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Holocaust-Debatte : Rollentausch in der Opferpyramide

Bilder von Holocaust-Opfern in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem Bild: AFP

Die Attacke des australischen Historikers Dirk Moses auf das Holocaust-Gedenken folgt einem eingespielten postkolonialen Muster. Das Ziel ist der maximale Opferstatus.

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          Am Angriff des australischen Historikers Dirk Moses auf die gegenwärtige Form des Holocaust-Gedenkens war vor allem die Wucht überraschend. Das Motiv war der Attacke dagegen leicht abzulesen: Es geht Moses um die Freiheit, den Staat Israel nach Belieben in seinem Existenzrecht anzweifeln zu dürfen. Weder versucht er ernsthaft, seine Behauptung zu belegen, der Holocaust stehe in der Tradition des westlichen Kolonialismus, sei also „nur“ ein abgeleiteter Genozid, noch überzeugt seine Verniedlichung des Nationalsozialismus zum kompensatorischen Sicherheitsunternehmen. Moses’ Pamphlet, das in irritierend versachlichender Weise von der „Wiederaufforstung“ der Juden in Deutschland spricht, ist gekennzeichnet von jener selektiven Wahrnehmung von Fakten nach den eigenen weltanschaulichen Zielen, die für die postkoloniale Bewegung typisch ist.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Bei der Kritik an Israel wagt sich Moses nicht selbst aus der Deckung. Vielmehr versucht er, die antiisraelische Boykottbewegung BDS in Deutschland wieder salonfähig zu machen, die besonders in Akademikerkreisen als Sprachrohr der Israel-Kritik benutzt wird. Er nimmt dabei in Kauf, dass die Vollendung der BDS-Ziele zur faktischen Vernichtung der Juden in Israel führen würde, dass die Bewegung zahlreiche Verbindungen zum Terrorismus pflegt und mit den Mitteln der Nötigung und Erpressung auftritt. Moses’ Forderung beschränkt sich auch nicht darauf, den Holocaust vom Sockel der Einzigartigkeit zu holen und ihn — wogegen nichts spricht, solang die Unterschiede gewahrt bleiben — mit anderen kolonialen Verbrechen zu vergleichen. Rassismus und Antisemitismus sollen auch über den Genozid-Vergleich hinaus als Einheit verstanden werden. Dass dieser Vergleich auf die Einebnung von Unterschieden zielt, ist schon deshalb zu erwarten, weil Antisemitismus nicht im Rassismus aufgeht. Juden werden nicht nur dafür gehasst, dass man sie für unterlegen, sondern häufig für überlegen hält.

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