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Hohenzollern-Debatte : Das Gewissen eines Gutachters

  • -Aktualisiert am

2. März 1933: Reichspräsident von Hindenburg schreitet am „Tag von Potsdam“ eine Front von Reichswehr- und SA-Einheiten ab. Bild: Picture-Alliance

Mit welchem Ereignis die deutschen Mittelschichten für das neue Regime gewonnen wurden – und was es heißt, zum Gutachter zu werden: Ein Gastbeitrag zur Debatte um die Hohenzollern und den Nationalsozialismus.

          11 Min.

          Vor gut zwanzig Jahren wirkte ich als Gutachter in einem Verleumdungsprozess, den der Schriftsteller David Irving gegen die amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt und deren Verlag, Penguin Books, wegen Lipstadts Buch „Denying the Holocaust: The Growing Assault on Truth and Memory“ angestrengt hatte. Darin bezeichnete sie Irving als Holocaustleugner und Geschichtsfälscher. Einige weitere Historiker traten als Gutachter auf, darunter Christopher Browning, Peter Longerich und Robert Jan Van Pelt. Meine Aufgabe war es, Irvings Bücher, aufgezeichnete Reden und Schriften (einschließlich seiner Tagebücher) zu prüfen und ein Gutachten für das Gericht zu erstellen, das über die Wahrheit oder Unwahrheit der von Lipstadt aufgestellten Behauptungen zu entscheiden hatte.

          Wir alle wurden von der Verteidigung engagiert und nach den üblichen, vom Gericht festgesetzten Honoraren bezahlt. Allerdings honorierte man uns nach Stunden und nicht nach den Ergebnissen, so dass die Verteidigung keinen Rückzieher machen und uns das Honorar verwehren konnte, wenn unsere Gutachten ihre Thesen nicht stützten. In diesem Fall konnte die Verteidigung außerdem davon absehen, uns in den Zeugenstand zu rufen und persönlich vor Gericht aussagen zu lassen, mit der Folge, dass unser Gutachten vom Gericht ignoriert werden musste.

          Nach anderthalb Jahren Arbeit unter Mithilfe zweier Forschungsassistenten legte ich ein 740-seitiges Gutachten vor, das dem Gericht ein halbes Jahr vor dem geplanten Prozessbeginn zugestellt wurde. Der Prozess erregte weltweite Aufmerksamkeit und diente erst kürzlich als Vorlage für einen Hollywoodfilm, „Denial“ („Verleugnung“, 2016), mit Timothy Spall, Rachel Weisz und Tom Wilkinson in den Hauptrollen. Der Film ist gut gemacht und weitgehend getreu dem Geist und größtenteils sogar dem Buchstaben des Geschehens (so wurden zum Beispiel alle Gerichtsszenen direkt und unverändert aus den Gerichtsprotokollen übernommen).

          Keine Vorstellung davon, was wir finden würden

          In einem Punkt vermittelt der Film jedoch einen irreführenden Eindruck. In einer frühen Szene zeigt er mich (also den Schauspieler, der mich spielt) und meine Assistenten während eines Meetings, in dem wir erklären, wir hätten die Absicht, Irvings Lügen und Verzerrungen schonungslos zu entlarven. „Wir machen ihn fertig“, sagt einer der Assistenten. Das ist falsch. In Wirklichkeit hatten wir keine Vorstellung davon, was wir finden würden. Keiner von uns hatte bislang ein Buch von Irving gelesen oder ihn reden hören – als Autor populärer Geschichtswerke schrieb er Bücher, die für unsere Lehrtätigkeit ohne jeden Nutzen waren, so dass wir sie nicht beachtet hatten.

          Wie sich zeigte, entdeckten wir eine große Zahl von Verzerrungen und Manipulationen des Quellenmaterials, das Irving in sein Werk einführte, um seiner Leugnung des Holocausts, der Gaskammern, des Massenmords an sechs Millionen Juden und der Verantwortung Hitlers für diese Verbrechen Glaubwürdigkeit zu verleihen. So verlor denn Irving den Prozess und wurde zur Zahlung der Kosten (mehr als zwei Millionen Pfund) verurteilt, woraufhin er Privatinsolvenz anmeldete, da er die Summe nicht aufbringen konnte.

          Göring galt den Aristokraten als „hoffähig“

          Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen war ich, gelinde gesagt, sehr erstaunt, als ich von der Rolle einiger Historiker in der Kampagne der Hohenzollern-Familie um die Rückgabe der in der Sowjetischen Besatzungszone von der sowjetischen Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmten Vermögenswerte erfuhr. Nach der Rechtslage, so weit ich sie verstehe, sind solche Restitutionsansprüche berechtigt, sofern nicht die früheren Eigentümer „dem nationalsozialistischen oder dem kommunistischen System erheblichen Vorschub geleistet“ haben. Auf den ersten Blick scheint die Frage recht klar zu sein. Der Ausdruck „erheblichen Vorschub geleistet“ ist jedoch vage und kann unterschiedlich interpretiert werden. Zu einem Urteil zu gelangen war daher nicht so leicht wie im Irving-Prozess. Schon deshalb bewegte der Fall sich eher in der Sphäre historischer Urteile als im Bereich harter Tatsachen.

          Offensichtlich musste man die Meinung professioneller Historiker einholen. Die Hohenzollern gaben bei Christopher Clark, Regius-Professor für Geschichte an der Cambridge University, ein Gutachten in Auftrag. Aufgrund dieses Gutachtens sprach das brandenburgische Landesamt für offene Vermögensfragen den Hohenzollern einen Anspruch auf Ausgleichszahlungen für verlorene Besitztümer zu.

          Wie schon in seiner Biographie Kaiser Wilhelms II. machte Clark deutlich, dass der vormalige Kaiser, der nach seiner Abdankung 1918 im niederländischen Doorn lebte, darauf bedacht war, seinen Thron wiederzuerlangen. Als die Nationalsozialisten ab Ende der 1920er Jahre rasch an Wählerstimmen gewannen, begann er seine Hoffnungen auf Hitler als Instrument einer Hohenzollern-Restauration zu setzen. Er billigte das Verhalten seines jüngsten Sohns August Wilhelm („Auwi“), als der 1928 in die SA eintrat, und auch das seiner zweiten Frau Hermine, als sie im folgenden Jahr den Nürnberger Parteitag der NSDAP besuchte. Die Nationalsozialisten, die nach Unterstützung aus monarchistischen Kreisen lechzten, gingen darauf ein. Hermann Göring, der in aristokratischen Kreisen als „hoffähig“ galt, fuhr im Januar 1931 und nochmals im Sommer 1932 nach Doorn und traf dort mit dem Ex-Kaiser zusammen. Der Ex-Kaiser, schreibt Clark, habe sich jedoch niemals wirklich für die Nationalsozialisten erwärmt. Wilhelm II. habe sich für die Nationalsozialisten nur als Mittel zu seiner Wiedereinsetzung interessiert. Und da er außerhalb Deutschlands lebte, sei er gar nicht in der Lage gewesen, eine aktive Rolle in der deutschen Politik zu spielen. Deshalb wendet Clark seine Aufmerksamkeit dem ältesten Sohn Wilhelms zu, der sich selbst zum Kronprinzen ernannt hatte.

          Die Phantasiewelt der Hohenzollern

          Wie Clark in seinem Gutachten anmerkt, erklärte der Kronprinz öffentlich, er werde im zweiten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl im April 1932 für Hitler stimmen (nachdem er von seinem ursprünglichen Vorhaben abgelassen hatte, selbst für dieses Amt zu kandidieren); er schrieb an Reichswehrminister Wilhelm Groener und setzte sich bei ihm für die Aufhebung des von Reichskanzler Brüning verhängten Verbots der SA ein; und in einem Brief an Hitler brachte er im September 1932 seine Hoffnung zum Ausdruck, dass Hitler in einem Koalitionskabinett an die Macht komme. Im November 1933 unterstützte er öffentlich den Volksentscheid über den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund.

          All das belegte in Clarks Augen die rechtsextremen Ansichten des Kronprinzen und seine Überzeugung, die Nationalsozialisten für die eigenen reaktionären politischen Ziele einspannen zu können. Bei Treffen in den Jahren 1926 und 1932 hatte Hitler den Kronprinzen in dem Glauben bestärkt, wenn er an die Macht komme, werde er die Hohenzollern in der einen oder anderen Weise wiedereinsetzen, zum Beispiel, indem er den Kronprinzen zum Reichsverweser ernannte. Doch das war ebenso gelogen wie seine Versicherungen gegenüber dem Vater des Kronprinzen. Auch hier lebten die Hohenzollern in einer Phantasiewelt.

          Nach dem Verbot der monarchistischen Organisationen und Hindenburgs Tod 1934, als Hitler sich selbst zum Staatsoberhaupt erklärte, mussten der Kronprinz und sein Vater erkennen, dass die Nationalsozialisten keineswegs die Absicht hatten, den Hohenzollern den Rückweg auf den Thron zu erleichtern. Sowohl der Ex-Kaiser als auch sein Sohn erklärten gelegentlich ihre Unterstützung für Hitlers spätere Politik, etwa für den Einmarsch in Prag im März 1939, während sie in anderen Fällen wie der „Reichskristallnacht“ im November 1938 ihre Billigung versagten. Die Frage reduziert sich daher auf das Verhalten der Hohenzollern während des Aufstiegs und Sieges der Nazibewegung zwischen 1929 und 1934.

          Motivation für Monarchisten

          Damals prahlte der Kronprinz, seine Unterstützung habe Hitler bei den Reichs-Präsidentenwahlen zwei Millionen Stimmen eingebracht. Es sei nahezu unmöglich, so Clark, diese bombastische Behauptung zu überprüfen, aber mit überwältigender Wahrscheinlichkeit sei sie ebenso unrealistisch wie all die anderen Aussagen des Kronprinzen zu seiner politischen Bedeutung. Was die auf höchster Ebene gesponnenen politischen Intrigen angeht, die Hitler am 30. Januar 1933 ins Amt des Reichskanzlers brachten, gebe es keinerlei Belege dafür, dass der Kronprinz oder ein anderes Mitglied der Hohenzollernfamilie eine nennenswerte Rolle gespielt hätten.

          Der Finanzminister des Landes Brandenburg gab 2014 zwei weiteren Historikern den Auftrag, ihre Ansichten zu den Ansprüchen der Hohenzollern darzulegen. Der erste, Peter Brandt, ist vor allem bekannt für sein Buch über die Sozialgeschichte des alten Preußen, das 1981 im Rahmen der gefeierten Preußen-Ausstellung publiziert wurde. Der zweite, Stephan Malinowski, veröffentlichte in jüngerer Zeit eine großangelegte Studie über den deutschen Adel in der Zwischenkriegszeit, „Vom Kaiser zum Führer“, die als Standardwerk auf diesem Gebiet gilt.

          Beide bestätigten Clarks These, wonach vor allem der Kronprinz gehofft hatte, die Nationalsozialisten als Mittel für seine eigene Rückkehr an die Macht nutzen zu können. Sie fügten hinzu, dass dessen Bewunderung für Mussolini nicht zuletzt aus seiner Überzeugung resultierte, die Zusammenarbeit zwischen einem Monarchen und einem faschistischen Führer in Italien könne als Vorbild für eine zukünftige Diktatur in Deutschland dienen. Außerdem habe der Kronprinz keinen Hehl aus seiner Unterstützung für den Einsatz von Gewalt gegen Kommunisten und Sozialisten und für die Entfernung der Juden aus einflussreichen Positionen gemacht. Seine öffentliche Unterstützung für die Nazis und deren Politik in den Jahren 1932 und 1933 habe in erheblichem Maße dazu beigetragen, zahlreiche Monarchisten zu veranlassen, für Hitler und seine Bewegung zu stimmen.

          Die Symbolik des Tags von Potsdam

          Da es damals noch keine Meinungsumfragen gab, wissen wir nicht, wie viele deutsche Wähler sich von der unzweifelhaften Unterstützung der Hohenzollern für Hitler von 1930 bis zu den letzten halbwegs freien Wahlen am 5. März 1933 tatsächlich bewegen ließen, von den konservativen Parteien (vor allem der Deutschnationalen Volkspartei) zu den Nationalsozialisten zu wechseln. Ohne Zweifel verloren die Deutschnationalen Millionen Wähler an die Nazis, ebenso wie die übrigen Mittelstandsparteien. Es gibt jedoch viele Gründe, weshalb diese Wähler sich den Nationalsozialisten zuwandten, auch wenn die öffentliche Unterstützung Hitlers durch den Kronprinzen einer davon war.

          Weitaus bedeutsamer war meines Erachtens ein Ereignis, das nach den letzten Wahlen der Weimarer Republik stattfand, nämlich die feierliche Eröffnung des Reichstags am „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933. Dabei spielten die Hohenzollern unbestreitbar eine wichtige Rolle: durch die Teilnahme des Kronprinzen sowie von dreien seiner Brüder, durch die Person Hindenburgs und sogar durch die Abwesenheit des Monarchen, symbolisiert in dem leeren Thron, vor dem Hitler stand und dem greisen Feldmarschall seine Aufwartung machte.

          Viele konservative Deutsche in den alten Oberschichten, in der Geschäftswelt, in der Beamtenschaft, in den freien Berufen, in den Streitkräften, in den grundbesitzenden Klassen und in den Kirchen waren besorgt über die Gewalt der SA und die als „sozialistisch“ empfundene Rhetorik Joseph Goebbels. Es lässt sich kaum bezweifeln, dass der „Tag von Potsdam“ in hohem Maße zu ihrer Beruhigung beitrug. Schließlich stützte die Reichsregierung sich immer noch auf eine Koalition, die zahlenmäßig von Konservativen dominiert wurde. Dass die Unterstützung der Nazis durch die Hohenzollern auf einer Illusion basierte, nämlich der Vorstellung, Hitler werde deren Restauration erleichtern, taugt nicht als Argument. Auch die bekannte Unbeliebtheit des Kronprinzen in der Öffentlichkeit ist in diesem Kontext nicht sonderlich bedeutsam. Was zählte, war die Symbolik des Tags von Potsdam und die Beteiligung mehrerer Mitglieder der Hohenzollern-Familie an dieser Feier.

          Der erste große Propagandaerfolg

          Und sie waren keine bloßen Zuschauer, sondern beteiligten sich voll daran. Die Standarddarstellungen dieses Ereignisses verdeutlichen das und unterstreichen dessen gewaltige Bedeutung. Karl Dietrich Bracher verweist im ersten Band seiner Trilogie „Die nationalsozialistische Machtergreifung“, erstmals erschienen 1960, auf die Tatsache, dass der Reichspräsident den Kronprinzen begrüßte, der „demonstrativ“ hinter dem leeren Thron saß, unter den Blicken dicht gedrängter Offiziere des alten kaiserlichen Heeres, und das in der Potsdamer Garnisonkirche, dem steinernen Symbol der kaiserlichen Tradition.

          Im Rundfunk landesweit übertragen, von der „national-bürgerlichen Publizistik“ gefeiert und auch im Ausland weithin zur Kenntnis genommen, markierte die Zeremonie die Symbiose nationaler Tradition und nationalsozialistischer Revolution. Vor allem vermittelte die Zeremonie, so Bracher, den (völlig falschen) Eindruck, die wildere Seite des Nationalsozialismus wäre von den Nationalkonservativen, die Hindenburg repräsentierte, gezähmt worden. „Groß war die Zahl derer, die von daher ihr Mitläufertum begründeten; auch das Phänomen der ,Märzgefallenen‘ ist damit aufs engste verknüpft.“ Neuere Darstellungen schließen sich dieser Einschätzung an. Peter Longerichs Hitler-Biographie von 2015 beschreibt die Zeremonie als den „ersten großen Propagandaerfolg der Nationalsozialisten“, bei dem es ihnen gelang, „die von vielen Deutschen hochgehaltenen Traditionen Preußens für sich zu vereinnahmen“. Das Ereignis trug mehr als irgendetwas sonst dazu bei, die deutschen Mittelschichten für das neue Regime zu gewinnen, und der Kronprinz spielte mit seinen Brüdern neben den Symbolen der Hohenzollern-Kaiser und der preußischen Tradition dabei eine äußerst bedeutsame Rolle.

          Erhebliche Beweisprobleme

          Daher kommt man kaum um den Schluss herum, dass der Kronprinz und allgemein die Hohenzollern, die lebenden wie die toten, durch die öffentliche Unterstützung für Hitler und die Stärkung des Verhältnisses zwischen dem „Führer“ und Hindenburg die Errichtung der Hitlerdiktatur in erheblichem Maße förderten.

          Das vierte und letzte Gutachten in diesem Streit gab die Hohenzollern-Familie bei Wolfram Pyta in Auftrag, Autor einer großen Hindenburg-Biographie. Dieses Gutachten geht auf die beiden zentralen Fragen ein, nämlich den Einfluss der Befürwortung Hitlers durch den Kronprinzen auf die Wahlen und die Rolle, die er bei den Intrigen spielte, welche zu Hitlers Ernennung zum Reichskanzler führten. Wie Ulrich Herbert bereits dargelegt hat, beruht Pytas These, wonach der Kronprinz alles tat, um Hitlers Ernennung zum Reichkanzler zu verhindern (letztlich mit dem Ziel, die Hohenzollern wieder an die Macht zu bringen), lediglich auf Annahmen und Vermutungen und stößt in einer Reihe von Punkten auf erhebliche Beweisprobleme.

          Rückzug auf Annahmen und Vermutungen

          So stützt Pyta seine These mit dem Hinweis auf den Versuch des Kronprinzen Wilhelm, bei den Wahlen 1932 selbst für das Amt des Reichspräsidenten zu kandidieren. Dieses Argument ist jedoch alles andere als überzeugend, denn Wilhelm machte klar, dass er im Fall seiner Wahl Hitler (nach italienischem Vorbild) zum Reichskanzler bestimmen würde. Und als sein Versuch zu einer eigenen Kandidatur scheiterte, unterstützte er Hitler und nicht dessen Opponenten Hindenburg – ein keineswegs unwesentlicher Punkt, denn auch gemäßigtere Konservative zögerten nicht, den greisen Feldmarschall zu unterstützen. Pytas These, wonach der Kronprinz mit seiner Unterstützung Hitlers eigentlich dessen Wahl verhindern wollte, da seine eigene Unbeliebtheit Wähler abschrecken musste, entbehrt jeglicher Grundlage in den Fakten.

          Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass die Motive, die den Kronprinzen zu dem Versuch veranlassten, Groener zu einer Aufhebung des SA-Verbots zu bewegen, eigentlich gegen die Nazis gerichtet waren. Pyta behauptet, die SA wieder auf die Straße zu bringen, wäre so kostspielig gewesen, dass es die Nazipartei in den Bankrott getrieben hätte. Das ist alles andere als überzeugend, und zwar schon deshalb, weil es keinerlei schädliche Auswirkungen auf die Finanzen der Partei hatte, als die SA tatsächlich wieder erlaubt wurde (eher im Gegenteil, denn die SA-Mitglieder mussten Beiträge und andere Abgaben an die NSDAP zahlen). Was Wilhelms Unterstützung für General Schleichers Versuch angeht, Hitler zu umgehen und die Nationalsozialisten ohne ihn in die Regierung zu holen, bleibt gleichfalls nur der Rückzug auf Annahmen und Vermutungen, so weit es darum geht, dem Kronprinzen dabei eine zentrale Rolle zuzuschreiben.

          Vor der Annahme eines Auftrags als Gutachter

          Der Fall wirft, so wurde mehrfach behauptet, ein etwas ungünstiges Licht auf das Verhalten der mit den Gutachten betrauten Historiker. Für einen Historiker ist sicherlich nichts falsch daran, als Gutachter tätig zu werden oder sich für seine Dienste bezahlen zu lassen. Man sollte allerdings vorsichtig sein und sorgfältig nachdenken, bevor man aktiv wird. In den Jahren nach dem Irving-Prozess wurde ich gebeten, in drei anderen Verfahren als Gutachter aufzutreten, in denen der Vorwurf des Nazismus eine Rolle spielte. Eine Strafanzeige wurde schließlich zurückgezogen, und ein zivilrechtliches Verfahren wurde ohne meine Teilnahme gewonnen, weil die Argumentation der beklagten Seite schon am ersten Prozesstag wegen des Nichterscheinens eines Schlüsselzeugen zusammenbrach.

          Im dritten Fall ging es um ein Strafverfahren nach dem britischen Prevention of Terrorism Act, in dem die Verteidigung mich bat, die von der Polizei vorgelegten Beweise gegen den Angeklagten daraufhin zu prüfen, ob sie ihre Argumentation stützten, wonach ihr Mandant kein gewalttätiger Islamfeind war, sondern ein harmloser Sammler von Nazi-Memorabilien. Er sammelte in der Tat Nazi-Uniformen, Nazi-Abzeichen und dergleichen, doch als ich mir die Beweise für seine Versuche anschaute, Ausrüstung für den Bau von Bomben zu beschaffen, musste ich den Verteidigern sagen, dass ich ihren Auftrag nicht annehmen konnte: Die Beweise gegen ihren Mandanten waren einfach zu überwältigend.

          Wenn man gebeten wird, als Gutachter aufzutreten, muss man sich den Fall sehr genau anschauen, bevor man solch einen Auftrag annimmt. Und wenn man ihn annimmt, sollte man sich hüten, Dinge zu behaupten, die man nicht belegen kann. Trotz all seiner Absurditäten und Unzulänglichkeiten bietet einem das englische Rechtssystem diese Möglichkeit.

          Richard J. Evans ist der führende britische Historiker zur Geschichte des Dritten Reiches und des Deutschen Kaiserreichs.
          Aus dem Englischen übersetzt von Michael Bischoff.

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