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Historikerstreit : Wie der Papst zu Hitlers Machtantritt stand

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Die Vertreter der Junktimsthese sehen Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, den späteren Papst Pius XII. als den Strippenzieher Bild: picture-alliance / dpa

Vor fünfundsiebzig Jahren nahmen die deutschen Bischöfe ihre früheren Warnungen vor dem Nationalsozialismus zurück. Eine selbständige Entscheidung? Am Ende eines historischen Indizienprozesses steht die Erkenntnis: Deutschlands Katholiken handelten 1933 nicht auf Weisung des Vatikans.

          Hat der Vatikan im Frühjahr 1933 die erste deutsche Demokratie verraten, um mit dem lang ersehnten Reichskonkordat die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen? Über diese Frage wird seit Jahrzehnten heftig gestritten. Drei Ereignisse sind es, die von den Kirchenkritikern in einen kausalen Zusammenhang gebracht werden: Am 23. März stimmten die katholischen Parteien - das Zentrum und die Bayerische Volkspartei - für das Ermächtigungsgesetz. Sie verschafften den Nationalsozialisten damit die notwendige Zweidrittelmehrheit, um die Diktatur auf mehr oder weniger legalem Wege zu errichten.

          Am 28. März, heute vor fünfundsiebzig Jahren, nahmen die deutschen Bischöfe ihre früheren Warnungen vor dem Nationalsozialismus zurück, so dass die Katholiken ohne Gewissenskonflikt in der „Bewegung“ mitarbeiten konnten. Und in der ersten Aprilhälfte begannen schließlich die Verhandlungen über ein Konkordat zwischen dem Deutschen Reich und dem Vatikan, das am 20. Juli des Jahres unterzeichnet wurde.

          Ein Handel zwischen Hitler und der Kirche?

          War das Konkordat der Preis, den Hitler für das Entgegenkommen der katholischen Kirche zahlte? Schon Karl-Dietrich Bracher vermutete in den fünfziger Jahren einen solchen Handel. Seither haben der evangelische Kirchenhistoriker Klaus Scholder und seine Schule diese „Junktimsthese“ immer wieder zu belegen versucht; der katholische Historiker Konrad Repgen und die Kommission für Zeitgeschichte widersprachen vehement.

          Nach einer gründlichen Sichtung der Quellen, die 2003 und 2006 im Vatikanischen Geheimarchiv zugänglich geworden sind, lohnt sich jetzt eine erneute Prüfung der Junktimsthese. Diese steht und fällt mit einer zentralen Grundannahme: Sie ist nur plausibel, wenn auch die katholischen Parteien und der deutsche Episkopat auf Veranlassung des Vatikans handelten. Ein solch komplexer Tauschhandel, wie ihn Klaus Scholder annimmt, wäre ohne eine zentrale Entscheidungsinstanz auf katholischer Seite nicht durchführbar gewesen. So sehen die Vertreter der Junktimsthese Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, den späteren Papst Pius XII., als Strippenzieher, der schon als Nuntius in Deutschland zwölf Jahre lang für ein Reichskonkordat gekämpft hatte. Diese Engführung auf die Person des Kardinalstaatssekretärs ist jedoch problematisch. Das letzte Wort hatte immer noch Papst Pius XI., der die Beschlüsse Pacellis nicht einfach abnickte, wie die detaillierten handschriftlichen Notizen zeigen, die sich Pacelli von seinen Audienzen beim Papst machte.

          Aus Angst vor dem Kommunismus

          Für die Junktimsthese gibt es gute Gründe, vor allem die Einigung zwischen dem Heiligen Stuhl und dem faschistischen Staat in Italien, in der viele ein Modell für Deutschland sahen: 1929 wurde der Vatikan durch die Lateranverträge zu einem souveränen Territorium unter päpstlicher Hoheit. Als Gegenleistung für das Ende der katholischen Parteien in Italien wurden die katholischen Glaubens- und Moralprinzipien staatskirchenrechtlich besonders geschützt.

          Dazu kommt die Furcht des Heiligen Stuhls vor dem Kommunismus, die offenbar im März 1933 einen Stimmungsumschwung zugunsten Hitlers bewirkte. Zu seiner Audienz bei Pius XI. am 4. März 1933 notierte Pacelli: „Hitler ist der erste (und einzige) Staatsmann, der bisher öffentlich gegen den Kommunismus geredet hat. Bislang war dies einzig und allein der Papst gewesen.“ Als der bayerische Gesandte Otto Ritter zu Groenesteyn am selben Tag die Regierungen der Weimarer Republik gegen Polemiken Hitlers verteidigte, erwiderte Pacelli lakonisch: „Es ist freilich wahr, dass diese sich als viel zu nachgiebig gegenüber dem Kommunismus gezeigt haben.“

          Neue Quellen

          Deutlich wird anhand der neu zugänglichen Quellen auch, dass die deutschen katholischen Parteien in der Kurie durchaus kritisch beobachtet wurden. Der Papst sah im Bündnis des Zentrums mit den Sozialdemokraten, wie er seinem Kardinalstaatssekretär im Februar 1931 darlegte, einen „falschen Weg“. Als Alternative wurde immer wieder eine Koalition des Zentrums mit den Deutschnationalen oder der NSDAP erwogen. Der ehemalige Reichskanzler Heinrich Brüning behauptete in seinen Memoiren, Pacelli habe ihm im August 1931 zu einer Koalition mit den Rechten geraten. Pacelli zeigte sich hingegen, wenn er überhaupt Stellung bezog, eher skeptisch und versuchte Verständnis für die Situation des Zentrums zu wecken.

          Der Berliner Nuntius Cesare Orsenigo wiederum hielt eine Verständigung mit dem kirchenfreundlichen Flügel der Nationalsozialisten schon Ende 1930 für möglich - im Falle eines „geduldigen und vorsichtigen Abwartens der Katholiken“. Am 7. Februar 1933 wies er Pacelli ausdrücklich auf Hitlers Wunsch hin, mit der Zentrumspartei zusammenzuarbeiten oder sein Kabinett wenigstens für ein Jahr durch sie tolerieren zu lassen. Weil das Zentrum dafür unter anderem Garantien für die Sicherung der Reichsverfassung forderte, welche die Nationalsozialisten nicht akzeptieren würden, folgerte der Nuntius: „Das Verhalten des Zentrums erscheint momentan als der einzige Grund für Neuwahlen.“

          Im Auftrag Mussolinis

          Nach den Märzwahlen fragte der italienische Botschafter im ausdrücklichen Auftrag Mussolinis am 14. März schließlich direkt bei Pacelli nach, was an Informationen dran sei, nach denen der Heilige Stuhl dem Zentrum „Anweisung gegeben“ habe, die „gegenwärtige Regierung in Deutschland zu unterstützen“. Der Kardinalstaatssekretär notierte sich nur: „Ich habe negativ geantwortet.“ Der Botschafter warnte darauf: „Wenn es zum Zusammenstoß kommt, ist es fatal, sie (die Nationalsozialisten) werden das Zentrum auf Jahre hinaus zunichtemachen.“ Es gibt aber keinen Beleg dafür, dass der Vatikan Druck auf die katholischen Parteien ausübte. Die Zurückhaltung entsprach den Leitlinien der Diplomatie Pacellis, der es, wie es Orsenigo einmal gegenüber von Papen formulierte, vorzog, in rein politischen Fragen nicht angesprochen zu werden.

          Sehr detailliert lässt sich inzwischen darstellen, wie die Verurteilung des Nationalsozialismus und deren Rücknahme durch die deutschen Bischöfe im Vatikan diskutiert wurden. Zumindest anfangs gab es offenbar unterschiedliche Meinungen. Am 30. September 1930 hatte das Mainzer Generalvikariat Katholizismus und Nationalsozialismus für unvereinbar erklärt und den Rassismus als „unchristlich und unkatholisch“ gebrandmarkt. Nach und nach schwenkten alle deutschen Bischöfe auf die Mainzer Linie ein. Und auch beim Papst fand sie Anklang: Als sich 1931 die Konflikte mit den italienischen Faschisten mehrten, deutete er in einer Audienz an, er könne nicht länger ausschließen, die Partei Mussolinis in ähnlicher Weise zu verdammen, „wie dies die deutschen Bischöfe schon mit der Partei Hitlers gemacht haben“.

          Eine moralische Erlaubnis

          Die Botschafter aus Rom, München und Berlin kamen Pacelli gegenüber immer wieder auf die Erklärung der Bischöfe zu sprechen, vor allem nachdem Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war. Am 3. Februar 1933 mutmaßte der italienische Gesandte, die Nationalsozialisten würden die Kirche nicht bekämpfen, wenn die deutschen Bischöfe ihre Verurteilung aufgäben. Er bot Pacelli an, im Sinne des Heiligen Stuhles zu intervenieren. Einen Tag vor der Rücknahme der bischöflichen Warnungen, am 27. März, berichtete Groenesteyn Pacelli von den Gewissenskonflikten des Erbprinzen Albrecht von Bayern. Dieser wünsche sich eine Versicherung des Heiligen Stuhles, dass eine Mitarbeit von Katholiken in der NSDAP moralisch erlaubt sei; er wolle der „Hitlerbewegung“ beitreten, „um Deutschland vor dem Kommunismus zu retten“. Pacelli lobte daraufhin zwar die Regierungserklärung Hitlers vom 23. März, betonte aber, dass er der Entscheidung der Bischöfe nicht vorgreifen könne.

          Schon Mitte März aber hatte Pacelli den in Rom weilenden Münchener Kardinal Michael Faulhaber gebeten, die Möglichkeit einer Rücknahme der bischöflichen Erklärungen einzuschätzen. In einem sechsseitigen Memorandum kam Faulhaber zu dem Fazit: „Wenn die neue Regierung durch die Tat beweist, dass die Befürchtungen der Bischöfe unbegründet waren - wenn die neue Regierung auch weiterhin im Kampf gegen den Anmarsch des Bolschewismus und die öffentliche Unsittlichkeit stark bleibt, werden die Bischöfe das Misstrauen gegen die Partei gerne aufgeben ...“ Einen solchen Schritt befürwortete Orsenigo. Am 22. März schilderte er ausführlich die Eröffnungsfeierlichkeiten des neuen Reichstags am Tag zuvor, dem sogenannten „Tag von Potsdam“, an dem Hitler und Goebbels der katholischen Messe demonstrativ ferngeblieben waren. Orsenigo sah die Notwendigkeit, diesen Konflikt möglichst schnell beizulegen. Das katholische Volk habe sich, „abgesehen von wenigen Ausnahmen, dem neuen Regime mit Enthusiasmus zugewandt“ und die bischöflichen Weisungen „vergessen“.

          Die Entscheidung fiel in Deutschland

          Am 24. März berichtete Orsenigo von einem Treffen mit Hermann Göring, der auf eine Rücknahme der Verurteilung gedrängt habe und sich dabei gerne der Hilfe des Nuntius bedient hätte. Orsenigo kommentierte: „Das würde zwar positive Auswirkungen auf das Ansehen des Heiligen Stuhles haben, andererseits könnte es aber die Empfindlichkeit des Episkopats steigern. Wenn ich wirklich eingeschaltet werden sollte, werde ich Skylla und Charybdis zu vermeiden suchen.“ Diesen Bericht besprach Pacelli am 28. März mit dem Papst. Pius XI. beauftragte seinen Kardinalstaatssekretär, den Nuntius anzuweisen, in vertraulichen Gesprächen die Absichten der deutschen Bischöfe in Erfahrung zu bringen. Ein direktes Eingreifen lehnte er aber mit Nachdruck ab. „Eine Intervention des Papstes ist weder notwendig noch ratsam“, notierte sich Pacelli.

          Zu diesem Zeitpunkt war die Entscheidung bereits gefallen - in Deutschland, nicht in Rom. Adolf Kardinal Bertram, Vorsitzender der Bischofskonferenz, hatte an ebendiesem 28. März eine „Kundgebung der deutschen Bischöfe über die Haltung zum Nationalsozialismus“ publiziert: Nach der Regierungserklärung Hitlers glaubten die Bischöfe, das „Vertrauen hegen zu können“, dass die „allgemeinen Verbote und Warnungen“ vor dem Nationalsozialismus „nicht mehr als notwendig betrachtet zu werden brauchen“. Die „Verurteilung bestimmter religiös-sittlicher Irrtümer“ hoben sie freilich nicht auf. Bereits in einem Bericht vom 26. März, der Pacelli zwei Tage später aber offenbar noch nicht vorlag, hatte Orsenigo von einer entsprechenden Initiative Bertrams berichtet, die „Eure hochwürdigste Eminenz sicher freuen wird“. Heftig kritisierte Orsenigo jedoch, dass die Bischöfe nicht Kontakt mit der Regierung aufgenommen, klare Bedingungen gestellt und Gegenleistungen gefordert, sondern eine Erklärung „voller Hoffnungen“ formuliert hätten.

          Was war die Gegenleistung?

          Am 31. März notierte sich Pacelli, der Papst habe sich „mit der Erklärung des Episkopats einverstanden erklärt“. Er fügte hinzu: „Es ist gut, dass wir nicht abwesend bleiben.“ Gegenüber Groenesteyn äußerte der Kardinalstaatssekretär am selben Tag ähnlich wie zuvor Orsenigo aber Kritik am deutschen Episkopat: Es wäre besser gewesen, wenn „die Bischöfe von der Regierung in einigen Punkten klare Zusagen verlangt hätten“. Der gewiefte Diplomat Pacelli hätte die kirchliche Verurteilung niemals ohne Gegenleistung aufgegeben. Seine Verärgerung belegt, dass er von der Entscheidung weder vorab informiert war noch diesen Schritt angeordnet hatte.

          Von einem Reichskonkordat ist in den vatikanischen Quellen nie die Rede, ehe Orsenigo am 8. April 1933 von „eventuellen Verhandlungen über ein Konkordat mit dem Reich“ berichtete. Bei diesen Verhandlungen erlitt der Diplomat Pacelli eine weitere Niederlage, weil er gerade nicht die Kontrolle über die Entscheidungen der Akteure in Deutschland hatte: Die Zentrumspartei hielt dem Druck der Nationalsozialisten nicht stand und löste sich am 5. Juli 1933 selbst auf, noch bevor das Reichskonkordat unterschriftsreif war. Damit war die Entpolitisierungsklausel des Konkordats, die Geistlichen jegliches Engagement in Parteien verbot, als Verhandlungsmasse wertlos geworden. Pacelli zeigte sich völlig überrascht und sah sich gezwungen, das Konkordat so schnell wie möglich zu unterzeichnen.

          Viele Detailfragen zu den Ereignissen des Jahres 1933 bleiben weiter offen, aber in den Grundzügen ist die Junktimsthese nun durch eine Vielzahl von Indizien widerlegt. Die deutschen Bischöfe und die deutschen katholischen Parteien haben selbständig und nicht aufgrund einer römischen Weisung entschieden.

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