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Historikerstreit : Wie der Papst zu Hitlers Machtantritt stand

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Sehr detailliert lässt sich inzwischen darstellen, wie die Verurteilung des Nationalsozialismus und deren Rücknahme durch die deutschen Bischöfe im Vatikan diskutiert wurden. Zumindest anfangs gab es offenbar unterschiedliche Meinungen. Am 30. September 1930 hatte das Mainzer Generalvikariat Katholizismus und Nationalsozialismus für unvereinbar erklärt und den Rassismus als „unchristlich und unkatholisch“ gebrandmarkt. Nach und nach schwenkten alle deutschen Bischöfe auf die Mainzer Linie ein. Und auch beim Papst fand sie Anklang: Als sich 1931 die Konflikte mit den italienischen Faschisten mehrten, deutete er in einer Audienz an, er könne nicht länger ausschließen, die Partei Mussolinis in ähnlicher Weise zu verdammen, „wie dies die deutschen Bischöfe schon mit der Partei Hitlers gemacht haben“.

Eine moralische Erlaubnis

Die Botschafter aus Rom, München und Berlin kamen Pacelli gegenüber immer wieder auf die Erklärung der Bischöfe zu sprechen, vor allem nachdem Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war. Am 3. Februar 1933 mutmaßte der italienische Gesandte, die Nationalsozialisten würden die Kirche nicht bekämpfen, wenn die deutschen Bischöfe ihre Verurteilung aufgäben. Er bot Pacelli an, im Sinne des Heiligen Stuhles zu intervenieren. Einen Tag vor der Rücknahme der bischöflichen Warnungen, am 27. März, berichtete Groenesteyn Pacelli von den Gewissenskonflikten des Erbprinzen Albrecht von Bayern. Dieser wünsche sich eine Versicherung des Heiligen Stuhles, dass eine Mitarbeit von Katholiken in der NSDAP moralisch erlaubt sei; er wolle der „Hitlerbewegung“ beitreten, „um Deutschland vor dem Kommunismus zu retten“. Pacelli lobte daraufhin zwar die Regierungserklärung Hitlers vom 23. März, betonte aber, dass er der Entscheidung der Bischöfe nicht vorgreifen könne.

Schon Mitte März aber hatte Pacelli den in Rom weilenden Münchener Kardinal Michael Faulhaber gebeten, die Möglichkeit einer Rücknahme der bischöflichen Erklärungen einzuschätzen. In einem sechsseitigen Memorandum kam Faulhaber zu dem Fazit: „Wenn die neue Regierung durch die Tat beweist, dass die Befürchtungen der Bischöfe unbegründet waren - wenn die neue Regierung auch weiterhin im Kampf gegen den Anmarsch des Bolschewismus und die öffentliche Unsittlichkeit stark bleibt, werden die Bischöfe das Misstrauen gegen die Partei gerne aufgeben ...“ Einen solchen Schritt befürwortete Orsenigo. Am 22. März schilderte er ausführlich die Eröffnungsfeierlichkeiten des neuen Reichstags am Tag zuvor, dem sogenannten „Tag von Potsdam“, an dem Hitler und Goebbels der katholischen Messe demonstrativ ferngeblieben waren. Orsenigo sah die Notwendigkeit, diesen Konflikt möglichst schnell beizulegen. Das katholische Volk habe sich, „abgesehen von wenigen Ausnahmen, dem neuen Regime mit Enthusiasmus zugewandt“ und die bischöflichen Weisungen „vergessen“.

Die Entscheidung fiel in Deutschland

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