https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/hoerheimat-mit-offenen-grenzen-zur-zerschlagung-von-hr2-16344981.html

Zerschlagung von hr2 : Hörheimat mit offenen Grenzen

Ein feiner Beleg aus Madison/Wisconsin

Vordringlich wäre, die fehlgeleitete Reformwut der Geschäftsleitung zu stoppen, das Ganze zumindest zu verschieben – am besten für immer, wenigstens bis nach dem siebzigsten Geburtstag von hr2-Kultur am 15. Oktober 2020. Gewonnen wären damit Spielraum und Zeit, um die einfachste und plausible Lösung auch von den Kosten her in realistische Bahnen zu lenken. Die einfachste Lösung: Man lässt die lineare Kulturwelle im Radio so, wie sie ist, und baut die digitalen Wege im Internet aus. „Geht nicht“, sagt Herr Sommer in der „Rundschau“, „wir können nicht mehr wie früher etwas draufsatteln und lassen alles andere, wie es ist. Diese Zeiten sind vorbei.“ Und Herr Krupp sekundiert im F.A.Z.-Interview: „Wir können nichts on top machen, wir müssen umschichten.“

Warum eigentlich? Bereits jetzt ist hr2-Kultur in Hessen auf UKW, in Hessen und angrenzenden Gebieten teilweise im Kabel sowie europaweit über Satellit zu empfangen. Im Rhein-Main-Gebiet, in Kassel und partiell in Mittelhessen gibt es den Sender im Digitalradio DAB+ und seit gut zehn Jahren sogar weltweit – notabene: weltweit – als Live-Stream im Internet: In der Online-Petition findet sich dazu mit Datum vom 26. Juli ein feiner Beleg von Christoph Mans aus Madison/Wisconsin. Zudem lassen sich zeitunabhängig Einzelbeiträge und Hörreihen wie das allseits gerühmte Gesprächsformat „Doppelkopf“, das Ein-Stunden-Magazin „Der Tag“ oder die „Kultur-Presseschau“ längst als Podcast auf hr2.de nachhören.

Ein Rückschritt

Gewiss, es gibt noch vielerlei Anlass, technisch wie inhaltlich „draufzusatteln“, und ja, das kostet Geld, Gebührengeld, das sich beim finanziell ohnehin klammen Hessischen Rundfunk – 2018 wies der Sender bei 511 Millionen Euro Einnahmen 76 Millionen an Schulden aus – nicht in der Portokasse des Intendanten findet. Aber die Ausgaben verringern sich, was der Hörfunkdirektor verschweigt, bei aktuell sechs Radiowellen auch ganz unabhängig von hr2-Kultur, nur unwesentlich, wenn man von den sechs Wellen die Kultur mit Konserven aus der Klassikkiste füllt.

Die Produktion von Wortbeiträgen ist teuer, aber sie wird nicht preiswerter, wenn man nur fürs Internet produziert. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Der Doppelnutzen für das lineare Radio und die digitalen Plattformen erhöht die Kosten minimal, vervielfacht aber die Reichweite. So leistete hr2-Kultur seinen Beitrag zur vielbeschworenen Trimedialität des Rundfunks, zur Synthese aus Fernsehen, Radio und Internet. Was Krupp und Sommer ins Werk setzen, ist ein Rückschritt: Sie geben der Bimedialität aus Fernsehen und Internet den Vorrang, indem sie das lineare Kulturradio zur durchhörbaren Abspielstation degradieren.

Das ist blanke Illusion – und menschenunfreundlich

Ein beliebtes, allerdings unlauteres Argument in Sachen hr2-Kultur ist das wechselseitige Ausspielen von jungen Hörern gegen das ältere Publikum. Auf die Frage, ob durch die Reduktion des Kulturradios zur Klassikwelle nicht gerade die Betagteren diskriminiert wären, weil man ihnen zusätzliche Informationen und Analysen vorenthalte, antwortet Heinz-Dieter Sommer nicht der Realität gemäß mit „Ja“, sondern mit der Gegenbehauptung: „Gegenwärtig könnte man eher sagen, dass jüngere Zielgruppen diskriminiert sind.“

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