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Historikerstreit : Wie der Papst zu Hitlers Machtantritt stand

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Am 24. März berichtete Orsenigo von einem Treffen mit Hermann Göring, der auf eine Rücknahme der Verurteilung gedrängt habe und sich dabei gerne der Hilfe des Nuntius bedient hätte. Orsenigo kommentierte: „Das würde zwar positive Auswirkungen auf das Ansehen des Heiligen Stuhles haben, andererseits könnte es aber die Empfindlichkeit des Episkopats steigern. Wenn ich wirklich eingeschaltet werden sollte, werde ich Skylla und Charybdis zu vermeiden suchen.“ Diesen Bericht besprach Pacelli am 28. März mit dem Papst. Pius XI. beauftragte seinen Kardinalstaatssekretär, den Nuntius anzuweisen, in vertraulichen Gesprächen die Absichten der deutschen Bischöfe in Erfahrung zu bringen. Ein direktes Eingreifen lehnte er aber mit Nachdruck ab. „Eine Intervention des Papstes ist weder notwendig noch ratsam“, notierte sich Pacelli.

Zu diesem Zeitpunkt war die Entscheidung bereits gefallen - in Deutschland, nicht in Rom. Adolf Kardinal Bertram, Vorsitzender der Bischofskonferenz, hatte an ebendiesem 28. März eine „Kundgebung der deutschen Bischöfe über die Haltung zum Nationalsozialismus“ publiziert: Nach der Regierungserklärung Hitlers glaubten die Bischöfe, das „Vertrauen hegen zu können“, dass die „allgemeinen Verbote und Warnungen“ vor dem Nationalsozialismus „nicht mehr als notwendig betrachtet zu werden brauchen“. Die „Verurteilung bestimmter religiös-sittlicher Irrtümer“ hoben sie freilich nicht auf. Bereits in einem Bericht vom 26. März, der Pacelli zwei Tage später aber offenbar noch nicht vorlag, hatte Orsenigo von einer entsprechenden Initiative Bertrams berichtet, die „Eure hochwürdigste Eminenz sicher freuen wird“. Heftig kritisierte Orsenigo jedoch, dass die Bischöfe nicht Kontakt mit der Regierung aufgenommen, klare Bedingungen gestellt und Gegenleistungen gefordert, sondern eine Erklärung „voller Hoffnungen“ formuliert hätten.

Was war die Gegenleistung?

Am 31. März notierte sich Pacelli, der Papst habe sich „mit der Erklärung des Episkopats einverstanden erklärt“. Er fügte hinzu: „Es ist gut, dass wir nicht abwesend bleiben.“ Gegenüber Groenesteyn äußerte der Kardinalstaatssekretär am selben Tag ähnlich wie zuvor Orsenigo aber Kritik am deutschen Episkopat: Es wäre besser gewesen, wenn „die Bischöfe von der Regierung in einigen Punkten klare Zusagen verlangt hätten“. Der gewiefte Diplomat Pacelli hätte die kirchliche Verurteilung niemals ohne Gegenleistung aufgegeben. Seine Verärgerung belegt, dass er von der Entscheidung weder vorab informiert war noch diesen Schritt angeordnet hatte.

Von einem Reichskonkordat ist in den vatikanischen Quellen nie die Rede, ehe Orsenigo am 8. April 1933 von „eventuellen Verhandlungen über ein Konkordat mit dem Reich“ berichtete. Bei diesen Verhandlungen erlitt der Diplomat Pacelli eine weitere Niederlage, weil er gerade nicht die Kontrolle über die Entscheidungen der Akteure in Deutschland hatte: Die Zentrumspartei hielt dem Druck der Nationalsozialisten nicht stand und löste sich am 5. Juli 1933 selbst auf, noch bevor das Reichskonkordat unterschriftsreif war. Damit war die Entpolitisierungsklausel des Konkordats, die Geistlichen jegliches Engagement in Parteien verbot, als Verhandlungsmasse wertlos geworden. Pacelli zeigte sich völlig überrascht und sah sich gezwungen, das Konkordat so schnell wie möglich zu unterzeichnen.

Viele Detailfragen zu den Ereignissen des Jahres 1933 bleiben weiter offen, aber in den Grundzügen ist die Junktimsthese nun durch eine Vielzahl von Indizien widerlegt. Die deutschen Bischöfe und die deutschen katholischen Parteien haben selbständig und nicht aufgrund einer römischen Weisung entschieden.

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