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Hitler-Parodien : Der Diktator als Prügelknabe

Hitler als Mensch mit elementaren Bedürfnissen: „Der Bonker” Bild: dpa

Hihi, Hitler: Über die in der kommenden Woche startende Filmkomödie „Mein Führer“ wird heiß diskutiert. Dabei machen sich Kino und Comic schon seit Jahrzehnten über die Nazis lustig - und das oft auf brillante Weise.

          „Hitler zu veralbern schien uns wichtig zu sein.“ Der Satz stammt nicht von dem Filmregisseur Dani Levy, dessen Komödie „Mein Führer“ am Montag in Essen ihre Premiere erleben wird und seit Wochen Anlass dazu gibt, Recht- oder Unrechtmäßigkeit von humoristischen Darstellungen Hitlers zu debattieren. Der Satz stammt vielmehr von dem Trickfilmer Ward Kimball, einem Mann, der sich vier Jahre lang, von 1941 bis 1945, mit wenig anderem beschäftigt hat, als Hitler zu veralbern.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Denn die Liste der Hitlerparodien, -travestien und -satiren umfasst weitaus mehr als die immer wieder erwähnten Filme „Der große Diktator“ von Charlie Chaplin (1940) und „Sein oder Nichtsein“ von Ernst Lubitsch (1942). Sobald die Amerikaner 1941 ihre bis dahin mühsam gewahrte Neutralität aufgaben, wurde der Spott über Hitler ein gewaltiges Medienphänomen. Allerdings in Formen, die mehr als die beiden subtilen Komödien am Massengeschmack orientiert waren, nämlich vor allem in Trickfilm und Comic.

          Wüterich oder Würstchen

          Dort konnte man aus Hitler wahlweise einen cholerischen Wüterich oder ein wehleidiges Würstchen machen, und diese Veralberung durch die Banalisierung des Dämonischen ist bis heute der prägende Zug der meisten Hitlerkomik geblieben. Walt Disney etwa verspottete Hitler in „Education for Death“ von 1943 als schwächlichen Siegfried, der eine übergewichtige Germania in den Sattel heben will, im Abspann von „Der Fuehrer's Face“, für den Disney 1944 den Oscar erhielt, pfeffert Donald Duck dem Führer eine Tomate ins Gesicht. Und in dem grandiosen Trickfilm „Russian Rhapsody“, den Robert Clampett 1944 nach einem Entwurf des Kinderbuchautors Roald Dahl drehte, fliegt Hitler höchstpersönlich als Bomberpilot nach Moskau, als sein Flugzeug von den Gremlins sabotiert wird: kleinen koboldartigen Wesen, die den Diktator mit einer Stalin-Maske zu Tode erschrecken.

          „Mein Führer”: Helge Schneider als Hitler

          Die Comics waren noch früher als die Filmindustrie auf Konfrontationskurs zu Deutschland eingeschwenkt. Superhelden wie Captain America oder Daredevil drangen schon vor Kriegseintritt der Vereinigten Staaten regelmäßig in Hitlers Hauptquartier ein und prügelten ihn windelweich. Wesentlich gesitteter benahm sich Superman, der 1940 Hitler und Mussolini entführte, um sie vom Völkerbund aburteilen zu lassen. Und Will Eisner ließ seinen maskierten Rächer „Spirit“ im Frühjahr 1941 auf einen schreckhaften Hitler treffen, der inkognito nach New York gereist war und sich dort zur Demokratie bekehren ließ, ehe sein in Deutschland verbliebener Doppelgänger ihn ermorden ließ. Neben den Schießbudenfiguren gab es also auch nachdenkliche Satiren.

          Rülpsen und Gefluche

          Aber sie alle - ob Trickfilm oder Comic - hatten einen Vorteil: Durch die Verfremdung, die die Zeichnungen erfordern, war eine Distanz zur Wirklichkeit schon gewährleistet, der Vorwurf der Verharmlosung des realen Schreckens verfing nicht. Norman McCabe, Regisseur des Kurzfilms „The Ducktators“ von 1942, der Hitler, Mussolini und Hirohito als größenwahnsinnige Unruhestifter auf einem friedlichen Geflügelhof zeichnet, hat zu den Darstellungen der gegnerischen Machthaber während des Zweiten Weltkriegs angemerkt: „Wenn man den Feind als Verrückten zeigt, dann ist das im Cartoon ein viel geringeres Problem als im Spielfilm.“ Chaplins „Großer Diktator“ wurde denn auch von der amerikanischen Kritik zurückhaltend aufgenommen, doch sie lobte immerhin das Verfahren seiner Satire: „Abscheu, zum Ausdruck gebracht durch die Grundtricks des primitiven Vaudeville, durch Kauderwelsch, Rülpsen, Gefluche und Äthersalat. Nur bei Juvenal findet man Vergleichbares.“ Deshalb setzten die Hitler-Parodisten und -Satiriker danach konsequent auf dieses Rezept.

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