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Hohenzollern-Debatte : Das Gewissen eines Gutachters

  • -Aktualisiert am

2. März 1933: Reichspräsident von Hindenburg schreitet am „Tag von Potsdam“ eine Front von Reichswehr- und SA-Einheiten ab. Bild: Picture-Alliance

Mit welchem Ereignis die deutschen Mittelschichten für das neue Regime gewonnen wurden – und was es heißt, zum Gutachter zu werden: Ein Gastbeitrag zur Debatte um die Hohenzollern und den Nationalsozialismus.

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          Vor gut zwanzig Jahren wirkte ich als Gutachter in einem Verleumdungsprozess, den der Schriftsteller David Irving gegen die amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt und deren Verlag, Penguin Books, wegen Lipstadts Buch „Denying the Holocaust: The Growing Assault on Truth and Memory“ angestrengt hatte. Darin bezeichnete sie Irving als Holocaustleugner und Geschichtsfälscher. Einige weitere Historiker traten als Gutachter auf, darunter Christopher Browning, Peter Longerich und Robert Jan Van Pelt. Meine Aufgabe war es, Irvings Bücher, aufgezeichnete Reden und Schriften (einschließlich seiner Tagebücher) zu prüfen und ein Gutachten für das Gericht zu erstellen, das über die Wahrheit oder Unwahrheit der von Lipstadt aufgestellten Behauptungen zu entscheiden hatte.

          Wir alle wurden von der Verteidigung engagiert und nach den üblichen, vom Gericht festgesetzten Honoraren bezahlt. Allerdings honorierte man uns nach Stunden und nicht nach den Ergebnissen, so dass die Verteidigung keinen Rückzieher machen und uns das Honorar verwehren konnte, wenn unsere Gutachten ihre Thesen nicht stützten. In diesem Fall konnte die Verteidigung außerdem davon absehen, uns in den Zeugenstand zu rufen und persönlich vor Gericht aussagen zu lassen, mit der Folge, dass unser Gutachten vom Gericht ignoriert werden musste.

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