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Zerschlagung von hr2 : Hörheimat mit offenen Grenzen

Lauter schöne Logos: hr2 in der Eigenankündigung. Bild: HR/F.A.Z.

Die Chefs des Hessischen Rundfunks wollen die Kulturwelle hr2 abwickeln. Geschieht dies, ist der öffentlich- rechtliche Rundfunk im Kern berührt.

          6 Min.

          Gehüllt in eine Schäfchenwolke verheißungsvoller Begriffe, bei denen es um hehre Ziele wie „die Zukunftsfähigkeit des Senders“ und „die jüngere Zielgruppe der Rundfunknutzer“ geht, treiben die Verantwortlichen im Hessischen Rundfunk eine Politik des Umschichtens und Abwickelns voran. Abgewickelt werden soll zum Frühjahr 2020 die lineare Ausstrahlung der Radiowelle hr2-Kultur, des öffentlich-rechtlichen Vollprogramms für das kulturelle Leben in Hessen – daheim und darüber hinaus. Die Idee ist fürchterlich.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die singuläre Institution besteht, zunächst unter dem Namen „Zweites Programm“, später als hr2, seit Herbst 1950. Beginnend mit dem legendären „Abendstudio“ des Romanciers und Redakteurs Alfred Andersch und den Radio-Essays von Theodor W. Adorno oder des jungen Jürgen Habermas, hat sie Rundfunk- wie Geistesgeschichte geschrieben, neben vielem anderen mit der Reihe „Literatur im Kreuzverhör“, die der Autor Peter Härtling bis kurz vor seinem Tod im Juli 2017 vier Jahrzehnte lang betreute. Geht es nach den Senderverantwortlichen, dem Intendanten Manfred Krupp und Hörfunkdirektor Heinz-Dieter Sommer, wird hr2-Kultur zum siebzigsten Geburtstag im nächsten Jahr selbst Geschichte sein.

          Sie wollen die Identität des Kulturradios, das von sechs Uhr am Morgen bis zur Mitternacht aus klassischer wie semiklassischer Musik (von ungefähr Monteverdi bis durchaus jenseits der Beatles) und aus einer Vielzahl von Magazin- wie Einzelbeiträgen des kulturellen Wortes besteht, zugunsten einer Klassikwelle aufgeben und Wortbeiträge auf Netzplattformen wie hessenschau.de und die ARD-Audiothek verschieben. Dass Sendeformate auf der Strecke bleiben, liegt auf der Hand, wird aber bestritten. In einer besonders anmutigen Schäfchenwolke verhieß Sommer in der „Frankfurter Rundschau“: „Wir planen nicht weniger Kulturberichterstattung aus Hessen, sondern mehr.“

          Die Repräsentanten des Publikums

          In der Sender-Rhetorik werden „die strategische Weichenstellung“ und „der Transformationsprozess“ unter dem Zauberwort „digital first“ als „gute, mutige Entscheidungen“ im Rahmen des „Entwicklungsauftrags“ gepriesen. Von Protesten wie der Online-Petition „Für den Erhalt von hr2-kultur“ mit inzwischen um die fünftausend Unterzeichnern oder von den Stellungnahmen renommierter Vertreter der hessischen Kunst-, Wissenschafts-, Theater-, Verlags- und Literaturszene zeigen sich die Verantwortlichen unbeeindruckt – vorläufig noch. Sie haben ihre „grundsätzliche Richtungsentscheidung“ getroffen. Ins Detail zu gehen, weigern sie sich: „Die Geschäftsleitung muss die großen Linien vorgeben“, sagte der Intendant in der Zeitung (19. Juli), „aber die Ausgestaltung ist Sache der Programmmacher.“ Bei einer Mitarbeiterversammlung im Frankfurter Funkhaus hieß es in der vergangenen Woche allerdings klipp und klar: „Es gibt keinen Plan B.“

          Womit ein Gremium ins Zentrum rückt, das meist im Stillen wirkt und nur vor und bei einer Neuwahl der Intendanz öffentliches Interesse weckt: der Rundfunkrat des hr. 32 Mitglieder politischer und gesellschaftlicher Gruppierungen gehören ihm an. Sie sollen nicht Partner der sie gerne umschmeichelnden Sendergewaltigen sein, sie sind – das ist ihre wichtigste Funktion – die Repräsentanten eines Publikums, das aus öffentlich-rechtlichen Gebührenzahlern besteht. Damit sind sie unsereins. Neben der Kontrolle und Genehmigung des Haushalts zählt zu ihren Rechten und Pflichten nicht zuletzt auch „die Beratung in grundsätzlichen Fragen der Programmgestaltung“. Was könnte man den Rundfunkräten in Sachen hr2-Kultur empfehlen, wenn sie sich bei ihrer Sitzung am Freitag damit befassen?

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