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Hochschulen : Die Lehrsklaven kommen

So wichtig wie die Forschung: die Lehre Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Stumpfe Vorlesungen vom Blatt, unvorbereitete Gespräche mit Studenten, achtlose Themenvergabe bei Hausarbeiten: Die Krise der deutschen Universitäten ist eine Krise ihrer Lehre. Könnte das neue Berufsbild des Lehrprofessors Abhilfe schaffen?

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          Kürzlich schrieb das Geschwister-Scholl-Institut der Universität München eine Stelle für Politologen aus. Habilitiert sollte der Bewerber sein, um Prüfungen abnehmen zu können. Auf zwei Jahre wollte man die Stelle zunächst befristen. Als Gehaltsstufe wurde angeboten, was vor zwanzig Jahren die Nichtpromovierten bekamen. Und weil es um eine Stelle ausschließlich für Lehraufgaben ging, kündigte man den Bewerbern an, sie hätten dabei achtzehn Stunden Unterricht pro Semesterwoche zu leisten. Den 24.000 deutschen Universitätsprofessoren wird derzeit weniger als die Hälfte dieses Deputats abverlangt.

          Das ist „Bologna“. Die Universitäten wissen sich angesichts der von ihnen applaudierten Einführung des Bachelorstudiums mit seinen Tausenden von Prüfungen nicht mehr anders zu helfen als durch die Anstellung von Lehrsklaven. Mehr Studenten, also mehr Klausuren und Referate, zugleich mehr Engagement der Professorenschaft im Bereich der Einheit von Forschung und Drittmittelbeantragung, bei gleichbleibendem Stellenumfang und zunehmender Geschäftigkeit auf Tagungen, in Evaluationen oder Akkreditierungen - es ist seit langem klar, dass selbst der deutsche Professor das Unmögliche nicht möglich machen kann.

          Zu Lasten der Lehre

          Und also werden die Widersprüchlichkeiten dieses Katalogs an Forderungen zu Lasten der Lehre ausgetragen. Denn diese kontrolliert niemand, deren Qualität trägt weder zur Karriere noch zu Einladungen ins Wissenschaftskolleg bei. Eine kurze Publikationsliste ohne Auftritte in englischen Journalen, das wirkt bei Bewerbungen verheerend. Aber unverständliche Auftritte im Seminar, stumpfe Vorlesungen vom Blatt, unvorbereitete Gespräche mit Studenten, achtlose Themenvergabe bei Hausarbeiten und kommentarloses Hinnehmen dieser Arbeiten - das alles gehört, sofern es überhaupt zur Sprache kommt, zur Individualität des naturgemäß zerstreuten, an den Grenzen der Kommunikation und des Menschenverstandes arbeitenden Forschers. Hier sind die Kollegen tolerant. Denn dass mit seiner Lehre alles stimmt, hält der Professor für eine Art natürlichen, durch seine Person garantierten Zustand. Als Forscher lässt man sich vergleichen, als Lehrer verbittet man sich das.

          Der Wissenschaftsrat hat hierfür nun deutliche Worte gefunden. Die Krise der deutschen Universitäten, nicht weniger steht in seinen soeben verabschiedeten Empfehlungen für eine Reform der Personalstruktur an Hochschulen, ist eine Krise ihrer Lehre. Deshalb, so der Vorschlag, solle eine eigene Rolle an den Universitäten geschaffen werden: der Lehrprofessor. Gleich bezahlt wie ihre Kollegen mit den acht Stunden Lehre pro Woche, hätten solche Lehrprofessoren dann deren zwölf zu unterrichten. Dafür müssten sie aber auch verstärkten Zugriff auf Ressourcen erhalten. Man könnte hier in Massenfächern an Korrekturassistenten, an Tutorenstellen und an Bibliotheksmittel denken. Schon bei den Juniorprofessuren wäre, dem wichtigsten politischen Beratungsgremium in Hochschulfragen zufolge, diese Unterscheidung zwischen Lehr- und Forschungsakzent einzuführen.

          Mut und Halbherzigkeit

          Bemerkenswert an diesem Vorschlag ist die Kombination aus Mut und Halbherzigkeit. Mutig ist es, endlich einer offen ausgewiesenen Differenzierung von Forschung und Lehre das Wort zu reden. Es gibt sie ja, siehe den eingangs zitierten Fall, sowieso, nur eben bislang stets auf Kosten des Unterrichts. Von Lehrsklaven, die nur noch aus der Konserve unterrichten und sich angesichts der schon im Anstellungsvertrag dokumentierten Verachtung ihrer Position bei nächster Gelegenheit aus dem Staub machen, hat die Universität nichts, allenfalls der sich lieber in Richtung Exzellenz davonmachende Professor.

          Außerdem forschen ja aktenkundigerweise ohnehin bei weitem nicht alle Professoren. In den Geisteswissenschaften ist überdies auf vielen Gebieten Forschung auch nur von sekundärer Bedeutung, etwa im Vergleich mit dem Desaster der Lehrerausbildung, das sich unser Land leistet. Auf gegebenem Niveau werden weitere Fortschritte der Thomas-Mann-Forschung jedenfalls weniger benötigt als Dozenten, die sich darum kümmern, dass Deutschlehrer Phantasie und Klugheit entwickeln. Keine Humboldtformel macht uns glauben, das Letztere hinge vom Ersteren ab.

          Halbherzig ist es insofern, wenn der Wissenschaftsrat seine eigene Initiative durch die Formulierung schwächt, die Forschungsprofessur solle nach wie vor den Regelfall darstellen. Denn festzustellen, was not tut, müsste man doch den einzelnen Fächern und Universitäten überlassen. Die Chancen eigener Profilbildung liegen etwa für Hochschulen der Peripherie, von Greifswald über Oldenburg und Kassel bis Passau, nicht in flächendeckendem Forschen. Und wenn der Rat rät, die Lehrprofessoren sollten in Hochschul- und Fachdidaktik unterwiesen werden, weshalb „Zentren für Kompetenzvermittlung“ an den Universitäten einzurichten seien, dokumentiert auch das eine bleibende Fehleinschätzung des Problems. Denn um sich von „E-Learning“, Kursen in Präsentationstechnik und der Betrachtung hochschuldidaktischer Folien etwas für besseren Unterricht zu versprechen, setzt nicht nur die Unkenntnis solcher Veranstaltungen voraus. Es übersieht auch, dass die Mängel der Lehre an deutschen Universitäten nicht auf einem Mangel an Kenntnis von Techniken, sondern auf einem Mangel an Interesse beruhen.

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