung sagte, gingen der Entscheidung Anfang Juli sieben Jahre mühsamer Verhandlungen voraus. Eine Einigung sei auch deshalb schwierig gewesen, weil in der Stadt ein Getto im juristischen Sinn nicht existiert habe – der Aufenthalt in einem solchen ist eine Voraussetzung für Entschädigungszahlungen. Dass das BMF schließlich doch einlenkte, erklärt sich Colette Avital mit dem Umstand, dass eine einvernehmliche Lösung in ein umfassendes Abkommen eingebettet werden konnte. Eine Rolle habe dabei auch gespielt, dass die JCC sich bereit erklärt habe, den Fall Iaşi damit für abgeschlossen zu erklären.

          In Israel und vor allem in Rumänien hat die Nachricht, die hierzulande kaum wahrgenommen wurde, für Aufsehen gesorgt. In Rumänien kommt sie zu einer Zeit, in der sich im Umgang der rumänischen Regierung und Öffentlichkeit mit der Geschichte des Holocaust eine Wende vollzieht. Das kommunistische Rumänien hatte jegliche Verantwortung für eine rumänische Beteiligung an der Judenvernichtung geleugnet. Als auch die postkommunistische Regierung an diesem Kurs festhielt und sich Präsident Ion Iliescu noch 2003 in diesem Sinne äußerte, hagelte es Proteste aus dem Ausland. Sie führten schließlich zur Einberufung einer internationalen, von dem rumänischstämmigen Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel geleiteten Forscher-Kommission, die ein Jahr später ihren Bericht zur Geschichte der Judenvernichtung in Rumänien vorlegte. Darin wurde die Verantwortung des zeitweilig mit NS-Deutschland paktierenden rumänischen Antonescu-Regimes für die Ermordung von rumänischen Juden und Roma nachwiesen – eine Schuld, zu der sich dann die rumänische Regierung auch offiziell bekannte. Im Jahr 2005 folgte in Bukarest die Gründung des „Nationalen Elie-Wiesel-Instituts zur Erforschung des Holocaust in Rumänien“. Zudem wurden Schoa-Überlebenden vom rumänischen Staat Entschädigungen zugesprochen.

          Warnung vor einer neofaschistischen „Ablenkungskampagne“

          Im Hinblick auf das Massaker von Iaşi sind in der rumänischen Öffentlichkeit divergierende Tendenzen zu beobachten. Einerseits suchen die Stadtväter von Iaşi seit einigen Jahren das Gespräch mit der jüdischen Seite, auch mit Vertretern des israelischen Staates. So kam die Idee auf, im Gebäude des einstigen Polizeiquartiers ein Museum zum Gedenken an die jüdischen Opfer von Iaşi einzurichten. Dies ist, wie Bürgermeister Mihai Chirica im Vorfeld des Jahrestags des Pogroms erklärte, nur eines von mehreren Gedenk- und Denkmalschutzprojekten in Iaşi, die dem jüdischen Erbe der Stadt gewidmet sind. Auch sollen mehrere jüdische Friedhöfe unter Denkmalschutz gestellt werden.

          Mit ähnlichen lokalen Initiativen, wie in der hundert Kilometer südwestlich von Iaşi gelegenen Stadt Bacau, geht auf nationaler Ebene das Bestreben einher, in Bukarest ein zentrales Museum für die Geschichte der rumänischen Juden zu errichten, das sich auch mit dem Holocaust befassen soll. Im Frühjahr führten der rumänischstämmige Holocaust-Forscher Radu Ioanid und der US-Botschafter in Rumänien, Hans Klemm, erste Sondierungsgespräche mit der rumänischen Regierung.

          Doch solche Initiativen werden von militanten nationalistischen Kreisen im Land mit Argusaugen verfolgt. Ioanid wie auch der Leiter des Bukarester Wiesel-Instituts, Alexandru Florian, sind immer wieder Attacken der rechtsgerichteten Presse ausgesetzt, die nach wie vor die Verantwortung des Antonescu-Regimes für die Judenverfolgung leugnet oder herunterspielt. Dazu gehört auch die Tageszeitung „Cotidianul“, die die nun beschlossene Entschädigung für die Schoa-Opfer von Iaşi auf ihre Art kommentiert hat: Man begrüßt sie als überfälliges Schuldeingeständnis der deutschen Seite und sieht sich in der Meinung bestätigt, dass die Deutschen die Hauptverantwortlichen für das Verbrechen von Iaşi gewesen seien – was aber historisch falsch ist. Aus der Mottenkiste der rechten rumänischen Publizistik, die Antonescu als Nationalheld glorifiziert und zu rehabilitieren sucht, holt das Bukarester Blatt nun Altbekanntes: Antonescus Behauptung in einem Verhör 1946 – er wurde damals von einem rumänischen Gericht zum Tode verurteilt –, allein die Deutschen und rumänische Faschisten seien für die Ereignisse von Iaşi verantwortlich gewesen.

          Angesichts solcher revisionistischer Vorstöße schlägt jetzt Radu Ioanid, heute Leiter des internationalen Archivierungsprogramms am Washingtoner Holocaust-Gedenkmuseum der Vereinigten Staaten, Alarm. Der Historiker warnt vor einer neofaschistischen „Ablenkungskampagne“, die darauf ziele, Rumänien – entgegen der Haltung der Regierung und der politischen Elite – von seiner Verantwortung für die Judenvernichtung freizusprechen. Beteiligt daran seien, schreibt Ioanid in einem Beitrag für das rumänische Portal „HotNews“, rechtsnationale Agitatoren allerlei Couleur, die erst neuerdings zueinander gefunden hätten: von Anhängern der einstigen faschistischen „Eisernen Garde“ über Angehörige der ehemaligen kommunistischen Nomenklatura, Securitate und Presse bis hin zu Ceauçescu-Verehrern, orthodoxen Fundamentalisten, Adepten des russischen Neofaschisten Alexander Dugin und extrem antiungarischen Intellektuellen, die bei ihren europafeindlichen Parolen sich auch schon mall von Ungarns Präsident Viktor Orbán inspirieren ließen.

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