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Holocaust-Gedenken : Mit Zeitungen zur Identität

  • -Aktualisiert am

Jüdische Zeitungen in einem Lager für displaced persons Bild: Yad Vashem

In den Lagern für „displaced persons“ blühte nach dem Zweiten Weltkrieg eine erstaunliche Zeitungskultur. Sie legte den Grundstein für spätere Holocaust-Studien.

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          Die Leidensgeschichte vieler Holocaustüberlebender war mit dem Kriegsende nicht vorüber. In Deutschland, Österreich und Italien warteten bis in die frühen fünfziger Jahre hinein um die 250.000 Jüdinnen und Juden in Lagern für DPs (Displaced Persons) darauf, den Kontinent verlassen zu dürfen: Wie es der Rabbi und Jurist Serach Wahrhaftig ausdrückte, waren sie „dem Tod entkommen“, doch noch nicht „für das Leben befreit“. Dennoch formten sie eine einzigartige extraterritoriale Gemeinschaft, die in jedem Wortsinne fruchtbar war: Sie gründeten kulturelle Einrichtungen, bekamen Kinder (ihre Geburtenrate zählte zu den höchsten Europas) und publizierten Zeitungen.

          Jüdische Displaced Persons bezeichneten ihre Zwangslage oft mit dem biblischen Ausdruck bamidbar, Hebräisch für „in der Wüste“. Das gleichlautende vierte Buch der Tora, das vom Exodus der Israeliten aus der Unterdrückung und ihrer gefahrvollen Wanderschaft durch die Wüste Sinai erzählt, spiegelte das eigene Schwellendasein der Überlebenden, ihre Reise in die ersehnte Heimat fern von Europa, die sie erst nach Jahren erreichen würden.

          Die Zeitung als Sprachrohr des Lagers

          „Bamidbar“ hieß auch die Zeitung des DP-Lagers Föhrenwald, eine von über siebzig in DP-Lagern publizierten jüdischen Zeitungen. Solche Zeitungen kamen quasi unmittelbar nach der Befreiung auf, lange bevor die materiellen Grundbedürfnisse der Überlebenden gedeckt waren. Die erste davon, die „Landsberger Lager-Cajtung“ („LLC“, später in „Jidisze Cajtung“ umbenannt), wurde 1945 von dem litauischen Juden Rudolf Valsonok gegründet und entwickelte sich bald von einem vierseitigen Rundschreiben zu einer einflussreichen sechzehnseitigen Zeitung, die sich wöchentlich 20 000-fach verkaufte.

          Zeitungsverkauf in einem Lager für displaced persons
          Zeitungsverkauf in einem Lager für displaced persons : Bild: Yad Vashem

          Papier war Mangelware, hebräische Schrifttypen und Schreibmaschinen waren meist nicht vorhanden (die „LLC“ und andere Zeitungen mussten für das Jiddische die lateinische Schrift verwenden), dennoch bemühte sich jedes Lager um ein eigenes Sprachrohr: „Unzer Weg“, „Dos Fraye Wort“, „Aheim“, „Unzer Shtimme“ wurden alle 1945 oder 1946 gegründet, viele weitere folgten. Frühe Ausgaben wurden oft von Hand geschrieben, abfotografiert und dann gedruckt, andere wurden mit der Maschine getippt und vervielfältigt, bevor jiddische Matrizen für Linotype-Setzmaschinen verfügbar wurden.

          Eine neue Form des Gedenkens

          Der Inhalt zeigt eine einzigartige Gemeinschaft, geprägt von einem außergewöhnlichen Trauma, das zu diesem Zeitpunkt weder von den Überlebenden selbst noch von der Welt als solches anerkannt wurde. Diese Gemeinschaft setzte sich mit der jüngsten Vergangenheit auseinander und schuf eine nationale Identität für einen Staat, der noch nicht geboren war.

          DPs gestalteten eine neue Form des Gedenkens – sogenannte Trauerakademien (troyer akademyen) –, um die Geschichten ihrer Vorkriegsheimaten und deren Zerstörung zu dokumentieren. Die Zeitungen verfolgten die Arbeit von Kommissionen, die Tausende Zeugenaussagen und Dokumente sammelten und damit den Grundstein für das Fachgebiet der Holocaust-Studien legten, lange bevor sich Historiker dafür interessierten.

          Mittel gegen Opferstatus und Abhängigkeit

          Die Schlagzeilen berichteten von flammenden Demonstrationen und Hungerstreiks, bei denen die Einreise nach Palästina gefordert oder antisemitische Handlungen der Besatzungsbehörden angeprangert wurden.

          Die Zeitungen sind auch Zeugnis heftiger politischer Auseinandersetzungen (bei denen der Zionismus einen klaren Sieg davonträgt), eines nicht weniger gespaltenen religiösen Lebens sowie einer Flut von kreativen Beiträgen, Gedichten und Memoiren. Neben endlosen Suchanzeigen für vermisste Angehörige finden sich darin auch Berichte über die Arbeit der DP-„Ehrengerichte“, die Kollaborateure und Informanten aus der Kriegszeit entlarvten.

          Diese vielfältigen Aktivitäten halfen den jüdischen DPs, die erzwungene Untätigkeit und die demütigende Abhängigkeit von den alliierten Behörden zu überwinden und die Rolle des passiven, auf Wohltätigkeit angewiesenen Opfers abzulegen, um zum handlungsfähigen und einfallsreichen Menschen und schließlich Akteur der Retribution, Gerechtigkeitsfindung und Gedenkarbeit zu werden. Nach Schließung der DP-Lager wurden die meisten Zeitungen eingestellt, und ihre Mitwirkenden machten sich auf zu neuen Ufern, wo der Empfang oft weniger herzlich ausfiel als erwartet. Das aber ist eine ganz andere Geschichte.

          Ksenia Krimer studierte Judaic Studies an der University of Michigan und promovierte in Geschichte an der Central European University in Budapest. Sie war beteiligt an Forschungsprojekten von Yad Vashem in Jerusalem und vom Holocaust-Museum in Washington, D.C.

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