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Hörfunk : Das Kulturradio schafft sich selbst ab

  • -Aktualisiert am

Nur noch „Entspannung und Unterhaltung”? Bild: RBB

Abholen auf niedrigstem Niveau: Wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk aus Popularitätssucht Hörer verliert und die Kultur sich selbst abschafft. Ein exemplarischer Fall aus Berlin.

          Morgens um sieben ist die Rundfunkwelt längst nicht mehr in Ordnung. Seit zwei Jahren teilt eine Schlafzimmerstimme den Berlinern zum Frühstück ungefähr im Zehnminutentakt fromme Lügen aus. Erst eine Prise des von Sebastian Bach geborgten Gute-Laune-Jingles. Danach das Eigenlob, wahlweise: „Kulturradio gehört zum Leben!“ oder „Kulturradio, hier spielt die Musik!“ Wer so oft lügt, dem glaubt man nicht. Immer weniger Hörer hören zu.

          Seit der letzten Programmreform der Kulturwelle des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) sind die Quoten weiter gesunken, von 1,4 auf ein Prozent. Ein Euphemismus auch, daß hier überhaupt noch „Musik“ gespielt würde. Von ihrem Kontext getrennt, um ihren Sinn amputiert, schwimmen Einzelsätze aus barocken Suiten oder romantischen Sonatensätzen vorüber. Der erste Satz aus Beethovens erster Symphonie wird falsch geblendet.

          Völlig ahnungslose Moderatorin

          Der Gastkritiker spricht die Frühkritik mit einem S-Fehler. Er teilt über eine Uraufführung des Vorabends mit, das Stück sei mal „ein bißchen schneller, mal ein bißchen langsamer“ gelaufen, was die wahnsinnig forsche, unheimlich frische und völlig ahnungslose Moderatorin locker nimmt, denn es kann vorkommen, daß sie auch ein Orchesterstück von Bach mit einer Violinsonate von Mozart verwechselt, und, hoppla, niemand merkt's. Ansagen fallen offenbar aus Prinzip weg, Absagen sind kurz, meist unvollständig, manchmal falsch und immer irgendwie egal bei dieser Morgenstrecke einer Kulturwelle, die, wie Programmchef Wilhelm Matejka gerne wiederholt, eigentlich nur „im besten Sinne populär“ sein will.

          Diesen Wunsch teilen andere Entscheidungsträger der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten auch. Die Kulturwellen des Hessischen Rundfunks, des Norddeutschen Rundfunks und des Mitteldeutschen Rundfunks haben sich ebenfalls schon seit längerem dafür entschieden, ihre Hörer dort „abzuholen“, wo sie angeblich sind: auf niedrigstem Niveau. Der beim RBB amtierende Musikchef Christian Detig, der maßgeblich am letzten Programm-Relaunch beteiligt gewesen war, hat diese allgemein modische Linie am 31. Mai vorigen Jahres morgens um 7 Uhr 45 noch einmal auf den Punkt gebracht: Ein Radioprogramm müsse so gestaltet werden, daß es auch „dem anspruchsloseren Geschmack gefällig und verständlich“ erscheint.

          Entspannung und Unterhaltung

          Angestrebt seien „Entspannung und Unterhaltung“, „demgegenüber fallen die wenigen, die nur von Kant und Hegel ernährt werden wollen, kaum ins Gewicht“. Dies sei, so erläuterte Detig, ein Zitat von Joseph Goebbels und „der Mann immer noch für Überraschungen gut“. Detig weiter: „Ich behaupte mal, das könnte so ohne große Abstriche jeder ARD-Intendant unterschreiben, ich übrigens auch, tue ich aber nicht.“

          Martin Demmler, Redakteur für Neue Musik beim Sender seit siebzehn Jahren, fühlte sich von dieser Äußerung seines Vorgesetzten unmittelbar bedroht. „Ich habe sofort Kant und Hegel ersetzt durch Lachenmann und Schönberg und wußte, das ist kein Witz.“ Man kann diese Reaktion begreifen, sogar wenn man die Vorgeschichte nicht en detail kennt. Tatsächlich hatte Musikchef Detig den Abbau der Neuen Musik am RBB weiter vorangetrieben: Drei von fünf Sendestunden wurden gestrichen, der Etat gekürzt, die Konzertreihe „Musik der Gegenwart“ halbiert.

          Kopflose Reaktion

          Demmler reagierte kopflos: Er verschickte den Moderationswortlaut an diverse ARD-Intendanten und unterschrieb mit falschem Namen. Auch die Verantwortlichen des RBB reagierten hysterisch. Sie kündigten Demmler fristlos wegen Unterschriftenfälschung. Personalrat und Redaktionsausschuß sprachen sich gegen die Kündigung aus: Eine Abmahnung wäre, so heißt es auf oberen Rundfunketagen auch anderswo, wohl eher der normale Weg gewesen. Detig übrigens moderiert weiter.

          Am Mittwoch dieser Woche beginnt nun vor dem Arbeitsgericht in Berlin der Prozeß Demmler gegen den RBB, Ausgang ungewiß. Die Neue Musik beim RBB ist unterdessen verwaist, Praktikanten tun das Nötigste, der Redakteursposten bleibt vakant. „Mit Bestürzung“ registrierten dies Komponisten wie Helmut Lachenmann, Dieter Schnebel, Hans Zender, Manfred Trojahn und Jörg Widmann in einem von Aribert Reimann initiierten offenen Brief. Sie fordern die Wiedereinstellung Demmlers und befürchten, man werde den Fall zum Anlaß nehmen, die Stelle nicht wieder neu zu besetzen. Matejka möchte sich dazu nicht äußern, allenfalls in dehnbarster Weise: „Wir brauchen die Neue Musik“, beteuert der Programmchef. Wo, wann, mit wem und an welchem Sendeplatz, ist damit nicht gesagt.

          Es wäre aber heute schon ein kleines Wunder nötig, ein aus Courage, Sachverstand und Geist entspringendes Mirakel, würde der RBB seinen Redakteur, den kompetenten und langbewährten, wieder einstellen. Dieser Fall ist - nicht zuletzt, weil ein Goebbels-Zitat mit im Spiel war - ganz besonders dämlich gelaufen. Zugleich zeigt er exemplarisch, wie weit der Realitätsverlust und der freudige Selbstabschaffungswahn in den Kulturwellen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten bereits gediehen sind. Das Betriebsklima scheint vergiftet. Draußen laufen die Hörer weg. Wo aber der Kulturauftrag so konsequent an den Nagel gehängt wird, da manövriert sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk ganz von selbst in die Bedeutungslosigkeit.

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